Futter für die Ohren mit Milky Chance, Die Regierung, Charlie Cunningham, Entrance und Candelila


Entrance Guy Blakeslee Not Gonna Say Your Name

Entrance legt sich mit dem neuen US-Präsidenten an. Foto: Guy Dallas/verstaerker.com

Schon wenige Tage nach der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten hat Entrance keine Lust mehr auf Donald Trump. Der Mann, der eigentlich Guy Blakeslee heißt, hat jetzt sogar einen Protestsong veröffentlicht. Not Gonna Say Your Name (****) träumt von einem Land, in dem man nicht mit Hass, Angst und Medienmanipulation seine Politik machen und reichlich Wählerstimmen gewinnen kann. “I really wanted to write a song expressing my own feelings about the election and the state of things in our country – like many I was in a state of mourning. I wondered, how can I sing about this without saying his name?”, sagt der 36-Jährige aus Los Angeles. Die Antwort ist ein Song, der nach bestem, unversöhnlichen und aufrechten Sixties-Aktivismus klingt, mit Akustikgitarre und Chorgesang, in getragenem Tempo, mit hymnischem Gestus und Zeilen wie „You let your name be a symbol of hate“. Das ist natürlich auch als ein kleiner Vorgeschmack auf das neue Album von Entrance (Book Of Changes erscheint am 24. Februar) gedacht, aber als Marketing-Gag sollte niemand diesen Song missverstehen. Wie wichtig dieses Anliegen dem „spirituellen Revolutionär“ (so hat ihn Cat Power einmal genannt) ist, unterstreichen vielmehr auch die Rahmenbedingungen von Not Gonna Say Your Name: Sämtliche Einnahmen von Verkäufen und Streams gehen an Planned Parenthood, das Plattencover greift ein berühmtes Punk-Motiv von Jamie Reid auf, im Video sind Szenen von Anti-Trump-Demonstrationen zu sehen. Sehr ernst, sehr wichtig, sehr schön.

Ein Statement zur Lage der Welt ist in gewisser Weise auch Intimität (***), der gerade veröffentlichte Vorab-Song für das neue Album von Candelilla. Der These, dass es im Post-Privatsphäre-Zeitalter keine kleinen Momente der innigen, vertrauten, geheimen Nähe mehr gäbe, setzen sie eine Aufzählung entgegen von immerhin 63 Dingen, die alle eine Ausprägung von Intimität sein können. „Ein Versprechen“ gehört ebenso dazu wie „eine Pause“ oder, besonders schöner Gedanke, „ein Coversong“. Die Musik dazu ist Kunstrock mit straightem Beat, verstörter Gitarre und ein wenig Joy-Division-Kälte, das Video bietet eine nackte Tanz-Performance und endet in einer Galerie – passend zum Kunst-Anspruch der in München gegründeten Band, die auch schon mit Steve Albini gearbeitet hat. Das von Tobias Levin produzierte Album Camping, dritter Longplayer von Candelila, erscheint am 3. März. Im Rahmen der anschließenden Tour ist die Band dann am 20. April live in der Spnkelue in Leipzig zu sehen.

Am selben Tag gastiert übrigens auch Die Regierung in unserer schönen Stadt, nämlich im ebenso schönen Werk 2. Die Band wird dann ebenfalls ein neues Studioalbum im Gepäck haben, mit Bemerkenswerte Menschen (***1/2) gibt es bei Soundcloud nun einen ersten Vorgeschnack. Die Regierung war 2015 aus Anlass des 30. Jubiläums ihres Debütalbums Supermüll in Originalbesetzung auf Tour gegangen und ist dabei glücklicherweise wieder auf den Geschmack in puncto Zusammenarbeit gekommen, sodass es nun neues Material und am 24. März tatsächlich ein viertes Album namens Raus geben wird, das von Norman Nietzsche (The Whitest Boy Alive, Masha Qrella, Chuckamuck) und Ralf Schlüter produziert wurde. Der Song macht zunächst klar, wie unfassbar sehr man die Stimme von Tilman Rossmy noch immer liebt, erst recht, wenn er davon erzählt, wie es war, sich vom Traum des großen Durchbruchs genau in dem Moment zu verabschieden, als die Kollegen der Hamburger Schule (Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne) gerade durchstarteten. „Irgendwie haben wir alle gedacht / da draußen ist viel mehr Kundschaft / mit einem Interesse an der eigenen Geschichte / an Geschichten von bemerkenswerten Menschen“, lautet einer der ernüchternden Gründe. Der Song paart eine reizvolle Unruhe mit der nötigen Kernigkeit und enthält am Ende erstaunliche viele Synthesizer-Sounds. Dominiert wird er natürlich nach wie vor vom unanchahmlichen Gesang Tilman Rossmys, der ebenso direkt wie lakonisch ist. Immer klingt dieser Mann, als würde er von der Gästecouch aus berichten, nach einer Nacht, die man zusammen durchzecht hat, in der man viel Weisheit gefunden und dann wieder weggespült hat, sodass nur ein Hauch von Romantik, Nostalgie und Pragmatismus übrig bleibt und die Gewissheit, dass der Schlüssel zu allem in den Liedern unserer Helden steckt.

Einen besseren Titel als Minimum kann es kaum geben für eine Single von Charlie Cunningham. Der Songwriter aus London arbeitet fast nur mit Gesang und Konzertgitarre, und was man damit alles anstellen kann, hat er schon auf drei EPs und bei umjubelten Konzerten bewiesen. Ende Januar gibt es seine Musik erstmals im Albumformat, Lines wird das Debüt heißen. Die zweite Vorab-Single Minimum (***1/2) hat er gerade bei Soundcloud platziert, zudem gibt es bei YouTube eine Live-Performance des Songs aus der St. Johns-Kirche in Hackney. Das Video zeigt ebenso wie das Lied, dass die Musik von Charlie Cunningham natürlich nicht nur von seiner einschmeichelnden Stimme und dem virtuosen, oft vom Flamenco beeinflussten Gitarrenspiel lebt, sondern auch von feinen Arrangements, die diese Kernelemente begleiten, in diesem Fall Percussions und ein Synthesizer. Minimalistisch ist das natürlich trotzdem – und sehr hübsch.

„Es war grandios. Jeder Tag war ein Abenteuer“, sagt Clemens Rehbein über die Tournee seiner Band Milky Chance nach dem Überraschungserfolg des Debütalbums Sadnecessary, inklusive der Hits Stolen Dance, Down By The River und Flashed Junk Mind. „Als Künstler regt es deine Kreativität an, wenn du einfach in einen Bus steigen und an einen neuen, unbekannten Ort fahren kannst. Aber man muss auch irgendwo Wurzeln schlagen“, hat er mittlerweile erkannt. Das zweite Album des Duos, das Blossom heißen und am 17. März erscheinen wird, ist geprägt von dieser Sehnsucht, verstärkt durch die Tatsache, dass Clemens Rehbein mittlerweile Vater geworden ist. Dem neuen Vorab-Track Doing Good (**1/2) hört man das an: Da ist erstens Dankbarkeit für die eigene Position, zweitens die Gelassenheit, die bei Milky Chance stets einen gewichtigen Teil des Charmes ausmacht, aber auch eine Nervosität und Gitarre und in den Beats von Philipp Dausch, die ein wenig um das Erreichte zu bangen scheint. Das Hit-Potenzial ist zwar begrenzt, aber man darf gespannt sein, wie sich diese Weiterentwicklung auf Albumlänge anhören wird.

Entrance: Verstärker

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