George Ezra, Täubchenthal, Leipzig


Netter Kerl: George Ezra fressen die Fans in Leipzig aus der Hand. Foto: Sony Music

Netter Kerl: George Ezra fressen die Fans in Leipzig aus der Hand. Foto: Sony Music

Als George Ezra das dritte Lied dieses Abends ansagt, geht er kurz auf das dazugehörige Video ein. „Leute, die mich hassen, werden das richtig gut finden. In den ersten paar Sekunden scheißen Tauben auf mich und am Ende werde ich von einem Auto überfahren“, schildert er den Clip zu Blame It On Me. Und ich frage mich: Bin ich einer von diesen Leuten? Hasse ich George Ezra? Oder mag ich ihn? Ich weiß es noch nicht, aber ich bin an diesem Abend im Täubchenthal in Leipzig, um es herauszufinden.

Sein Album Wanted On Voyage fand ich solide. Nette Lieder, nette Geschichten, gute Stimme. Aber ich konnte darauf nichts finden, was den sagenhaften Erfolg von George Ezra erklären könnte. Vor ein paar Wochen habe ich in diesem Raum die wunderbaren We Have Band gesehen, vor ein paar Dutzend Fans. Was zur Hölle soll dieser Typ haben, um denselben Saal rappelvoll zu kriegen (das Täubchenthal ist ausverkauft, und zwar schon seit September)? Ich konnte die Lösung nicht finden, jedenfalls nicht auf der Tonkonserve. Vielleicht liefert das Konzert in Leipzig eine Antwort.

Das erste Argument ist schnell gefunden: Der Frauenanteil im Täubchenthal beträgt schätzungsweise 30 Prozent, dazu kommt noch ein Mädchenanteil von 40 Prozent – und sie alle fressen dem 21-Jährigen aus der Hand, schon als er bloß „Hallo“ gesagt hat, um dann mit Cassy O’, Listen To The Man und dem schon erwähnten Blame It On Me das Konzert zu beginnen.

Jenseits der Geschlechterfrage ist das Publikum in Leipzig bunt gemischt. Die beiden Coverversionen, die George Ezra einbaut, zeigen die Bandbreite: Als er zwischendurch drei Songs ganz alleine mit Gitarre darbietet, gehört Bob Dylans Girl From The North Country dazu (und wird ein arg langatmiger Moment, in dem man sich wünscht, es würden Stühle ans Publikum verteilt). Die Zugabe beginnt er mit einer sehr originellen Interpretation von Cyndi Laupers Girls Just Want To Have Fun. Es gibt Teenies und Beinahe-Rentner unter den Zuschauern, Hippie-Mädchen und einen Typ, der mit Krawatte gekommen ist.

Die Fans sind beeindruckend textsicher und schnell merkt man, dass der gemeinsame Nenner dieser Besucher vielleicht das Radio ist. George Ezra ist für sie der Typ aus dem Radio. Und dass er tatsächlich genauso klingt wie im Radio, scheint für viele Fans das höchste Kompliment zu sein.

Ein paar Variationen erlaubt sich George Ezra mit seinen drei Mitstreitern (zusammen sehen die vier Jungs auf der Bühne so dermaßen britisch aus, dass man fast an die Typen auf dem Filmplakat von Sex On The Beach 2 denken muss) aber doch, und dann lässt er zumindest erahnen, was ihn jenseits fragwürdiger Etiketten wie „netter Kerl“, „handgemachte Musik“ und „kerniger Sound“ vielleicht besonders machen könnte. Barcelona klingt live tatsächlich nach Strand-Melancholie, Sangria-Trübsal, nach Fernweh oder dem Ende der Ferien, das einem das Herz bricht. Und an der Gitarre meint man kurz den (am selben Abend in der Leipziger Arena gastierenden) Chris Rea zu hören. Bei Blind Man In Amsterdam und Breakaway gönnt sich das Quartett auf der Bühne kleine Dosen richtigen Schweinerocks.

Der beste Song des Abends ist der, in dem die Stimme von George Ezra, sein größter Trumpf, im Zentrum steht. Leaving It Up To You singt er alleine zur Gitarre, es ist eine Performance mit großer Autorität und erstaunlicher Intimität. Man könnte ihn sich in diesem Moment gut in einer Blues-Kneipe vorstellen, vor 30 Zuschauern, mit einem Leben hinter sich, das ihn tatsächlich so alt macht wie seine Stimme klingt. Trotzdem passt das Lied auch in diese Halle.

Daneben gibt es ein bisschen Leerlauf, viel Mittelmäßigkeit und in Stand By Your Gun (mit dem die Band das akustische Intermezzo beendet, und zwar gleich mit einem fulminanten Disco-Beat irgendwo in der Nähe des Two Door Cinema Club) auch ein paar Noten, in denen Ezras Kopfstimme deutlich daneben haut. Und natürlich erklingt auch noch Budapest, das Lied, das George Ezra seine Karriere beschert hat. Es ist zudem das Lied, das den Erfolg des 21-Jährigen am besten erklärt. Vor mir schunkelt eine ältere Dame, rechts probiert jemand aus, ob man auf diesen Beat auch Discofox tanzen kann. Links lässt sich ein Typ im roten Poloshirt von einer Blondine den Arsch versohlen (fragt nicht!). Überall wird geknutscht, und natürlich singen alle das „uuuuuu“ im „For youuuuuu I’d leave it all“ mit.

Es ist ein guter Song von einem talentierten Künstler, aber natürlich gibt es – auch dieses Konzert beweist das – tausende Songs und tausende Künstler, die noch besser sind und ein enthusiastisches Publikum wie dieses vielleicht viel mehr verdient hätten. Aber irgendetwas steckt in diesem Lied, das funktioniert, und sei es nur das Bekenntnis, dass man manchmal nicht die große Kunst, das maximale Abenteuer, das totale Drama sucht, sondern sich mit dem Verlässlichen, Naheliegenden, Unspektakulären zufrieden gibt, und sich keineswegs dafür schämen muss. „Baby if you hold me / then all of this could go away”, heißt schließlich eine der zentralen Zeilen von Budapest. Es ist der Sieg des Durchschnittlichen. Man muss das nicht cool finden. Aber es wäre anmaßend, es zu hassen.

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