Haruki Murakami – „Naokos Lächeln“


Autor Haruki Murakami

Haruki Murakami Naokos Lächeln Rezension Buchkritik

„Naokos Lächeln“ brachte Haruki Murakami in Japan den Durchbruch.

Titel Naokos Lächeln
Originaltitel Noruwei no mori
Verlag BTB
Erscheinungsjahr 1987
Bewertung

„I once had a girl / or should I say, she once had me.“ So lauten die ersten Zeilen im Beatles-Song Norwegian Wood, und genau diese Zeilen bringen den 37-jährigen Toru Wanatabe zu Beginn dieses Romans dazu, rund 20 Jahre zurückzublicken, in die späten 1960er Jahre und auf eine tragische Liebesgeschichte, die sich während seines Studiums abspielte und sein ganzes Leben prägen sollte.

Aus dieser Ausgangssituation entwickelt Haruki Murakami mit Naokos Lächeln einen Roman, der ihn in seiner japanischen Heimat zum literarischen Star gemacht hat. Das 1987 veröffentlichte Buch, das Ursula Gräfe 2001 erstmals direkt vom Japanischen ins Deutsche übersetzt hat, wurde ein Millionenseller. Das liegt mutmaßlich nicht so sehr an den Erotikszenen, die es auch hier – ähnlich wie im ähnlich erfolgreichen Gefährliche Geliebte – gibt, sondern vermutlich in der Schlichtheit des Geschehens (der Untertitel des Romans lautet entsprechend nonchalant „Nur eine Liebesgeschichte“) und vor allem in der Einfachheit des Ich-Erzählers: Toru ist eine alles andere als schillernde Figur und erkennt seine Durchschnittlichkeit auch bereitwillig an. Womöglich liegt genau darin sein immenses Identifikationspotenzial.

Naokos Lächeln lebt somit nicht unbedingt von einem spektakulären Plot, sondern von einfühlsamen Dialogen und vor allem interessanten Figuren. Für Spannung sorgt in erster Linie die Perspektive aus dem Rückblick, die vieles von der Bedeutung und der Tragik des Geschehens andeutet und die tatsächlichen Ereignisse, ihre Zusammenhänge und Auswirkungen dann nach und nach enthüllt, auch für den Erzähler selbst. „Deswegen beschloss ich, ein Buch zu schreiben, dieses Buch“, heißt es gleich auf einer der ersten Seiten. „Um aufzuwachen und zu begreifen, denn ich bin nun einmal jemand, der Dinge aufschreiben muss, um sie zu begreifen.“

Toru studiert Theaterwissenschaft, eher aus Pflichtbewusstsein denn aus Leidenschaft, trotz seiner Begeisterung für Literatur (von F. Scott Fitzgerald bis Hermann Hesse, die in seinen Vorlesungen aber alle nicht behandelt werden) und Musik (der Originaltitel des Romans ist die japanische Entsprechung von Norwegian Wood, auch etliche andere Sixties-Klassiker tauchen in Naokos Lächeln auf). Er betrachtet sich als Einsiedler, auch weil er seinen einzigen Freund auf schmerzhafte Weise verloren hat: Kizuki hat sich kurz vor dem Schulabschluss völlig unerwartet das Leben genommen. Dessen Freundin Naoko, mit der Toru ebenfalls sehr viel Zeit verbracht hat, trifft er dann zufällig zu Beginn seiner Studienzeit in Tokio wieder. Sie kommen sich näher, obwohl sie den Selbstmord von Kizuki und den enormen Verlust, den dieser für sie beide bedeutet hat, nie thematisieren. Spätestens, als sie nach einer regnerischen und feuchtfröhlichen Nacht gemeinsam im Bett landen, ist Toru überzeugt, in Naoko seine große Liebe gefunden zu haben. Sie wird das Mädchen aus dem Beatles-Song, das er vermeintlich hatte, das in Wirklichkeit aber ihn in Besitz genommen hat.

Denn Naoko ist schwermütig, zieht sich immer weiter in sich selbst zurück und muss schließlich in Behandlung in ein Sanatorium in den Bergen. „Wenn ich mich entspanne, zerfalle ich in tausend Partikel. Mit diesem Gefühl lebe ich schon lange, damit muss ich weiterleben. Wenn ich mich einmal gehenließe, fände ich keinen Weg mehr zurück. Ich würde zerfallen, und die Fragmente würden in alle Winde zerstreut“, erzählt sie an einer Stelle. Toru hofft, ihr zur Seite stehen oder sie sogar von ihrem Kummer befreien zu können, zugleich ist offensichtlich, dass mit ihr keine normale, unbeschwerte Liebesbeziehung möglich sein wird. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Naoko selbst keineswegs sicher ist, welcher Art ihre Gefühle für Toru sind. Da ist unbestreitbar eine enge Verbindung, aber sie erwächst vielleicht eher aus einem gemeinsamen Trauma, einem Pflichtgefühl oder einer unfreiwilligen Abhängigkeit heraus. Noch größer wird das Dilemma, als aus der Frage „Sind wir als Seelenverwandte füreinander bestimmt oder nur gute Freunde?“ eine Dreiecksbeziehung wird. Toru bandelt mit Midori an, einer Kommilitonin, die das genaue Gegenteil von Naoko zu sein scheint: Alles ist bei ihr nach außen gekehrt, sie ist gierig auf Leben und voller Temparament.

Haruki Murakami erzählt das mit viel Melancholie und noch mehr Poesie, das Tempo von Naokos Lächeln ist dabei so gemächlich wie die Spaziergänge, die Toru immer sonntags mit der Titelheldin unternimmt. Zentral ist ein Gefühl der Verlorenheit, das sich selbst in den Nebenfiguren dieses Romans (und auch in den suchenden, einsamen Protagonisten der Bücher, die Toru liest) findet. Flankiert wird all dies vom Aufruhr der Flowerpower-Ära, der mit den strengen Konventionen der japanischen Kultur kollidiert und sich zugleich auch als Versuch erweist, so etwas wie Unschuld und persönliche/jugendliche Ideale zu bewahren in einer Welt, die das kaum erlaubt. Sehr gekonnt verweist Murakami dabei auch immer wieder auf ein weiteres zentrales Motiv, nämlich auf Sprache als Versuch, Ordnung zu schaffen, sowohl für die äußere Welt als auch für das Durcheinander aus Erinnerungen, Ansprüchen, Träumen und Begierden in unserem Inneren.

Das beste Zitat ist eine Passage, in der Naoko ihren fragilen Gemütszustand schildert: „Ich kann nicht gut reden. (…) Wenn ich etwas sagen will, kommen immer genau die falschen Worte raus. Ich sage das Falsche oder sogar das Gegenteil. (…) Ich habe das Gefühl, als ob ich irgendwie zweigeteilt wäre und meine eine Hälfte der anderen nachjagte. In der Mitte steht ein großer Pfeiler, um den ich mich rundherum jage. Mein eines Ich kennt die richtigen Worte, aber mein anderes kann es nicht einholen.“

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