Gundermann


Film Gundermann

Gundermann Review Kritik

Gundermann (Alexander Scheer) lebt zwischen Bühne und Bagger.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2018
Spielzeit 127 Minuten
Regie Andreas Dresen
Hauptdarsteller Alexander Scheer, Anna Unterberger, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Axel Prahl, Peter Sodann, Thorsten Merten, Benjamin Kramme
Bewertung

Worum geht’s?

Als „singender Baggerfahrer aus der Lausitz“ wird Gerhard Gundermann in den 1970er Jahren rund um seine Heimatstadt Hoyerswerda bekannt. Doch diese beiden Eigenschaften lassen sich gar nicht so leicht unter einen Hut bringen. Als Schichtarbeiter im Tagebau fördert er Braunkohle und weist seine Kollegen und Chefs immer wieder auf Missstände hin, von mangelnder Arbeitssicherheit bis zu offenkundigen ideologischen Widersprüchen im real existierenden Sozialismus. Seine Lieder, die er in der Freizeit schreibt und gemeinsam mit dem Singeklub bei Konzerten in der Gegend zum Besten gibt, verarbeiten diese Probleme, ebenso wie seine unglückliche Liebe zu Conny, einer Arbeits- und Bandkollegin, die er seit Kindertagen anhimmelt, die aber verheiratet ist und zwei Kinder hat. Als überzeugter Kommunist wird er Mitglied der SED und lässt sich auch als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi anwerben. Auch dort eckt er freilich immer wieder an und wird schließlich sowohl aus der Partei ausgeschlossen als auch von seinen IM-Aufgaben entbunden. Als die DDR kollabiert, hat er seine Stasi-Tätigkeit schon weitgehend verdrängt. Trotzdem ist ihm klar: Seine Rolle als Sprachrohr der Opposition und der Menschen in der Lausitz, die ihm in der Zeit nach der Wende beachtliche Popularität einbringt, verträgt sich nicht mit seiner einstigen Arbeit als Spitzel für das System. Gundermann steht nicht nur vor der Frage, wen er wie und wann in dieses unrühmliche Kapitel seiner Biographie einweihen soll, sondern auch vor der Aufgabe, sich selbst Rechenschaft vor seiner Vergangenheit abzulegen.

Das sagt shitesite:

In vielen seiner Lieder besingt Gerhard „Gundi“ Gundermann seine Liebe zur Heimat und zur Natur, und in seinem regulären Beruf baggert er genau diese Heimat und Natur weg. Meter für Meter, Tonne für Tonne, für den höheren Zweck der sicheren Stromversorgung des Landes und streng gemäß des von der Staatsführung beschlossenen Plans. Das ist nur einer von vielen Widersprüchen im Leben dieses Musikers und Poeten, dem Andreas Dresen hier ein höchst eindrucksvolles Denkmal setzt, ohne ihn zu überhöhen oder überhaupt ein Urteil über diese Biographie zu fällen. Der 1955 geborene Künstler zwischen Bagger und Bühne wird nicht bewertet, sondern in all seiner Vielschichtigkeit vorgestellt. Lobenswert wäre das schon alleine für das Verdienst, die (Wieder-)Entdeckung eines großartigen Songwriters möglich zu machen. Meisterhaft wird es, weil hier eine komplexe Lebengeschichte in den Blick genommen wird, wie es viele in der DDR gab, und differenziert erzählt wird, wie es nur wenigen Filmen gelingt.

Gundermann, vor wenigen Tagen gleich in sechs Kategorien mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, ist ein Musikfilm und eine Liebesgeschichte, vor allem aber ein Film rund um die Frage, wie mit der Erinnerung an die DDR umgegangen werden kann. Das Drehbuch von Laila Stieler stellt zwei Zeitebenen in den Mittelpunkt, Mitte der 1970er Jahre, als Gundermann seine turbulente Militärzeit hinter sich hat und die Tätigkeit im Tagebau beginnt, und Mitte der 1990er Jahre, als er mit seiner Musik immer erfolgreicher wird, zugleich aber seine Stasi-Vergangenheit aufzufliegen droht.

Schon auf der ersten Ebene ist das Geschehen höchst komplex: Gundermann will die Ideale des Kommunismus leben, hat ein Poster von Che Guevara über dem Bett und zitiert Marx mit Inbrunst. Doch gerade dieser Ansatz, den real existierenden Sozialismus an seinem eigenen Versprechen zu messen, führt ihn ins Abseits. Weil er keine Kompromisse machen will, gilt es als Anarchist, weil er seine Überzeugungen nicht verraten will, wird er als Verräter betrachtet. Dieser Konflikt auf ideologischer Ebene wird befeuert durch seinen Charakter. Er steht für all das, was in der DDR nicht vorgesehen ist: Indiviudalität, Unangepasstheit, Rebellion, auch Egozentrik. Grund für den Ausschluss des echten Gundermann aus der SED im Jahr 1984 war im Jargon der Partei seine „prinzipielle Eigenwilligkeit“. Es ist das Verdienst von Alexander Scheer in der Titelrolle, genau diese auf die Leinwand zu bringen, ebenso wie seine Leidenschaft und Unrast, ohne Gundermann dabei wirklich zu einem Sympathen zu machen.

Noch mehr Aktualität steckt in der zweiten Zeitebene, denn hier wird Gundermann nicht nur mit Verantwortung, Scham und Verdrängung konfrontiert. Sie verweist auch darauf, wie zerstörerisch Strukturwandel auf Freundschaften, Überzeugungen und Selbstbild wirken kann. „Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen“, sagt Gundermann an einer Stelle – und in diesem Satz schlummert die Frage, wie viel die eigene Biographie im Rückblick noch wert ist. Muss man sich schämen, an dieses Land, an diese Utopie geglaubt zu haben? Macht die Tatsache, dass er sich mehr aus Überzeugung denn aus Opportunismus mit diesem System eingelassen hat, seine Schuld geringer? Hat er all die Menschen, denen er mit seiner Musik nach der Wende ein Gefühl von Identifikation, Verstandenwerden und Selbstwert gegeben hat, letztlich verraten, weil er vor der Wende ein Spitzel war und ihnen das verheimlicht hat? Wiegen die Repressalien, die er beispielsweise in Form von Auftrittsverboten in der DDR erlitten hat, die Privilegien wie Auslandsreisen auf, die er durch seine Stasi-Tätigkeit genießen konnte? Was hilft es den Menschen, die er als Täter selbst ausspioniert hat, dass er an anderer Stelle durch andere Täter auch selbst zum Opfer wurde?

Gundermann lässt den Musiker im Ringen um die Antworten auf diese Fragen weitgehend allein, ebenso den Zuschauer. Es ist dabei ein großes Glück, dass die Zerrissenheit der Titelfigur so vortrefflich aus den Liedern hervor geht, die hier viel Raum einnehmen, ebenso wie die Verbindung von ganz privaten Nöten und den großen gesellschaftlichen Themen immer wieder in den Texten dieser Songs zum Ausdruck kommt. Dass der Film trotz des plötzlichen Tods seines Helden ein fast versöhnliches Ende hat, ist ein weiterer, freilich sehr wirkungsvoller Widerspruch. Die von Gundermann besungene Heimat und das Land, das er besser machen wollte, verschwanden letztlich nicht in der Schaufel seines 1000-Tonnen-Braunkohle-Baggers. Sondern auf ganz andere Weise, erdrutschartig und von niemandem erwartet – und mit ihm viele der Ideale, die Gundermann niemals hätte preisgeben wollen.

Bestes Zitat:

„Man kann auch Kommunist sein, ohne ein Schwein zu sein. Das ist eine Charakterfrage.“

Der Trailer zum Film.

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