Highfield Festival, Großpösna, Tag 1 4


Zum ersten Mal findet das Highfield in Großpösna statt.

Zum ersten Mal findet das Highfield in Großpösna statt.

Am Anfang war der Schlamm. Gefühlte zweieinhalb Wochen lang hatte es jede Menge geregnet. Mehr als zweieinhalb Tage lang haben die Veranstalter des Highfield versucht, etwas dagegen zu tun. Gestern Mittag war das Gelände trotzdem noch reichlich rutschig, doch mit viel Rindenmulch, Holzschnitt und Metallplatten auf den wichtigsten Verbindungswegen haben es die vielen Helfer geschafft, alles in geregelte Bahnen zu lenken. Wenn man sich vorstellt, wie es auf der Störmthaler Halbinsel am Mittwoch ausgesehen haben mag, ist es gar nicht so abwegig, dass die Veranstalter zwischenzeitlich vielleicht sogar mal über eine Komplett-Absage nachgedacht haben.

Gestern gab es aber, pünktlich zum Start, strahlend blauen Himmel und reichlich Sonne. Auch sonst überzeugte der neue Standort: Wie schon beim Original-Highfield in Hohenfelden (Thüringen) sind die beiden Bühnen angenehm nah beieinander, ohne sich aber Sound-mäßig ins Gehege zu kommen. Das Zelt rund um die Tent Stage ist auch groß genug, um selbst bei angesagten Bands wie den Drums genug Platz für alle zu bieten – auch das ist ja leider nicht selbstverständlich auf deutschen Festivals. Bei der sehr engagierten Show von Good Shoes wirkt es sogar ein bisschen arg leer. Das kommt davon, wenn man nach einem Debüt voller Hits plötzlich anspruchsvoll werden will. Einziges Manko am neuen Highfield-Standort: Zumindest gestern konnte ich noch keinen Stand von Mario’s Pizza finden.

Dafür gab es sehr nette Interviews. Jean Michel Tourette von Wir Sind Helden bekam während unseres Gesprächs nicht nur Besuch von Bandkollege Mark Tavasssol (der Grund: die beiden teilen sich ein Duschgel). Er plauderte auch sehr offen über die Unlust, weiter als Sprachrohr einer Generation zu gelten und über den Wunsch, auf Festivals lieber zu familienfreundlichen Zeiten zu spielen.

Ben Horowitz von The Gaslight Anthem war frisch geduscht.

Ben Horowitz von The Gaslight Anthem war frisch geduscht.

Auch im Interview mit Benny Horowitz, dem Schlagzeuger von The Gaslight Anthem, ging es um Körperhygiene: Er zeigte sich gleich zu Beginn ganz begeistert vom Highfield, weil er hier zum ersten Mal seit vier Tagen duschen konnte. Dann schwärtmte er von großen Helden und ärgerte sich nur ein bisschen über die paar „kids on the internet“, die seiner Band Ausverkauf vorwerfen.

Die Show von The Gaslight Anthem war ein Überraschungserfolg. Das Quartett aus New Jersey hat sich ja längst auf sehr klassischen Stadionrock verlegt, doch das kam auch beim sehr jungen Publikum bestens an. Sänger Brian Fallon war so angetan, dass er versprach, allen Besuchern einen Sixpack Bier aus Boston als Dankeschön zu schicken – sollte er einmal so reich werden wie Michael Jackson.

Die Rückkehr von Wizo wurde zum Triumphzug.

Die Rückkehr von Wizo wurde zum Triumphzug.

Noch unerwarteter war aber der, man muss es so sagen: Triumph von Wizo. Die wiedervereinten Altpunks haben die Messlatte für Blink-182, die am Sonntag spielen werden, verdammt hoch gelegt. Sie beglückten die Fans mit vielen Klassikern, und bei keiner anderen Band sah man gestern zu viele entzückte und entrückte Gesichter. Besonders erstaunlich: Nicht nur alte Fans feierten mit, die hier noch einmal ihre alten Helden hochleben ließen, sondern auch die Teenies erwiesen sich als erstaunlich textsicher. Wizo hatten selbst ebenfalls sichtlich Spaß an der Sause – und taten den Fans den Gefallen, nur ein einziges neues Stück zu spielen.

Wir sind Helden waren da mutiger, wären damit aber fast auf die Nase gefallen. Mit Denkmal betraten sie die Bühne – und es war sofort ein Ereignis. „Das fängt ja gut an“, meinte Sängerin Judith Holofernes (der übrigens immer noch erstaunlich viele Deppen in der ersten Reihe ein beherztes „Ausziehen!“ entgegenrufen, wann immer es geht), als schon beim ersten Stück die Fans den Gesang übernahmen.

Judith Holofernes und Wir sind Helden kamen erst spät in Schwung.

Judith Holofernes und Wir sind Helden kamen erst spät in Schwung.

Doch dann wurde die Helden-Show seltsam schwierig. Gleich drei Stücke vom durchaus gelungenen, aber für die Fans noch unbekannten neuen Album Bring mich nach Hause in die erste Hälfte des Sets zu packen, war  definitiv keine gute Idee. Der Titelsong wird noch höflich zur Kenntnis genommen, nach der Single Alles gibt es aber nicht einmal mehr richtigen Applaus. Erst mit Müssen nur wollen kriegen die Helden die Kurve – überzeugen dann doch noch, und zeigen mit 23:55. Alles auf Anfang dass auch die neuen Songs das Zeug zum Livekracher haben können. Übrigens: Das Bühnenbild besteht mittlerweile aus Wohnzimmerlampen – Wasser auf die Mühlen für all die, die ihnen einen Rückzug ins Private vorwerfen.

Bei Gogol Bordello besteht das Bühnenbild hingegen wie eh und je: aus einer Flasche Wein und jeder Menge irrer Typen. Zwar hat das Gypsy-Punk-Kollektiv inzwischen nur noch eine Tänzerin dabei, trotzdem liefern die Typen um Frontmann Eugene Hütz noch immer eine tolle Show.

Das gilt auch für The Drums. Die haben zwar im Interview viel (und durchaus sympathisch) von Authentizität erzählt, das hindert sie aber nicht daran, auf der Bühne mit einem Tamburin seltsame Ballettverrenkungen zu vollführen (Gitarrist Jacob Graham) oder sämtliche Rockstarposen innerhalb eines einzigen Songs zu vollführen (Sänger Johnny Pierce). Voll ins Zeug legen sich die New Yorker trotzdem nicht, was dazu führen dürfte, dass alle von dem Konzert begeistert sind, die schon vorher The Drums mochten – dass sie aber auch keine neuen Fans gewonnen haben. Die Show ist gut, aber nicht so umwerfend wie die Songs. Immerhin schaffen sie es, auch nach einer guten halben Stunde noch wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Auch eine Leistung bei all dem Schlamm.

Gogol Bordello spielen My Companjera live beim Highfield 2010:

Hier gibt es mehr Fotos vom Highfield-Festival 2010.


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