Futter für die Ohren mit The Kooks, Alex Cameron, Melody’s Echo Chamber, Jono McCleery und Future Franz


Alex Cameron Best Life

Alex Cameron blickt (sicherheitshalber durch eine Sonnenbrille) auf Suchtprobleme. Foto: Cargo Records / Raf Fellner

Fast 14.000 Follower hat Alex Cameron auf Twitter, fast 70.000 auf Instagram, mehr als 9 Millionen Aufrufe verzeichnet sein YouTube-Kanal. Trotzdem ist der Australier offensichtlich unzufrieden mit seiner Online-Performance. „I guess I’m just winning / but I get no reaction / my comments just don’t rank / or my post tanks“, singt er in Best Life (***1/2), dem zweiten Vorgeschmack auf das am 11. März bei Secretly Canadian erscheinende neue Album Oxy Music. Natürlich ist das Jammern ironisch gemeint, vielmehr nimmt der Song unsere Fixierung aufs Digitale aufs Korn, auf das Internet als „unser großes Totem der Information. (…) Ein Turm der Liebe und des Hasses, der Leidenschaft und des Terrors, eine Million Retweets von zehnhunderttausend Totalausfällen. (…) Die Aussicht von der Spitze ist großartig. Ein atemberaubendes Abbild der sympathischsten Inhalte. Und obenauf der gewichtige Koloss aus flüsterfesten Daten und hohlen Säulen mit verschlossenen Meinungen und riesigen Säulen aus verdrehter Logik. Null Likes. Null Kommentare. Null Shares“, wie er zur Veröffentlichung der Single schreibt. Es geht um Echokammern, Inszenierung und die Frage, welche Anerkennung, welche Aufmerksamkeit und nicht zuletzt welches Leben real ist. Natürlich klingt das, wie man das von ihm kennt, nicht halb so bedrückend wie es diese Inhalte vermuten ließen. Stattdessen gibt es wieder Saxofon, gedämpfte Beats, andere Eighties-Referenzen und wunderschöne Melodien. Das Album, gemeinsam mit Justin Nijssen und Lilah Larson produziert, nimmt vor allem die Drogen-, Alkohol- und Medikamentensucht in den USA in den Blick, ebenso wie seinen eigenen Kampf damit. Alex Cameron kündigt es an als „eine Geschichte, ein Werk der Fiktion, hauptsächlich aus der Perspektive eines Menschen. Ausgehungert nach einem sinnvollen Ziel, verwirrt angesichts des Zustands der Welt und auf der dringenden Suche nach einem Grund zu leben, kann ein Mensch zu Opioiden greifen – und wird es laut den neuesten Statistiken auch zunehmend tun. Dies ist einer dieser Menschen.“ Am 28. März kann man ihn im UT Connewitz in Leipzig live erleben, danach noch in Berlin (29. März, Festsaal Kreuzberg) und Hamburg (7. April, Molotow).

Vom nicht sehr vorzeigbaren Zustand der Welt in diesen Tagen hat auch Luke Pritchard mitbekommen, doch der Sänger von The Kooks – mittlerweile verheiratet und demnächst auch Vater – hat trotzdem keine allzu schlechte Laune. „Ich hoffe echt, dass man diesen inneren Frieden auch raushören kann“, sagt er über das sechste Studioalbum seiner Band, das 10 Tracks To Echo In The Dark heißen und in drei Chargen veröffentlicht wird: Die Vorab-EP Connection – Echo In The Dark Part 1 mit drei Songs ist bereits verfügbar, im Fühjahr folgt eine zweite EP, bevor dann am 22. Juli das gesamte Album vorliegen wird. Entstanden ist ein großer Teil des Materials in Berlin. „Ich war echt betroffen vom Brexit und wollte schon auch ein Statement machen, indem wir eine europäische Platte aufnehmen. Wir sind eine europäische Band, wir haben da draußen praktisch überall gelebt. Wir lieben Europa einfach so sehr, dass wir diese Verbindung bewahren wollten“, sagt Pritchard, nicht ohne den Hinweis, dass er seinen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt tatsächlich eher mit Arbeit als im Nachtleben verbracht hat: „Ich hab auch keine Drogen genommen. Höchstens mal einen Abstecher in die Absturzkneipe an der Ecke gemacht, eher eine Flasche Whiskey als Berghain.“ Tobias Kuhn fungierte als Co-Songwriter und Produzent für weite Teile der LP, so auch bei Connection (***), das die beiden bereits nach wenigen Stunden fertiggestellt hatten. Ohnehin flutschte die Zusammenarbeit bis zur Unterbrechung durch den Lockdown im März 2020 bestens, fortgesetzt wurde sie dann zunächst per Zoom, schließlich in London, wo auch Hugh Harris (Leadgitarre, Synthesizer, Bass) und Alexis Nunez (Schlagzeug) dabei waren. Wie schon auf etlichen Tracks des Vorgängers Let’s Go Sunshine (2018) hat der Bass eine sehr prominente Rolle, dazu kommt ein ziemlich mutiges Arrangement, das dem Ziel von Luke Pritchard („Ich war auf der Suche nach etwas Ruppigerem, Rauerem, nach etwas mehr Minimalismus.“) ziemlich nahe kommt.

Einfachheit und Reduktion war auch das Prinzip fürs dritte Studioalbum von Melody’s Echo Chamber, das unter dem Titel Emotional Eternal am 29. April erscheinen wird. „Ich wollte während des Entstehungsprozesses geerdeter und achtsamer sein“, sagt Melody Prochet, die Frau hinter dem Projekt. „Ich habe die Sessions mit Einfachheit geleitet – ein Kontrast zum Maximalismus von Bon Voyage und der Wildnis meiner Wahnvorstellungen. Ich traf einige große und einschneidende Entscheidungen und Veränderungen in meinem Leben. Das hat mich dorthin gebracht, wo es friedlich ist, und ich denke, die Platte spiegelt das wider. Sie ist unmittelbarer.“ Die Single Looking Backward (****), wie der größte Teil des Albums mit reichlich schwedischen Mitstreitern entstanden, unterstreicht diesen Ansatz nicht nur in ihrem Sound, sondern auch in ihrer Entstehungsgeschichte. „Looking Backward ist ein lebendiger, nonchalanter, poetischer Marsch ins Unbekannte“, sagt die Französin über das Lied. „Ich habe den Text auf dem Weg nach Stockholm geschrieben. Im Transitbereich am Flughafen gab es einen Mann, der mit seiner Uhr Lichtreflexe erzeugte und mit dem Licht auf dem Boden und den Wänden spielte. Es fühlte sich an wie ein Akt, der aus einer Quelle reiner Kreativität kam. Es machte mich glücklich, das zu sehen und inspirierte mich, den Song zu schreiben.“ Ihre gehauchte Stimme prägt den Song ebenso wie der Seventies-Bass, die angestrebte Ursprünglichkeit kann man durchaus auch heraushören: Alles klingt kristallklar, durchaus niedlich, aber auch nach einem Hauch von Gefahr. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Regisseur Hyoyon Paik dazu brachte, die Avatar-Frau im Video von einer Raubkatze begleiten zu lassen.

Lieber zuhause in London hat Jono McCleery gearbeitet, genauer gesagt in den Master Chord Studios mit Produzent Ronan Phelan (Adele, Chili Gonzales, Ed Sheeran). Ergebnis ist sein sechstes Album Moonlit Parade, das am 29. April herauskommt. Der Titelsong als Vorab-Single (***1/2) ist ein klassisches Liebes(kummer-)Lied rund um das unbedingte Festhalten an dieser einen besonderen Person und die Frage, ob dieses Festhalten wirklich eine kluge Idee ist. Das Video hat Jono McCleery unverkennbar nicht in London aufgenommen, sondern in der Nähe von Valencia, und dieses Setting war offensichtlich auch ausschlaggebend für den Albumtitel. „Wir gingen nachts in den ruhigen Vororten in den Bergen spazieren, zusammen mit Giovanni Di Legami, der alles gefilmt und produziert hat. Ich hatte ihn eingeladen, eine Woche bei uns zu bleiben, um zu filmen, und zufälligerweise war gerade Vollmond während einer Hitzewelle“, erzählt der Sänger. Der entstandene Clip passt perfekt zur zerbrechlichen und einfühlsamen Atmosphäre des Songs, der an die besten Momente von William Fitzsimmons denken lässt – auch, weil neben der Stimme ein paar hübsche Klangtupfer im Hintergrund für die nötige Spannung sorgen.

Bei Future Franz schauen wir noch vorbei, weil sich damit der Kreis schließt: Genau wie Alex Cameron blickt er auf die möglicherweise fatale Kombination aus Suchtproblemen, emotionaler Krise und der Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologie. Alleine vorm Computer heißt seine am 18. März erscheinende EP, erneut produziert und gemixt von Äh, Dings. Als Themen sollen sich darauf ungesunde Trinkgewohnheiten, Ehe-Probleme, Alleinsein in der Pandemie und die Verschmelzung von Mensch und Maschine finden. Die Ausgangssituation für die Single Computermann (***) ist ein klassischer Fall von „Falsch abgebogen im Internet“, und das auch noch mit Rotkäppchen Halbtrocken als Treibstoff. Der Künstler selbst schildert das so: „Du hattest Streit. Streit mit deinem Babe. (…) Du drehst dich im Kreis und du bist alleine vorm Computer. Du klickst und klickst, du surfst und surfst und du wirst immer dichter und dichter. (…) Du fühlst dich einsam und schaust dir die Welt an und blickst in ein riesengroßes Jammertal. Der Lockdown setzt dir zu. Dann musst du weinen. Du denkst an dein Babe: Wird schon ok. Wird schon alles wieder gut. (…) Nur noch einen Rausch, nur noch diesen einen Abend, dann trinkst du nie wieder. Du schaffst das. Du schenkst nochmal ein. Mhmhh. Du fliegst auf einem Teppich über die Alpen, du bist der King und du bist geil und unterwegs. Der Abend gehört dir: Alleine vorm Computer!“ Das ist so schräg wie einzigartig, manchmal so cringe wie der Windows-95-Duschvorhang im Clip, manchmal so schmerzhaft wahr, dass man nur von großer, moderner Poesie sprechen kann. Und was Alex Cameron auch freuen dürfte: Es gibt ein Saxofonsolo!

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