Futter für die Ohren mit Kettcar, Emma Bunton, Stella Donnelly, Trupa Trupa, Rocko Schamoni und Popstickels


Kettcar Scheine in den Graben Review Kritik

Mit zehn Gästen haben Kettcar einen neuen Song gemacht. Foto: Fleet Union

Es gibt noch kein Video dazu, aber für eine so großartige Band wie Kettcar machen wir bei Neuigkeiten im „Futter für die Ohren“ natürlich gerne eine Ausnahme – erst recht, wenn sie auch noch eine so illustre Schar an Gästen im Schlepptau hat. Neben der heute startenden Tour, der am Dienstag ohne großes Brimborium veröffentlichten Single Palo Alto und der für 15. März angekündigten EP Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich), die man als so etwas wie Gegenstück zum aktuellen Album begreifen kann, ist Scheine in den Graben (****) der nächste Beweis des aktuellen Kreativitäts- und Produktivitätsschubs bei Kettcar. Mitgewirkt haben gleich zehn Gäste: Schorsch Kamerun (Die goldenen Zitronen), Bela B (Die Ärzte), Felix Brummer (Kraftklub), Jen Bender (Großstadtgeflüster), Jörkk Mechenbier (Love A), Sookee, Gisbert zu Knyphausen, Marie Curry (Neonschwarz), Safi und David Frings (FJØRT). So unterschiedlich diese Künstler in ihrem eigenen Schaffen sind, so klar wird, was sie hier vereint: Die Entschlossenheit, die Welt nicht hinzunehmen, wie sie ist, bei Problemen und Widersprüchen nicht wegzuschauen. Konkret geht es in Scheine in den Graben um Charity-Events. Menschen, die mit mitunter fragwürdigen Methoden und auf Kosten der weniger Privilegierten sehr viel Geld gemacht haben, geben mit großer Geste einen kleinen Teil dieses Gelds wieder ab – und werden dafür auch noch hofiert, statt dass man sie wegen der Quellen ihres Vermögens zur Rechenschaft zieht. Solche Show-Wohltätigkeit ist natürlich ekelhaft, bringt zu einem gewissen Grade aber eben doch auch Gutes auf den Weg – diesen Spagat bringen Kettcar hier mit der Zeile „Ein Gewissen stellt sich quer“ oder dem Slogan „Empathie most wanted“ perfekt und erstaunlich wütend auf den Punkt.

Bevor sie im Mai und Juni die sehnsüchtige erwarteten Comeback-Konzerte mit den Spice Girls geben wird (unter anderem an drei aufeinander folgenden Abenden im Wembley-Stadion), hat Emma Bunton noch ein paar sehr wichtige Termine. Am 12. April erscheint mit My Happy Place ihr neues Soloalbum, somit ihr erstes neues Material seit zwölf Jahren. Schon jetzt gibt es die Single Baby Please Don`t Stop (***). Inhaltlich ist das natürlich nur einen Hauch über Null („drive me crazy“, „feel your love“ und weitere Klischees dominieren den Text), ein netter Sixties-Sound und natürlich diese noch immer extrem niedliche Stimme retten das Ganze aber problemlos. Das Album wird dann unter anderem ein Duett mit Robbie Williams (zusammen singen sie den Spice-Girls-Klassiker 2 Become 1) und Kollaborationen mit Will Young, Josh Kumra und ihrem Freund Jade Jones geben. Der Albumtitel bezieht sich dabei einerseits auf das traute Heim, andererseits auf die Tätigkeit als Sängerin, sagt die 43-Jährige. „Ich fühle mich dort am wohlsten, wo ich von meiner Familie und meinen Freunden umgeben bin. Wo ich Musik hören kann und gleichzeitig im Studio bin. All das spiegelt sich auf diesem Album wider. Als ich im Studio gearbeitet habe, sind meine Kids zwischendurch vorbei gekommen, ein paar Freunde haben Hallo gesagt und auch meine Mutter hat sich jeden Song immer und immer wieder angehört. Im Studio zu sein, macht mich einfach wahnsinnig happy. Ich bin glücklich, dass ich immer noch Songs schreiben, aufnehmen und live singen darf. Das ist für mich wie Magie.“

Im Hause Sub Pop lässt sich in letzter Zeit eine Vorliebe für Künstler aus Polen beobachten, die vor allem von Jonathan Poneman, einem der Gründer des Labels, vorangetrieben wird. Nach Tobiasz Biliński alias Perfect Son als erster polnischer Künstler, der bei Sub Pop einen Vertrag bekam, gesellen sich nun Trupa Trupa hinzu. Die Band aus Danzig besteht aus Grzegorz Kwiatkowski (Gesang, Gitarre; er hat in seiner Heimat auch schon einen Literaturpreis gewonnen), Wojciech Juchniewicz (Gesang, Bass, Gitarre), Rafał Wojczal (Gitarre, Keyboards) und Tomasz Pawluczuk (Schlagzeug) und hat bereits vier Alben veröffentlicht. Einen Ausblick auf das nächste Werk gibt Dream About (***1/2). Der Song ist zugleich stoisch und verspielt, hypnotisch und mitreißend, schräg und einschmeichelnd. Ein schöner Beleg dafür, dass Postrock am besten ist, wenn er auch Melodie im Blick hat und unter der 4-Minuten-Marke bleibt.

Blödes Timing? Nein, natürlich eine posthume Würdigung. Rocko Schamoni hat vorgestern seine neue Single mit dem Titel Mark Hollis lebt! (****) veröffentlicht. „Mich haben wenige Musiker in meinem Leben mehr berührt als er. Ich bin gerade in den letzten Monaten wieder in eine heftige Mark-Hollis-Spirale geraten. Zyklisch kehre ich zu ihm zurück, regelmäßig, alle drei bis vier Jahre, als wenn er ein Ankerpunkt in meinem musikalischem Universum wäre. Die Aufregung in seinen Kompositionen, das ständigen Brechen und Vorantreiben, die erstaunlichen Wendungen und perfekten Setzungen haben mich maximal geformt“, erklärt er. Diese Faszination wollte er demnächst mit einem Film ausleben, dessen Plot so aussehen sollte: Rocko Schamoni macht sich, begleitet von Kameramann Oliver Schwabe (Fraktus), auf den Weg nach England, um dort Mark Hollis zu finden und ihm einen Strauß Blumen zu überreichen. Nach dem Tod des Talk-Talk-Masterminds wird daraus jetzt nichts mehr, dafür gibt es eben das Lied als Huldigung, das mit viel Eleganz und Liebe („Ich habe ihn gesucht / und habe ihn gefunden / ganz tief in meiner Brust / dreht er seine Runden“) diese Filmidee rettet.

Noch eine Woche müssen wir uns gedulden, bis das Debütalbum von Stella Donnelly erscheint. Die Wartezeit kann man sich mit Tricks (****) verkürzen, und wie dieser Vorgeschmack zeigt (und auch die anderen Vorab-Tracks Lunch und Old Man bewiesen haben), darf man wohl einen Longplayer voller Ehrlichkeit, Witz, Gefühl, Stolz und Intelligenz erwarten. Die Australierin blickt in diesem Song rund um die Refrainzeile „You only like me when I do my tricks for you“ sowohl auf ein paar seltsame Eigenheiten ihres Heimatlandes als auch auf ein paar noch seltsamere Rituale im Musikgeschäft. „Man kann das Lied als ein verspieltes Hineinzoomen in die so genannte ‚australische Identität’ verstehen, ebenso wie als sanften Seitenhieb auf all die Idioten, die mich angebrüllt haben, als ich noch Konzerte am Sonntagnachmittag spielte. Wahrscheinlich hatte ich es nicht besser verdient, weil ich jedes Wochenende Wonderwall gespielt habe“, sagt die Sängerin, die 2017 schon die EP Thrush Metal vorgelegt hatte.

Wo wir gerade bei schlechten Wortspielen sind: Popstickel nennt sich eine Band aus Berlin, die gerade ihr Debütalbum Nice vorgelegt hat. Mildernde Umstände dafür gibt es, weil die Band von zwei Brüdern namens Stickel gegründet wurde, Hannes und Andreas mit Vornamen. Dritter im Bunde ist Johan Fink, alle drei Bandmitglieder haben ihr jeweiliges Instrument studiert. Spiel (*1/2) heißt eine der beiden bereits verfügbaren Singles, sie vermengt ein paar exotische Rhythmen mit Bläsern und einem kruden Text, der womöglich Castingshows kritisieren will. Das Problem dabei: In der Tat wirkt das bloß wie ein Spiel. Dass hier wirklich Überzeugung, Herz oder gar Notwendigkeit drinstecken, glaubt man in keiner Sekunde – und dass die schon 2007 gegründete Band erst jetzt auf die Idee kommt, ein Album zu machen, scheint den Verdacht zu bestätigen, dass hier drei sehr kompetente Musiker letztlich nichts zu sagen und keine klare Vorstellung von ihrem eigenen künstlerischen Ziel haben.

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