Gutmenschen als Arschlöcher


Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) sucht das Vertrauen der 16-jährigen Eshe (Corazon Herbsthofer). Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) sucht das Vertrauen der 16-jährigen Eshe (Corazon Herbsthofer). Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Fliegen. Maden. Bestialischer Gestank. Kommissar Mario Kopper ist einiges gewohnt, aber beim Anblick dieser Leiche dreht sich auch ihm der Magen um. «Ökosystem Kadaver. So ökologisch war es schon lange nicht mehr», versucht er dann, seinen Ekel mit einem Witz zu überspielen.

Er steht in der Wohnung der Lehrerin Heike Fuchs. Die junge Frau kam nach dem Ende der großen Ferien nicht zur Schule. Nun ist klar: Sie wurde bereits vor Wochen umgebracht und lag seitdem in ihrer Wohnung. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) hat schnell eine erste Spur: Am Tatort lässt sich eine junge Schwarze blicken, die etwas über die Tote zu wissen scheint. Doch dann macht sie sich aus dem Staub.

Bei den Ermittlungen in der Hauptschule, an der Heike Fuchs unterrichtet hat, trifft Lena Odenthal das Mädchen wieder. Sie heißt Eshe und war eine der Schülerinnen von Frau Fuchs. Doch sie will weder verraten, warum sie der Tod ihrer Lehrerin so sehr bestürzt, noch, wieso sie um das Haus des Opfers herumschlich. Eshe schweigt. Eisern.

Es ist eine der Stärken von Tatort – Tod einer Lehrerin, dass die Ermittler aus Ludwigshafen hier ganz lange im Dunkeln tappen. Die Kommissare Odenthal und Kopper finden in diesem Tatort ganz viel heraus, über Afrika, die Sprintstärke von durchschnittlichen 16-Jährigen, die romantische Kraft italienischer Strände, das Bildungssystem oder ihre eigenen Familienverhältnisse. Aber zunächst nichts über den Fall. Ein paar Figuren wirken verdächtig, weil sie schweigen, weil sie schwarz sind, weil sie sich als Gutmenschen inszenieren, obwohl sie sich im Gespräch mit den Kommissaren problemlos auch als Arschlöcher erweisen können – wie Eshes Stiefvater, der sich in einer Hilfsorganisation für Afrika engagiert. Aber keiner von ihnen hat ein richtiges Motiv – und das sorgt in Tod einer Lehrerin zunächst für eine Spannung, die nicht recht zu greifen, aber dadurch umso faszinierender ist.

Auch Eshes Familienverhältnisse tragen dazu bei. Ihre Mutter, die aus Somalia geflohen ist, aber auch in Deutschland auf die Einhaltung der Traditionen ihres Heimatlandes pocht, könnte eifersüchtig auf die Lehrerin gewesen sein. Eshes Stiefvater (sehr stark gespielt von Wolfgang Michael) scheint in zwielichtige Geschäfte verwickelt zu sein und gibt offen zu, dass er mit der Afrikanerin bloß eine Scheinehe führt, um sie vor der Abschiebung nach Somalia zu bewahren.

Erst nach einer Weile tauchen andere Verdächtige auf, die eher ins klassische Tatort-Raster passen. Paul ist wegen Frau Fuchs von der Schule geflogen und nach wie vor voller Groll auf die Lehrerin. Familie Betz reagiert ebenfalls mit Genugtuung, als sie vom Tod der Lehrerin erfährt. Denn Heike Fuchs trägt in ihren Augen die Schuld am Tod ihres Sohnes, der auf einer Klassenfahrt ums Leben kam. Die Lehrerin wurde zwar freigesprochen vom Vorwurf, damals ihre Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Doch Norbert Betz kann sich damit nicht abfinden. Er hat Rache geschworen.

Mit dieser zweiten Gruppe von Verdächtigen wird der Ludwigshafener Tatort nach einem guten Drittel ein bisschen bodenständiger. Hier gibt es endlich potenzielle Täter mit klassischen Motiven, die wahlweise derb fluchen oder im schönsten Pfälzer Dialekt ihrer Verbitterung Luft machen, aber auf jeden Fall nichts mit der Polizei zu tun haben wollen.

Zwischen diesen beiden Gruppen entsteht ein interessantes Netz aus Beziehungen, in dem sich der Tatort dann allerdings ein wenig verheddert. Anders als in Tatort – Der Tod aus Afrika oder Tatort – Der illegale Tod (beide übrigens ebenfalls mit Florence Kasumba, die hier Eshes Mutter spielt) wird die afrikanische Komponente der Handlung nie richtig in den Mittelpunkt gestellt. Beinahe befürchtet man, die Geschichte der Flüchtlingsfamilie sei bloß ins Drehbuch gekommen, weil sich Schauspielerin Ulrike Folkerts auch im echten Leben für Afrika engagiert – etwa im Kampf gegen Landminen oder für die Hilfsorganisation Burundikids. Dass die Verbindung aus realem sozialen Engagement und einer Tatort-Folge keine glückliche ist, hatten die Kommissare Odenthal und Kopper ja zuletzt schon in der Frauenfußball-Folge Im Abseits bewiesen.

Zudem deutet sich schnell an, dass Tatort – Tod einer Lehrerin viel zu politisch korrekt ist, um wirklich einen Täter zuzulassen, der aus Somalia nach Deutschland geflohen ist. Dass ausgerechnet am Tag der Tat auch noch eine ganze Armada von Verdächtigen bei der angeblich ach so zurückgezogen lebenden Lehrerin aufgetaucht war, von denen auch noch praktisch jeder problemlos Zugang zu schweren Betäubungsmitteln hatte, mit denen das Opfer wehrlos gemacht wurde, ist zudem wenig plausibel.

Dafür bietet Tatort – Tod einer Lehrerin aber das sehr charmante Zusammenspiel der Kommissare Odenthal und Kopper, wobei letzterer diesmal sogar meint, seine Tochter entdeckt zu haben, von deren Existenz er bisher nichts wusste. Dazu kommt eine solide Spannung bis zum Schluss, die sogar dann noch den vollen Einsatz der Ermittler fordert, als bereits ein Geständnis vorliegt. Und die Botschaft, dass Eiferer immer suspekt sind – egal, ob sie mit aller Konsequenz ihre Traditionen verteidigen, ihrem Freund treu sein oder Afrika retten wollen.

Bestes Zitat: «Ordnung ist das halbe Leben. Ich interessiere mich ja eher für die andere Hälfte.» (Eshes Stiefvater Enno Steger erklärt der Polizei sein Weltbild.)

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu Tatort – Tod einer Lehrerin auch bei news.de.

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