Futter für die Ohren mit Noel Gallagher, Bleached, Ralph Pellymounter, Julia Shapiro und K. Flay


Noel Gallagher Black Star Dancing

Diesmal wirklich: Noel Gallagher macht Dance-Musik. Foto: Mitch Ikeda/verstaerker.com

Schon ein paar Mal hatte Noel Gallagher ja angekündigt, mal etwas anderes zu machen als göttliche Rockhymnen. Auch in einem Traditionalisten wie ihm schlummert offensichtlich der Wunsch, der Welt beweisen zu können, dass er auch modern und überraschend sein kann. So richtig wahr gemacht hat er diese Ankündigung aber nie. Bei Oasis fanden die Ambitionen meist in Form von elektronischen Remixes auf B-Seiten ihr Ende (immerhin haben sich da auch Größen wie The Prodigy oder die Chemical Brothers verewigt), die Spekulationen zu Beginn seiner Solokarriere, er könne nun viel psychedelischer werden, haben sich auch als Trugschluss entpuppt. Jetzt scheint er es aber wirklich ernst zu meinen. Am 14. Juni erscheint die fünf Tracks umfassende EP Black Star Dancing, und sowohl das erste als auch das letzte Wort in diesem Titel hatte man bisher nicht unbedingt mit Noel Gallagher verbunden. Die heute erscheinende neue Single, zugleich der Titelsong (***), integriert nach seinen Worten „Einflüsse von David Bowie, INXS, U2, Queen, Indeep und ZZ Top. Wahrscheinlich habe ich in letzter Zeit ein bisschen zu viel Top Of The Pops geschaut“. Dass er sich mit diesem Witz vorsichtshalber ein wenig vom eigenen Werk distanziert, ist ebenso ungewöhnlich wie der Sound: Zu einem gebremsten Discobeat und hohen Streichern gibt es einen prägnanten Bass, eine Gitarre, die bis auf das Solo am Ende eher funky als heavy ist, und einen sphärischen Frauengesang im Refrain. Auch seine Stimme würde man kaum auf Anhieb erkennen. Wer jetzt als Rock’N’Roll-Purist „Verrat!“ schreit wie einige der YouTube-Kommentatoren bei diesem neuen Song, hat offensichtlich vergessen, dass Noel Gallagher einst ein Rave-Jünger in der Hacienda war und diese Einflüsse vor allem auch in das frühe Werk von Oasis integriert hat. Immerhin einen großen Fan für Black Star Dancing hat er nach eigenen Angaben schon gefunden: Kein Geringerer als Nile Rodgers von Chic sei durchs Studio getanzt, als er das Lied gehört habe, und sei zum Schluss gekommen: „It’s dope.“

Schon mit Bad Vibes hatte K.Flay angedeutet, dass man für ihr drittes Album (was kaum möglich erscheint) noch einmal eine Qualitätssteigerung erwarten darf. Diese Vermutung bestärkt This Baby Don’t Cry (****) als zweiter Vorab-Track. Im Song beschwört sie die Unbeschwertheit der Kindheit herauf – ein Gedanke, der auch sonst eine wichtige Rolle für das neue Album gespielt hat. Nach dem Ende der Tour zum Vorgänger Every Where Is Some Where „war ich ziemlich am Ende und echt mies drauf“, sagt K.Flay. „Irgendwann fasste ich dann, um da herauszukommen, den Entschluss, mich nur noch auf das zu konzentrieren, was mich glücklich macht: Spaziergänge durch meine Nachbarschaft, Filzstiftzeichnen in irgendwelchen Notebooks, mit meiner Mutter telefonieren. Ich fragte mich: ‚Was habe ich eigentlich als Kind gemacht, um mich gut zu fühlen? Was hat mich damals glücklich gemacht?‘ In der Welt der Kinder existieren schließlich ein paar Dinge noch gar nicht: kein Alkohol, keine Drogen, Sex, Koffein. Und ich dachte zurück an die Zeit, in der mir einfach das Musikmachen so viel Spaß gemacht hat. Ich dachte an den Tag, an dem ich meinen ersten Song geschrieben, ihn auf CD gebrannt und mir im Auto angehört hatte – das war derjenige Moment in meinem Leben, der einer religiösen Erfahrung am nächsten kommt. Na ja, genau an diesen Geisteszustand wollte ich anknüpfen – und einfach aufhören, alles so verdammt ernst zu nehmen.“ Das zeigen ein paar nette Zitate im Song ebenso wie das putzige Strichmännchen-Lyric-Video, natürlich auch die Handclaps und das wilde Gitarrensolo. Das Album wird Solutions heißen, zehn Songs enthalten, am 12. Juni erscheinen und K. Flay für eine Deutschland-Tour erfreulicherweise auch nach Leipzig führen, nämlich am 5. November ins Werk 2.

Perfect Version heißt das Soloalbum, das Julia Shapiro am 14. Juni vorlegen wird. Als eine andere Version von ihr scheint im Video zu A Couple Highs (***) eine Hündin zu fungieren, mit der sie durch Seattle spaziert. Der Clip (Regie: Claire Buss) passt wunderbar zur Melancholie des Songs, den die Sängerin (im Hauptberuf Frontfrau von Chastity Belt) als zweiten Vorboten für die Platte ins Rennen schickt. Ähnlich wie bei K. Flay war auch bei ihr eine Krise am Ende einer Tour der Ausgangspunkt fürs Album. „Ich hatte wirklich zu kämpfen. Ich war echt deprimiert. Ich hatte den Eindruck, ich könnte nicht mehr singen oder auch bloß ein Mensch sein“, erzählt sie über diese Phase. Nimmt man A Couple Highs und den ebenfalls schon veröffentlichten Song Natural als Maßstab, darf man wohl ein sehr intimes Album erwarten, das als Reaktion auf diese Krise entstanden ist. Zumindest für sich selbst scheint sie damit schon den ersten Schritt hin zu mehr Lebensmut gegangen zu sein: „Als sich der Rest meines Lebens anfühlte, als sei er totales Chaos, war das Album die eine Sache, bei der ich alles unter Kontrolle haben konnte.“

Bleached legen nach Shitty Ballet ebenfalls den zweiten Vorgeschmack auf das neue Album vor. Auch Hard To Kill (***1/2) macht unmissverständlich deutlich, dass sich Jessie und Jennifer Clavins weiterentwickelt haben. Funk und Disco hatte man bisher jedenfalls nicht gerade von ihnen erwartet, aber genau das gibt es jetzt hier, inklusive Kuhglocke und weiteren wilden Percussions sowie einem Gesang, der Debbie Harry stolz gemacht hätte. Die Frage Don’t You Think You’ve Had Enough?, die dem neuen Album den Titel geben wird, scheint also programmatisch für einen Neuanfang des Duos zu stehen. Das zeigt sich auch in der Arbeitsweise: Anders als auf dem Vorgänger wurden diesmal alle Songs im nüchternen Zustand geschrieben, was sich für Jennifer Clavin „beinahe wie eine spirituelle Erfahrung“ anfühlte. Hard To Kill interpretieren die Schwestern demnach als Hymne gegen die Selbstzerstörung. Mit Shane Stoneback (Vampire Weekend, Sleigh Bells) ist auch ein neuer Produzent an Bord. Das Album kommt am 14. Juli.

Als Frontmann von To Tell A King hat Ralph Pelleymounter schon sein Talent als Songwriter bewiesen. Im etwas reiferen Alter wird er am 24. Mai nun seine erste Soloplatte vorlegen. Dead Debutant’s Ball heißt das Werk mit entsprechender Selbstironie, der Wahl-Londoner verspricht einen Mix aus Rock und Pop, Walzer und Jigs, Blues und Punk. Die zweite Single My PET Scan (Brain On Drugs) (***1/2) ist gerade erschienen und gibt einen guten Beleg für diesen Eklektizismus ab. Das Lied bezieht sich auf eine Phase seines Lebens, in der er viel Zeit in Krankenhäusern verbringen musste und so auf die Idee kam, aus der Diagnostik-Methode der Positronen-Emissions-Tomographie einen Song zu machen: So wie sie Einblicke in unser Innenleben gewährt, würden wir uns schließlich alle wünschen, unser Gegenüber genau und bis ins kleinste Detail erkennen zu können. Um das Geräusch des Geräts nachzuahmen, hat Pelleymounter „einen alten Projektor gesampled, den wir in die erste Strophe eingefügt haben“, erzählt er. Bei solchen Ideeen darf man auf den Longplayer gespannt sein.

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