Highfield-Festival, Großpösna, Tag 2


Auch Royal Republic blicken hier definitiv in Gesichter voller Angst. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Auch Royal Republic blicken hier definitiv in Gesichter voller Angst. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Wir müssen über Angst reden. Keiner will es zugeben, aber sie ist ein wichtiger Teil auf Festivals. Das Highfield 2013 ist ein weiterer Beweis dafür, wie allgegenwärtig sie bei so einer Veranstaltung sogar ist, und wie konsequent alle Beteiligten versuchen, sie zu verdrängen.

Oliver Uschmann zum Beispiel hat jüngst den Quasi-Ratgeber Überleben auf Festivals geschrieben. Es ist ein lesenswertes Buch vor allem für Leute, die noch nie auf einem Musikfestival waren und nun überlegen, ob sie das mal ausprobieren sollten (man kann ihnen auch ohne die Lektüre des Buches empfehlen: Die Antwort lautet nein. Es ist wie beim Überholen in der Fahrschule: Der Leitspruch lautet „Im Zweifel nie.“ Wer nicht vollkommen überzeugt von so einer Expedition ins Rockreich ist, der wird drei oder mehr Tage Festival niemals genießen/ertragen/überleben können). Es gibt in Uschmanns Buch Kapitel zu den Besuchern, zu den Musikern oder zur Ernährung. Aber die Urängste, die so eine Veranstaltung entstehen lassen kann, und die es zum großen Teil sogar nur auf Festivals gibt, die werden unter den Tisch gekehrt. Shitesite klärt also auf. Nach dem Samstag beim Highfield gibt es hier, als Mahnung und Lebenshilfe, die zehn wichtigsten Festivalängste.

1. Das „Sum-Via-Phänomen“. Die Angst, dass man sich plötzlich in eine Straße verwandelt hat, oder zumindest in ein Verkehrszeichen, auf dem steht: „Bitte alle hierher laufen, genau links, rechts, vor und hinter mir vorbei, und dabei gerne ruppig, nass und stinkend sein und gezielt auf die Füße treten.“ Wohl jeder Festivalbesucher kennt das: Man hat immer das Gefühl, dass sich genau neben einem selbst gerade eine der seltenen Gassen aufgetan hat, durch die Fans von Skindred noch nach vorne stürmen können, um auch bloß nichts zu verpassen. Beim vorletzten Lied.

Die Therapie: Es gibt nur eine Kur für diese Angst: Man muss selber in der ersten Reihe stehen.

2. Locusphobie. Die Angst, sich in einem Dixieklo zu befinden, das gerade umgeworfen wird. „Der moderne Besucher weiß mittlerweile, welchen Zweck das kleine Gebäude erfüllt, aber er macht trotzdem alles damit, nur nicht das, was er soll. Immer noch zieht die blaue Kisten die Menschen wie magisch an und fordert sie heraus, sich mit ihr auszuleben“, schreibt Uschmann in seinem Buch. Es kommt also tatsächlich nicht selten vor, dass ein Dixie samt Besucher und Exkrementenreservoir umgekippt wird und der Inhalt von Letzterem dann auf ersterem landet. Das ist bestimmt kein schönes Gefühl. Und die Angst davor kann auf die Psyche auf Dauer ähnlich zerstörerische Folgen haben wie ein Konzert von Billy Talent.

Die Therapie: Die Wissenschaft ist ratlos, es gibt bisher keine Hilfe. Das Gegenmittel, liebe Kerls, lautet aber definitiv nicht: einfach nicht ins Dixie gehen und stattdessen an die Zäune pissen.

Dieses T-Shirt dürfte bei mindestens einem Highfield-Besucher ein Trauma ausgelöst haben. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Dieses T-Shirt dürfte bei mindestens einem Highfield-Besucher ein Trauma ausgelöst haben. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

3. Morbus Weist. Die Angst, von dem Shirt von Jennifer Weist (Sängerin von Jennifer Rostock) getroffen zu werden, das sie vorher während ihrer Show durchgeschwitzt, sich dann noch einmal durch den Schritt gezogen und unter den Achseln gerieben hat, um es schließlich in die Menge zu werfen. Irgendeinem armen Highfield-Besucher widerfuhr dieses Schicksal am Samstag in Großpösna. Das Konzert von Jennifer Rostock kann man derweil am besten mit dem Wort „interessant“ zusammenfassen. Halbwegs solide Musik trifft auf die vulgärsten 45 Minuten seit den Dreharbeiten für Feuchtgebiete. Man möchte von dieser Frau eigentlich nicht ungefragt „Mäuschen“ genannt werden (sie spricht ihr Publikum trotzdem so an) und man möchte auch keine Details über ihre bevorzugten Masturbationstechniken erfahren. Das lässt sich freilich nicht vermeiden, wenn man in Hörweite der Green Stage ist. Man darf sich fragen, ob es wirklich das ist, was die Emanzipation erreichen wollte. Andererseits: Die Männer auf der Bühne am Highfield-Samstag reden derart penetrant über Brüste und Sex (die Kalifornier von Zebrahead scheinen geradezu besessen von deutschen Vokabeln zum Thema), dass es nur gerecht ist, wenn Jennifer Rostock das eben auch in den Mittelpunkt ihrer Bühnenexistenz stellen.

Therapie: Ein aufgespannter Regenschirm, vor allem während des letzten Drittels eines Konzerts von Jennifer Rostock, dürfte verlässlich Abhilfe schaffen. Die Nebenwirkungen (Ärger mit allen, die hinter einem stehen und denen man die Sicht versperrt; unabwendbares Unglück, falls man abergläubisch ist und es nicht regnet) sind allerdings beträchtlich.

4. YouTubeitis. Wo wir gerade beim Thema sind: Dem wiederholt und von verschiedenen Künstlern (und natürlich von großen Teilen des Publikums) geäußerten Wunsch, endlich ein paar Brüste zu sehen bekommen, kommt während der Show von Jennifer Rostock tatsächlich eine Besucherin nach. An der klassischen Pose muss sie freilich noch arbeiten: Richtig ist zwar, dass man dabei auf den Schultern eines männlichen Besuchers sitzt. Man zieht dann sämtliche Kleidungsstücke allerdings nach oben (Richtung Kopf, falls die Betroffenen wissen, was das ist) statt bloß die entscheidenden Teile des Bikinioberteils zur Seite zu rücken. Das muss die reichlich bejubelte Dame noch üben. Und bald wird sie eine weitere Festivalangst kennen lernen, nämlich das Gefühl, dass man sich ein ganzes Wochenende lang daneben benommen hat und nun nicht wissen kann, was davon bei YouTube landen wird. Das gilt genauso für den splitternackten Mann, der bei jemandem auf den Schultern steht und von Mademoiselle Weist begrüßt wird mit dem schönen Satz „Hallo nackter Mann mit dem kleinen Penis!“

Therapie: Prof. Dr. Fettes Brot empfiehlt: „Pack deine Brüste ein!“ Chronisch gefährdeten Patienten sei zusätzlich geraten, ab 18 Uhr die Akkus aus den Smartphones aller mitgereisten Freunde zu entfernen, das reduziert die Gefahr der Entstehung besagter Videos.

5. Morbus alienus. An dem Gefühl, hier nicht richtig hinzugehören, kann man als Festivalbesucher jenseits der 24 schon einmal erkranken, und daran leidet ganz eindeutig auch Fat Mike, Sänger von NOFX. Permanent schimpft er auf das Publikum, die Deutschen, die Ostdeutschen, die deutsche Küche und die Tatsache, dass er überhaupt beim Highfield auf der Bühne steht. Er singt spontan improvisierte Lieder namens Fuck The Kids (einzige Textzeile: „Fuck the kids“) oder East Germany (Textzeilen: „East Germany / not as good as West Germany / but still Germany / East Germany / you took all of West Germany’s money / but you’re still Germany“). Was der Grund für seine miese Laune ist, lässt sich nicht erschließen. Vielleicht hat er zuvor backstage zu viel gefeiert, vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht, als NOFX vor zwei Jahren schon einmal beim Highfield gespielt haben. In jedem Fall wird die Show der Kalifornier auf diese Weise ziemlich verstörend und aufregend – und man will schließlich keinen hochprofessionellen 08/15-Auftritt haben, wenn man NOFX für ein Festival verpflichtet, sondern Punkrock (wozu auch Selbstironie gehört. „We were much better in the 90s“, betont Fat Mike mehrfach). Allerdings dürfte auch er wissen: Ein wichtiger Bestandteil von Punkrock ist Respekt, und wenigstens den eigenen Fans gegenüber sollte man den auch im derangierten Zustand an den Tag legen.

Therapie: Womöglich unheilbar.

6. Potiomanie. Die Angst, dass die Getränke nicht reichen. Sie breitet sich auf den Zeltplätzen auf am zweiten Festivaltag schon massiv aus, und beim Highfield konnte man sie auch auf der Bühne erleben. Cro war nämlich so frei, während Drinks auf mich ein Mitglied seiner Band zum Barkeeper umzufunktionieren und zumindest die Fans in der ersten Reihe mit Alkoholischem zu versorgen. Die versprochene Lokalrunde für die rund 25.000 Highfield-Besucher fiel allerdings erwartungsgemäß aus. Dafür lieferte der Stuttgarter eine Show, mit der er durchaus bewies, einen Slot kurz vor der Headliner-Position ausfüllen zu können. Gute Laune war natürlich garantiert, dazu gibt es reichlich Späße mit der Band, eine alberne Perücke und sogar ein paar Takte von Smells Like Teen Spirit. Vor allem mit seiner sehr ausgiebigen Zugabe deutete Cro an, dass er mehr sein kann als der kleinste gemeinsame Nenner.

Therapie: Cro hat das passende Rezept bereits in Whatever notiert: „Also gib, gib, gib, gib, gib mir ’n Beck’s! Und ich kipp, kipp, kipp, kipp, kipp es auf ex!“

7. Finis delectatio. Damit ist die Angst gemeint, dass man das ultimativ Vergnügen erlebt hat, nach dem nichts Besseres mehr kommen kann (ein bisschen wie das legendäre Video aus David Foster Wallaces Unendlicher Spaß). Dieses Vergnügen ist beim Highfield die Show von Deichkind. Schon im dritten Song machen sie die Schlauchboot-Nummer, schon als vierten Track gibt es Bück dich hoch. Dazu eine Choreografie, die so komplex, atemberaubend und vor allem ausgeklügelt ist, dass ab sofort kein Mensch mehr die Deichkinder als „Rap-Chaoten“ bezeichnen darf, und Kostüme, auf die sogar Daft Punk neidisch wären. Famos.

Therapie: Einfach zum nächsten Deichkind-Konzert gehen und den Selbstversuch wagen, sich dem Trauma zu stellen.

8. Pyrophobie. Die Angst, dass das eigene Zelt brennt, während man noch nichtsahnend Waiting For The Fire von Bad Religion mitsingt. Die Unsitte, dass man am Ende des Festivals sein eigenes Zelt anzündet, ist ja schlimm genug. Es soll aber auch Menschen geben, die damit nicht bis zum Montagmorgen warten wollen und sicherheitshalber bereits Brennbarkeitstests an den Zelten anderer Leute vornehmen. Dass Ängste in diese Richtung beim Highfield womöglich nicht ganz unberechtigt sind, beweist ein seltsamer Hinweis, der am Samstagmittag über die Festival-App verschickt wird: Das Benutzen von Bengalos und Rauchbomben ist auf dem gesamten Festivalgelände am Störmthaler See verboten. Wer hätte das gedacht?

Therapie: Die Methode, aufs Zelten zu verzichten und stattdessen drei Tage durchzufeiern, ist in der Fachwelt umstritten. Asbestanzüge und Sauerstoffflaschen sind jedoch ein etabliertes Gegenmittel, zumindest für Privatversicherte.

9. Circulophobie. Ich kenne kein anderes Festival, auf dem es derart viele Circle Pits gibt wie beim Highfield, auch die Wall Of Death wird in mittlerweile inflationärem Ausmaß betrieben. Wenn man das aus sicherer Entfernung beobachten kann, ist es sehr spaßig und spektakulär. Es bleibt aber die Angst, dass irgendwo da vorne vor der Bühne noch ein Fan sitzt, der nach dem Bat-For-Lashes-Konzert am Freitag gerade erst wieder zu sich kommt und nun von beiden Seiten die wilden Horden halbnackter Männer auf sich zustürmen sieht. Kein schöner Gedanke.

Therapie: Nur noch Konzerte von Philipp Poisel besuchen.

10. Amentia. Die Angst, schlicht und ergreifend den Verstand zu verlieren. Dazu bietet natürlich jedes Festival reichlich Anlass, aber beim Highfield-Samstag ist die Angst besonders berechtigt. Ich erblicke zum Beispiel ein Pappschild, auf dem „Schild.“ steht (und eins, auf dem „Cro Fick Mich“ steht). Ein T-Shirt, auf dem „Kann Spuren von Nüssen enthalten“ steht. Und junge Menschen, die 20 Minuten lang ein Lied über eine Hobelbank und Boris Becker singen. Man muss sich seiner Geistesgegenwart schon sehr, sehr gewiss sein, um so etwas durchzustehen.

Therapie: Alkohol.

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