Genesis – „Live“


Künstler Genesis

Genesis Live DVD Kritik Rezension

Elf Songs in 106 Minuten bietet „Genesis Live“.

DVD Live
Label Falcon Neue Medien
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung

Diese DVD ist keineswegs identisch mit Genesis Live, dem 1973er Album der britischen Band, auch wenn zwei der fünf Songs davon auch hier enthalten sind. Vielmehr handelt es sich, wie ich gerade bei der Google-Recherche zu dieser Veröffentlichung aus dem Hause Falcon Neue Medien erfahren habe, offensichtlich um ein Bootleg. Die besagte Firma FNM nennt auf der Hülle nicht einmal eine Website, auch einen Abspann gibt es nicht zu sehen. Wer versucht, diese DVD weiter zu verkaufen, handelt sich offensichtlich Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzung ein.

Dabei ist der Impuls, diese DVD wieder los zu werden, durchaus nachvollziehbar: Genesis Live ist wohl allenfalls für Hardcore-Sammler eine lohnende Anschaffung. Zu sehen sind drei Konzertmitschnitte: vom 30. Oktober 1973 in den Shepperton Studios in Borehamwood/UK, einer Show vier Tage vor Heiligabend des selben Jahres in den NBC Studios in Burbank/USA und vom 30. April 1974 aus der University Sports Arena in Montreal/Kanada. Insgesamt versammelt die DVD elf Lieder, einige davon sind mehrfach vertreten. Watcher Of The Skies wird bei allen drei Konzerten gespielt, The Musical Box ist zweimal vertreten, ebenso Supper’s Ready. Die Dopplungen sind bei weitem nicht das größte Problem der Konzertmitschnitte. Vielmehr ist es die Bildqualität: Alle Aufnahmen sind extrem schlecht ausgeleuchtet, heutige Handyvideos aus dem Publikum haben eine deutlich höhere Qualität. Oft ist sekundenlang schlicht gar nichts zu erkennen.

Der Auftritt in Borehamwood steht am Anfang und beginnt mit Watcher Of The Skies. Erst nach mehr als zwei Minuten werden die Musiker erkennbar, vorher gibt es bloß einen blauen Lichtfleck in der Dunkelheit. Die Klangqualität ist halbwegs passabel, wenn auch nicht für Sound-Gourmets, wie es viele Genesis-Fans nun einmal sind. Die Musik ist denn auch das, was hier am meisten Wert hat: Dancing With The Moonlit Knight (mit Sänger Peter Gabriel als Britannia) zeigt: Genesis können nicht nur Theatralik und Gefrickel, sondern auch Emotion und Melodie. Die Mehrstimmigkeit im erstaunlich groovigen I Know What I Like deutet schon an, wie überraschend leicht es Schlagzeuger Phil Collins knapp zwei Jahre später fallen sollte, die Rolle des Frontmanns zu übernehmen.

Die durchschnittliche Dauer eines Songs liegt bei diesem ersten Mitschnitt bei über 12 Minuten, allein das abschließende Supper’s Ready zieht sich über eine halbe Stunde hin. Das Stück wird komplex, aber stimmig; abwechslungsreich, ohne in Durcheinander zu zerfallen. Das Gegenteil offenbart The Musical Box, das beinahe wie eine Parodie von Progrock klingt. Es will ganz viel bieten, schafft es in dieser Performance aber nicht, Spannung zu erzeugen.

Ein paar erhellende Erkenntnisse liefert Genesis Live trotz seiner fragwürdigen Machart, vor allem für Genesis-Novizen. So zeigt sich beispielsweise, wie sehr Peter Gabriel – der in den gesamten 1990er Jahren nur ein einziges Mal auf Tour ging – hier das Dasein als Showmann genießt. Er ist mit verschiedenen Masken und Kostümen zu sehen, schlüpft in die Rollen von Harlekin, Mephisto, Moderator und Stand-Up-Comedian. Damit sorgt er ganz allein für das Spektakel, das hier auf der Bühne zu sehen ist, denn der Rest von Genesis fällt allenfalls durch aus heutiger Sicht obskure Outfits und seltsames Bühnen-Gebaren auf: Gitarrist Steve Hackett sitzt durchweg (bei allen drei Konzerten), Mike Rutherford ist mit Monster-Schlaghosen zu sehen, Phil Collins mit riesigen Koteletten und Latzhose.

Ansonsten gilt: Die Show steckt in den Noten. Die Konzentration von Genesis gilt dem Musizieren, nicht der Ausgelassenheit, die man anderswo bei Rockshows erleben kann. Es regieren Musikalität, Intelligenz und auch ein gutes Stück britische Exzentrik. Man würde gerne sehen, wie sich das Publikum zu dieser Musik verhält, die Fans sind allerdings bei keinem der drei Konzerte im Bild. Eine Vermutung ist dennoch plausibel: viele Männer, viele Haare, viele Zigaretten, mehr Kinnkratzen als Headbangen. Dazu gibt es reichlich fragwürdiges Schauspiel und spinnertes Theater und natürlich sehr viele, sehr lange Soli. Auch das ist ein Effekt für alle, die hier ihren ersten Kontakt mit Genesis haben sollten: Manchmal wundert man sich, dass Punk sich noch drei Jahre Zeit gelassen hat, um all das als blasierte Kacke hinwegzufegen.

Ausschnitte aus dem Konzert in den Shepperton Studios.

Website von Genesis.

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