Futter für die Ohren mit The 1975, Alex G, Vivien Goldman, Oskar Haag und Oasis


The 1975 Part Of The Band

Von Peter Gabriel scheint das fünfte Album von The 1975 inspiriert. Foto: Beats International / Samuel Bradley

Es gibt (mindestens) drei Momente in meiner Laufbahn als Musikjournalist, die ich sehr bereue. Erstens hätte ich viel konsequenter und militanter gegen die Existenz und die Akzeptanz von Sunrise Avenue anschreiben müssen, vielleicht hätte sich so viel Unheil verhindern lassen. Zweitens hätte ich 2011 der Plattenfirma glauben sollen, die mich zu einem Interview mit „dem nächsten großen weiblichen Superstar“ einladen wollte, nach dem sich schon bald das halbe Internet die Finger lecken würde, was ich ein bisschen arg dick aufgetragen fand. Die Dame machte dann als Lana Del Rey tatsächlich eine erstaunliche Karriere, und sie ganz am Beginn ihres Aufstiegs, also noch vor der Veröffentlichung von Video Games, befragen und kennenlernen zu können, wäre im Rückblick natürlich sehr spannend gewesen. Und drittens war da noch dieser Abend im Sommer 2013 beim Melt-Festival. Ich hatte am Nachmittag Matt Healy interviewt, Sänger von The 1975, die damals kurz vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums standen. Es war ein sehr angenehmes Gespräch und hat auch ihm offenbar gefallen. Denn als er sich später am Abend unter das Publikum mischte und wir uns beim Auftritt von The Knife wieder begegnet sind, schlug er vor, die Nacht durchzufeiern, bis am nächsten Morgen sein Flieger ging, der die Band zu Auftritten in die USA bringen sollte. Ich lehnte dankend ab, wahrscheinlich aus Müdigkeit oder musikjournalistischer Distanz. Vielleicht aber auch, weil ich The 1975 nicht zugetraut hätte, ein paar Jahre später auf vier Nummer-1-Alben in Folge und zwei BRIT-Awards zu kommen und vom NME die Auszeichnung als „Band des Jahrzehnts“ zu erhalten. Ich hatte es also versäumt, mit dem Frontmann einer der wichtigsten britischen Bands ihrer Generation einen drauf zu machen, und natürlich ist das aus heutiger Sicht unverzeihlich. Immerhin kann ich mich (wie alle anderen) bald wieder an neuer Musik des Quartetts aus Manchester erfreuen: Am 14. Oktober erscheint ihr fünftes Studioalbum namens Being Funny In A Foreign Language. Einen ersten Vorgschmack gibt die Single Part Of The Band (****1/2), bei der man deutlich heraus hört, dass The 1975 für die neue Platte neben den New Yorker Electric Lady Studios auch in den Real World Studios im englischen Wiltshire gearbeitet haben, die bekanntlich Peter Gabriel gehören. Denn die Instrumentierung mit prägnanten Streichern und sanftem Saxofon lässt ebenso wie Rhythmus, Melodieführung und die große Sensibilität in diesem Lied an Gabriel denken. Für das Video, bei dem Samuel Bradley Regie führte, gilt dasselbe wie für den Song: Um spektakuläre Ergebnisse zu erzielen, braucht es keine aufwändigen Mittel, aber originelle Ideen.

Schon 2019 hat Vivien Goldman ihr Buch Revenge Of The She-Punks veröffentlicht, im vergangenen Jahr erschien die deutsche Übersetzung dieses feministischen Blicks auf die Musikgeschichte im Ventil Verlag. Entlang von vier Kategorien (Identität, Geld, Liebe und Protest) blickt die Post-Punk-Pionierin, Musikerin, Wissenschaftlerin und Musikjournalistin in diesem Werk darauf, wie Frauen ihre Musik zur Selbstfindung und -ermächtigung genutzt haben. Schon im Buch gibt es Playlists mit Hörbeispielen, Tapete Records geht jetzt den logischen Schritt und hat eine Compilation zum Buch mit insgesamt 28 Tracks gemacht. Auch ein Song von Vivien Goldman ist darauf enthalten, zu den weiteren bekanntesten Namen gehören wohl The Slits, Blondie, Grace Jones, Patti Smith, Sleater-Kinney und Neneh Cherry. Mit Geld (***1/2) von Malaria! aus dem Jahr 1981 ist auch ein deutscher Beitrag vertreten. Mit dem Buch ist Goldman zudem auf Lesetour und in diesem Rahmen am 12. September in Leipzig im UT Connewitz zu erleben.

Wer noch zuhause bei Mama und Papa wohnt und dort seine Lieder produziert, der darf sein Debütalbum wohl mit gutem Recht Teenage Lullabies nennen. So wird der erste Longplayer von Oskar Haag heißen, der für März 2023 angekündigt ist. In seiner österreichischen Heimat wird die Platte mit Spannung erwartet, hat der 16-Jährige doch mit seinen ersten Singles Stargazing und Black Dress jeweils die Spitze der Charts beim Tastemaker-Radio Fm4 erreicht. Auch die neue Single The Summer We Need (****) dürfte dort gute Chancen haben, denn sie vereint eine wehmütige Orgel mit einer verzerrten Stimme, die Julian Casablancas nachzueifern scheint, und lebt vor allem von einer Stimmung, die aus der Düsternis heraus nach Heiterkeit strebt, wie man das von The Cure, den Editors oder White Lies kennt. Wenn das so weiter geht, darf man wohl „Wunderkind“ sagen.

Man hätte Alex Giannascoli alias Alex G nach seinen bisher acht Studioalben ja viel zugetraut. Ein Werk mit dem Titel God Save The Animals, wie es der Sänger, Songwriter und Produzent aus Philadelphia jetzt für 23. September angekündigt hat, wäre aber nicht unbedingt dabei gewesen. Macht er jetzt etwa Tierschutz-Gospel? Nicht ganz. Der 29-Jährige sieht Gott nach eigenem Bekunden nicht unbedingt als religiöse Figur, sondern als den Glauben an Irgendetwas, vielleicht einfach als einen Grund, Hoffnung zu haben. Das formuliert er in den 13 neuen Tracks aus, die in verschiedenen Studios im Großraum Philadelphia entstanden sind, wobei auch die jeweils beteiligten Tontechniker deutliche Spuren hinterlassen haben. Auch die Bandmitglieder sind auf God Save The Animals sehr prominent vertreten, teilweise mit eigenen Songs. So gibt es Lieder aus der Feder von Gitarrist Samuel Acchione, Schlagzeuger Tom Kelly und Bassist John Heywood. Auch Molly Germer, die auf Platten von Alex G schon wiederholt Streicher und Gesang beigesteuert hat, ist zu hören. Passenderweise sind sie alle auch im Videoclip zur neuen Single Runner (***1/2) zu sehen, den Aldo Fisk gedreht hat. Das Lied dazu ist innig, souverän und voller Spielfreude. „I have done a couple of bad things“, lautet das Geständnis von Alex G in einer Zeile. Dieser Song gehört definitiv nicht dazu.

Zum Schluss ein Klassiker: Wie heiß und innig vor genau vor einem Vierteljahrhundert Be Here Now herbeigesehnt wurde, das dritte Album von Oasis, zeigt unter anderem ein Clip, in dem Pete Doherty (später selbst mit den Libertines, Babyshambles und als Solist ein Rockstar) vor einem Plattenladen in der Schlange steht und von einem Fernsehteam zu seiner Vorfreude auf dieses Werk befragt wird. Zum 25. Jubiläum wird das Album am 19. August als limitierte silberfarbene Doppel-LP, Doppel-Picture-Disc und Kassette neu aufgelegt. Zur damaligen Lead-Single D’You Know What I Mean? als Noel Gallagher’s 2016 Rethink (****1/2) gibt es zu diesem Anlass ein sehr schickes neues Lyricvideo. Selten hat man bei Oasis so viel Pomp, Größenwahn und Arroganz gehört, und selten hat es so gut gepasst wie zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere. Im Sommer zuvor hatten sie vor mehr als 250.000 Menschen an zwei Abenden in Knebworth gespielt (und hätten zehn Mal so viele Tickets verkaufen können), Be Here Now erreichte in fünfzehn Ländern die Spitze der Charts und hat sich in den ersten sieben Tagen nach seiner Veröffentlichung schneller verkauft als (bis heute) jede andere Platte der britischen Musikgeschichte.

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