Futter für die Ohren mit Kylie Minogue, Eels, Maxïmo Park, You Me At Six, Gregor McEwan und Jamie Lenman


Kylie Minogue Review

Kylie entdeckt die Magie – die Disco kennt sie ja schon. Foto: Add On Music / Christian Vermaak

Beinahe staunt man, dass es von Kylie Minogue noch kein Album namens Disco gibt. In der Tat enthält ihre Diskographie aber noch keine Platte diesen Titels, das wird sich am 6. November ändern. Als weitere Kostprobe gibt es die Single Magic (***), produziert von PhD (alias Peter Wallevik & Daniel Davidsen). Dass diese beiden auch schon für Boyzone, Mel C oder Olly Murs gearbeitet haben, hört man: Der Track ist Tanzbarkeit von der Stange, eher an Klassikern aus den Siebzigern wie Earth Wind & Fire orientiert als an zeitgenössischen Acts, entwickelt aber pünktlich mit dem zweiten Refrain seine Wirkung. Das Video bietet passend dazu reichlich Glitzer und Glamour, auch der legendäre Kapuzenanzug wird (in abgewandelter Form) noch einmal ausgeführt. Auf der Optik liegt auch sonst, so muss das wohl sein bei Disco, besonderes Augenmerk: Die Visuals hat Kylie zusammen mit Creative-Director Kate Moross entwickelt, wahrscheinlich ist dabei (in der Hoffnung auf eine Zeit nach Corona) auch ein Bühnenbild mitgedacht. Das ist zwar nicht vollständig magisch, dürfte den bereits 80 Millionen verkauften Tonträgern der Australierin aber definitiv einige hinzufügen.

Schon heute haut Jamie Lenman sein Mini-Album King Of Clubs heraus. Wer schon vermutet hat, dass es dabei keineswegs um die Vorherrschaft in den Tanzlokalen dieser Welt geht, sondern um eine Spielkarte, wird sich durch die dritte Single Like Me Better (****) bestätigt sehen, in der das Kreuz-Ass ganz zu Beginn des Clips zu sehen ist. Der Song „schaffte es in dem Moment auf das Album, in dem ich mich entschied, etwas tiefgründigeres als eine EP zu machen“, sagt Lenman, dem wir auch gleich die Beschreibung des Stücks überlassen können: „Ich musste mich meinen Instinkten widersetzen und der Stärke des Songs vertrauen, um ihn nicht komplexer und wirrer zu machen, als er sein musste. Drei Akkorde und ein langsamer Beat, das ist alles. Am Ende habe ich trotzdem noch ein großes Riff eingefügt – einfach weil ich große Riffs liebe. Ansonsten ist es aber eine einfache Melodie, die genau das richtige für den Song ist.“ In der Tat sind die Zutaten enorm reduziert, teilweise sogar monoton, das Ergebnis wird aber so spannend und kraftvoll, wie man es beim ehemaligen Reuben-Frontmann gewohnt ist. Und beim zweiten, dritten und vierten Durchlauf gefällt natürlich auch der Song – nomen est omen – noch einmal besser.

Noch bin zum nächsten Jahr muss man auf die neue Platte von You Me At Six warten (Suckapunch erscheint am 15. Januar), aber die Zwischenzeit können sich Fans schon mit der neuen Single Beautiful Way (***) vertreiben. Auch hier geht es, wie bei Jamie Lenman, um eine geheime, vielleicht sogar unfreiwillige oder gar unheilvolle Verbindung zwischen zwei Menschen. „We’re fucked up in a beautiful way“, bringt Sänger Josh Franceschi diese Situation im enorm wirkungsvollen Refrain zum Ausdruck: „Wir sind seit geraumer Zeit auf der Suche nach Glück, sowohl gemeinsam als auch individuell. Was wir dabei herausgefunden haben: Glück ist mehr als nur ein Geisteszustand“, sagt er. „Wir mussten uns unserem Schmerz direkt stellen und ihn in etwas Positives verwandeln. Unser siebtes Studioalbum ist das Ergebnis davon, dass wir Frieden und Akzeptanz für das finden, was war und ist.“ Wer in diesen Zitaten fernöstliche Denkansätze erkennt, liegt nicht falsch: Suckapunch wurde erneut mit Produzent Dan Austin (Biffy Clyro, Massive Attack, Pixies) aufgenommen, und zwar im Karma Sound Studio in Bang Saray, Thailand. Auch das Video hat sich von der chinesischen Mythologie inspirieren lassen, genauer gesagt vom Konzept des „Roten Fadens des Schicksals“, der eine unsichtbare Anziehungskraft zwischen zwei Menschen beschreibt, die dazu bestimmt sind, sich zu lieben.

Zwei Welten lässt Gregor McEwan in seiner neuen Single Forever Ago (***1/2) aufeinander treffen. Das gilt für den Sound: Er ist auch hier sensibel und hymnisch, wie man das bei ihm schätzt, dazu gibt es aber auch einen irritierend-düsteren Teil mit einem verfremdeten Streichern, der für viel Spannung sorgt. Auch im Video wird die Idee aufgegriffen: Der scheinbaren Idylle eines Waldspaziergangs, die in Corona-Zeiten mit ihren Frischluft- und Einsamkeitsempfehlungen womöglich noch ein bisschen verlockender wirken könnte, werden die Erinnerungen an Horror- und Science-Fiction-Filme entgegengesetzt. Der Aufforderung „Melt all weapons / build guitars“ kann man sich natürlich auch sofort anschließen. Der Song gehört zu seinem aktuellen Jahreszeiten-Songreigen, am 16. Oktober ist Gregor McEwan in Leipzig im Horns Erben live zu sehen.

Der überaus geschätzte Mark Oliver Everett scheint gerade von der Muse geküsst: Schon die Singles Baby Let’s Make It Real und Who You Say You Are waren eben so unerwartet erschienen wie gelungen. Jetzt kündigt er ein neues Album der Eels an, das Earth To Dora heißen, zwölf selbst produzierte Songs enthalten und am 30. Oktober erscheinen wird. Der erste Vorgeschmack ist die Single Are We Alright Again (****). „Diese Songs entstanden kurz bevor die Pandemie zugeschlagen und alles verändert hat“, berichtet Everett alias E. „Ich hoffe, sie können vielleicht irgendwie beruhigend sein oder so. Weil es Songs sind, die sich mit Dingen befassen, von denen wir träumen und nach denen wir uns jetzt wohl zurücksehnen. Oder vielleicht beschäftigen sich Leute gerade auch mit einigen der Themen.“ Die Wirkung als Trostpflaster sollte problemlos funktionieren bei einer so warmen, optimistischen, fast kindlichen Herangehensweise und einem Sound, der auf einer schüchternen Orgel basiert, ein paar Soul-Elemente einfließen lässt und sich erst ganz am Ende ein bisschen Extravaganz erlaubt. Das ist kein Ersatz für ein Covid-19-Medikament, aber immerhin wieder einmal Novocaine For The Soul.

Maxïmo Park sind nach dem Ausscheiden von Lukas Wooller nur noch ein Trio, zeigen aber mit Child Of The Flatlands (***), dass sie dadurch nicht an Kreativität eingebüßt haben. Man weiß natürlich, dass die Band aus Newcastle auch nachdenklich und sozialkritisch sein kann, so abstrakt (und unrockig) wie hier haben sie diesen Ansatz aber noch nie umgesetzt. Sänger Paul Smith blickt darin auf seine Kindheit zurück, das Video (umgesetzt mit dem Designer und Videoregisseur Greg Hodgson) greift entsprechend die Ästhetik eines ziemlich mitgenommenen VHS auf. „Child Of The Flatlands ist ein liebevoller Blick auf die psychischen und physischen Randgebiete der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, unterbrochen von Schnappschüssen des modernen Großbritanniens, von einem fernen Hügel aus gesehen“, erklärt Smith. „Es geht um die Unvermeidlichkeit der Natur (im wahrsten Sinne des Wortes) und um die Ordnung, die wir ihr aufzuzwingen versuchen.“ Das dürfte für Fans der ersten Stunde zumindest eine Irritation sein – und somit die Spannung auf ein wohl anstehendes Album steigern.

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