Futter für die Ohren mit Refused, Lola Marsh, Young Guv, Stereo Total und Chastity Belt


Refused Bandfoto

Refused finden auch nach einem Vierteljahrhundert genug Stoff zum Anprangern. Foto: Check Your Head/Tim Tronckoe

Schon seit 2012 sind Refused ja bekanntlich wieder vereint. Drei Jahre später gab es das erste neue Album der Hardcore-Visionäre, am 18. Oktober werden die Schweden mit War Music nach- und ihr insgesamt fünftes Album vorlegen. Die erste Single Blood Red (***1/2) wird es bereits Anfang August geben, und sie zeigt natürlich, dass das 1991 gegründete Quintett aus Umeå nichts von seinem Können und seiner Entschlossenheit verloren hat. „I’ll remain / with blood on my hands“, lautet die erste und die letzte Zeile, dazwischen nimmt Sänger Dennis Lyxzén moderne Sklaverei und Ungleichheit ins Visier und bringt mit maximaler Unbedingtheit zum Ausdruck, dass nur Aktion und Militanz daran etwas ändern werden. Im November wird es vier Deutschland-Konzerte geben, gemeinsam mit Thrice.

Schon bei der zweiten Single aus dem neuen Album (es heißt Ah! Quel Cinéma! und ist vor zwei Wochen erschienen) sind Stereo Total angekommen. Hass-Satellit (***) beschreibt Sängerin Françoise Cactus, die den zwölften Longplayer der Band auch produziert hat, als einen „Song über Einsamkeit im Kosmos. In ihren Spaceships reisen einsame Kosmonauten aneinander vorbei: Es ist Helas ein Bild unseres ‚modernen‘ Lebens.“ Der Text dazu enthält beispielsweise die Zeilen „Ich drehe einsame Runden / auf meiner Umlaufbahn / im eiskalten Weltall / alles um mich / ist unendlich leer und trist.“ Man kann da an Codo denken oder auch an einen Soundtrack zu Gravity, der auf einem ganz eigenen Planeten als B-Movie inszenziert wurde. Das ist in jedem Fall so schräg und einmalig (die Platte wurde auf 8-Spur-Kassetten-Technik aufgenommen), dass man in der Tat nicht mal annähernd eine Genre-Bezeichnung finden mag. Der Beat lässt sich nicht ernsthaft als solcher bezeichnen, die Orgel ist ähnlich verschüchtert, Brezel Göring spielt dazu so etwas wie eine Slide-Gitarre. Dass es einen Remix von Hass-Satellit gibt, in dem nach jeder Zeile höhnisches Gelächter einsetzt, unterstreicht diesen Gedanken. Im Oktober steht ebenfalls eine Tour an, am 2. Oktober schauen Stereo Total dazu im UT Connewitz in Leipzig vorbei.

Bereits am 29. September startet die Deutschland-Tour von Chastity Belt, sie wird sechs Stationen umfassen. Die Band aus Seattle hat dann ihr selbstbetiteltes viertes Album im Gepäck, das am 20. September veröffentlicht wird. Die erste Single Ann’s Jam (***1/2) wirkt zunächst nicht nur im Titel etwas arg unspektakulär, offenbart dann aber schnell die größte Stärke von Julia Shapiro, Lydia Lund, Gretchen Grimm und Annie Truscott: Sie sind ganz bei sich selbst. Chastity Belt waren sich nach der längeren Pause ihrer Band (in der unter anderem Sängerin Julia Shapiro ein Soloalbum veröffentlicht hat) nicht sicher, ob sie überhaupt noch einmal zusammen spielen würden. Als sie wieder ihre Instrumente einstöpselten, fühlte es sich aber wie eine Heimkehr an, betonen die Mitglieder des Quartetts – und der dazugehörige Clip, der fast wie ein Familienvideo aussieht, belegt das.

Multipliziert haben sich Yael Shoshana Cohen (Gesang) und Multiinstrumentalist Gil Landau im Video zu Echoes (***1/2). Es ist nicht schwer, darin eine Metapher für die Vielfalt der Einflüsse zu erkennen, die sie in ihrer Band Lola Marsh vereinen. Das Duo aus Tel Aviv setzt in diesem Fall auf eine Ästhetik aus den Fifties (das Lied) beziehungsweise Seventies (der Clip). Laut der Band geht es „um das Gefühl, wenn man verschwinden möchte, aber zugleich auch erkannt werden. Diesen beängstigenden, wunderschönen Moment kurz vor dem Einschlafen, wenn man so einsam ist wie niemals sonst.“ Der Song ist nicht auf dem 2017er Album Remember Roses enthalten und auch nicht als Vorbote für eine neue Platte angekündigt. Vielleicht soll er einfach die Aufmerksamkeit aufrechterhalten, die Lola Marsh insbesondere nach dem Hit Wishing Girl erlangt haben. Das dürfte mit Echoes gelingen.

 

Von Young Guv haben bisher wohl nur Hardcore- und Punk-Ultras etwas gehört, obwohl schon seit mehr als zehn Jahren immer mal wieder Platten erscheinen. Etwas wahrscheinlicher ist hingegen, dass man Ben Cook schon einmal begegnet ist, dem Mann hinter diesem Künstlernamen. Er ist Sänger bei No Warning und spielt Gitarre bei Fucked Up, zudem hat er für etliche weitere Bands auch Songs geschrieben oder produziert. Seine Musikkarriere begann schon in den 1990er Jahren, die Sache mit dem „Young“ darf man also wohl nicht so wörtlich nehmen. Warum er sich dieses Projekt als weiteres Betätigungsfeld gesucht hat, wird angesichts der Single Patterns Prevail (***1/2) vom aktuellen Album Young Guv I allerdings schnell klar: Er hat eine Vorliebe für Pop. Genauer gesagt: für Hippielieder mit viel Sixties-Charme, Harmoniegesang und Jangle, wie ihn sicherlich auch die Byrds geliebt hätten. „Der Track ist eigentlich ein Liebesbrief, den meine Kollaborateurin Aurora Shields geschrieben hat, der dann aber zu einem Song umgewandelt wurde. Solange die Farben eines regnerischen Sommerhimmels sich zusammen mit den leuchtenden Straßenlaternen weiterhin in einen bittersüßen Mandarinenton verwandeln, werden es auch die Muster in den Melodien aus Sehnsucht und Verliebtheit, aus Zärtlichkeit und Chaos, Verzückung und Verbrennung. Ergänzende Muster von Tag und Nacht werden immer überwiegen. Wir alle erleben Traurigkeit und Glück durch Liebe, und das ist das Gleichgewicht. Das ist das Leben, glaube ich“, sagt Ben Cook. Young Guv II soll schon im Herbst erscheinen.

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