Futter für die Ohren mit Two Door Cinema Club, Future Franz, Das Paradies, Titus Andronicus und Say Yes Dog


Two Door Cinema Club Satellite

Two Door Cinema Club sollte dringend jemand von der Erfindung des Smartphones erzählen. Foto: PIAS

Juni scheint der ideale Monat für ein neues Album von Two Door Cinema Club zu sein, Die Musik des englischen Trios klang bisher schließlich stets nach ersten Nächten im Freien, Spritztour mit Freunden und Festival. In der Tat wird False Alarm, der vierte Longplayer der Band, nun am 14. Juni herauskommen. Mit Satellite (***1/2) gibt es jetzt den zweiten Vorab-Track. Die Band verspricht Disco, Funk und Future-Pop, all dies findet sich hier schon vereint. Hot Chip kann man da ebenso heraushören wie Everything Everything, und die Entschlossenheit zur Weiterentwicklung verdeutlicht nicht nur die Zeile „Into the future“ im Refrain. Das Album entstand mit Produzent Jacknife Lee (The Killers, U2, REM) in London und Los Angeles, und wer jetzt „Stadion“ und „ganz hoch hinaus wollen“ denkt, liegt vielleicht gar nicht so falsch: Die ersten Exemplare ihrer neuen Platte ließen Two Door Cinema Club mittels eines Wetterballons in die Stratosphäre aufsteigen.

Ebenfalls den zweiten Vorgeschmack auf die neue Platte haben Say Yes Dog gerade vorgelegt. Auch in Lies (****) scheint sich im Text eine Bestandsaufnahme beziehungsweise Selbstpositionierung zu finden mit der Zeile „I’m thinking of how we should go on from here“. Mit einem Mix aus Gelassenheit im Gesang und genau dem richtigen Punch in der Musik hat das deutsch-luxemburgische Trio offensichtlich genau die richtige Richtung eingeschlagen. Das Album wird dann am 10. Mai erscheinen. Der Titel Voyage hat gleich eine dreifache Bedeutung: Erstens verweist er auf eine Achtziger-Elektropop-Band, also genau auf die Ästhetik, die für Say Yes Dog weiterhin prägend ist. Zweitens waren Aaron, Pascal und Paul – nicht zuletzt bedingt durch den Erfolg nach dem Debüt Plastic Love und der EP A Friend – reichlich auf Reisen, etwa auf Festivals in Indien, Südkorea und Vietnam, und ließen diese Erlebnisse in die neuen Stücke einfließen. Drittens planen sie auch für Voyage wieder eine umfangreiche Konzertreise. Tourstart war gestern in Hamburg.

Natürlich sind immer die anderen schuld. Das sehen auch Titus Andronicus so, und deshalb heißt ihr neuer Song (I Blame) Society (****). Wer einen Rant vermutet, liegt genau richtig. Die Musik brennt und die beißende Gesellschaftskritik, die im Text steckt, dürfte auch ihr gesamtes neues Album durchziehen, lässt der Titel An Obelisk vermuten. Cleopatras Needle in New York City und der Obelisk im Washington Monument des District of Columbia, die auch im Video zum Song den Hintergrund bilden, sind schließlich Symbole für  Freiheitsrechte, Individualität und Zusammenhalt – vieles davon sieht die Band aus New Jersey offensichtlich im Schwinden begriffen. Ihr sechstes Album haben sie innerhalb von sechs Tagen in Steve Albinis Electrical Audio Studio in Chicago aufgenommen, produziert hat mit Bob Mould eine weitere Indie-Legende. Die Band betrachtet das neue Werk als Gegenstück zum letztjährigen A Productive Cough. Gab es dort mehr getragene Elemente, sollen auf An Obelisk auch wieder mehr Druck und Tempo zu finden sein, wie (I Blame) Society unmissverständlich zeigt. Singer-Songwriter Patrick Stickles sieht es sogar als ein Album über Punk. „The ideology of ‚punk‘ supports the elevation of our own interior authority and the degradation of exterior authority, which we recognize to be arbitrary, a tool by which the many are subjugated under the few“, erklärt er. Am 21. Juni kann man sich überzeugen, wie dieses Manifest auf Albumlänge umgesetzt klingt.

Future Franz ist der neue Künstlername von Äh, Dings, der als Produzent unter anderem für Großtaten von Maeckes verantwortlich war. Am 10. Mai erscheint nun sein eigenes Debütalbum Normal. Der Titel ist definitiv eine Mogelpackung, denn nicht nur die bisherige Biographie des Mannes, der eigentlich Daniel Strohhäcker heißt, und seine Garderobe (da scheint jemand das Comeback des Hawaiihemds starten zu wollen) verweisen auf einen höchst eigensinnigen Künstler, sondern auch der Vorab-Track Raucher (***1/2). Future Franz besingt darin die Tatsache, dass er sehr viel raucht, obwohl er weiß, wie idiotisch das ist. Die Musik dazu scheint die Mitte zwischen Andreas Dorau und Stereo Total zu suchen und das Ergebnis ist so irre, dass man beinahe (aber nur beinahe) die erste Zigarette seines Lebens rauchen will. Das Video dazu ist ein ähnlich schräger Genuss.

Das zweitbeste aktuelle Popkultur-Produkt aus Leipzig (natürlich nach shitesite.de) ist weiterhin Das Paradies. Mit Eis auf einer Scholle (****) hat Florian Sievers jetzt ein neues Lied am Start, das mühelos den Qualitätsmaßstab erreicht, den er mit dem Debütalbum Goldene Zukunft gesetzt hatte. Es gibt ein bisschen Endzeitstimmung, ein bisschen Kopfschütteln über das Zeitalter der Prokrastination, viel Eleganz und mit „Ein schiefes Lächeln in einem symmetrischen Gesicht“ wieder eine dieser Zeilen, auf die nie ein anderer Songwriter gekommen wäre, die aber sofort einleuchtend klingen. Im Mai steht wieder eine Tour an, am 30. Mai gibt es das Heimspiel in der Nato in Leipzig.

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