Highfield-Festival, Großpösna, Tag 3


Bis der Arzt kommt: 23.000 Fans feierten die 41 Acts beim Highfield. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Bis der Arzt kommt: 23.000 Fans feierten die 41 Acts beim Highfield. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Gestern haben wir an dieser Stelle über zehn Ängste gesprochen, die man nur auf Festivals erleben kann. Wir müssen leider kurz in der Nähe des Themas bleiben, uns allenfalls ein Stückchen weg von der Psychologie und hin zur Medizin bewegen. Schließlich machen einige der Künstler am Sonntag beim Highfield den Eindruck, dass sie ein bisschen medikamentöser Unterstützung nicht abgeneigt wären. Und, nicht zuletzt: Als Headliner in Großpösna stehen zum Abschluss des Highfield 2013 schließlich Die Ärzte auf der Bühne. Schauen wir also auf den Highfield-Sonntag mit der Leitfrage: Welcher Act braucht welchen Arzt?

Beim Alkaline Trio, die am Sonntag den Auftakt machen, scheint erst einmal eine gründliche Anamnese angebracht, denn hier wimmelt es vor Krankheiten. Nach insgesamt acht Alben kommt zwar verständlicherweise Einiges zusammen an Bekenntnissen, aber dass gleich in acht Lieder der Band aus Illinois das Wort „sick“ vorkommt, lässt doch das Schlimmste befürchten. Auch Songtitel wie Blue In The Face (Erstickungsgefahr?) und Alben, die Maybe I’ll Catch Fire (spontane Selbstentzündung?) heißen, geben Anlass zur Sorge. Vielleicht ist all das aber auch ganz normal, wenn man als Rocker so früh aufstehen muss, dass man schon um 14.30 Uhr auf der Bühne stehen kann.

Ganz eindeutig ist die Lage hingegen bei Frank Turner. Er hat Rücken und musste deshalb leider für das Highfield und einige andere Festivals absagen. Das ist extrem schade, denn erstens hätte er ein exzellentes Album im Gepäck gehabt, zweitens hätte ich ihn im Interview gerne gefragt, wem er gerne mal ein Tattoo verpassen würde, und mit welchem Motiv. Blöd. Spontan eingesprungen ist Thees Uhlmann, der einen fast annähernd gleichwertigen Ersatz bildet und vor dem obligatorischen „Peace Out“ zum Abschied als Highlight seines Sets Jay-Z singt uns ein Lied ertönen lässt. Sehr wohltuend.

Tocotronic scheinen für die Show beim Highfield bereits ihr eigenes Rezept gefunden zu haben: Rock, auf Teufel komm raus. Sie spielen ein für ihre Verhältnisse extrem hartes Set. Dazu gehört natürlich auch Let There Be Rock, vom permanent sein Haupthaar schüttelnden Dirk von Lowtzow angekündigt als ein Lied über „alles, was wir lieben, und alles, was wir hassen, zusammengefasst in einem Satz“. Dazwischen kann manchmal wirklich ein schmaler Grat verlaufen, und Tocotronic tappen auch in Großpösna zumindest gelegentlich auf die falsche Seite, auf der nicht „cool“ steht, sondern „peinlich“.

Madsen hingegen können voll und ganz auf ärztliche Hilfe verzichten, denn sie bekommen ihre Medizin in homöopathischer Form, nämlich als „Madsen, Madsen“-Sprechchöre von ihren Fans. „Ihr seid sehr gut zu uns, ich werde heute Abend sicher sehr gut schlafen“, bedankt sich Sebastian Madsen, und er erinnert gleich noch an den Auftritt seiner Band beim Highfield vor drei Jahren als „eines unserer schönsten Konzerte“. Anno 2013 stehen Madsen dem kaum nach. Es wird eine tolle Show mit guter Laune nicht nur in den Liedern, sondern auch auf der Bühne, dem obligatorischen (und nach wie vor umwerfenden) Nachtbaden als Abschluss und dazwischen kurzen Ausflügen ins Werk von Marvin Gaye, Daft Punk und Golden Earring. Falls irgendwann sämtliche Endorphin-Vorräte der Welt aufgebraucht sein sollten, kann man als Generikum sicherlich auf Madsen-Konzerte setzen.

Bei der rauchigen Stimme von Lumineers-Sänger Wesley Schultz könnte man versucht sein, einen Laryngologen zu Rate zu ziehen. Beim Highfield macht er aber einen sehr gesunden Eindruck. Darauf sollten auch die Besucher in Großpösna hoffen, denn Schultz verlässt die Quarantänestation auf der Bühne, nachdem er mit seinen Bandkollegen das umwerfende Ho Hey gespielt hat, und kommt für zwei Lieder mitten in die Menge. Später gibt es noch eine Coverversion von Bob Dylans Subterranean Homesick Blues. Um das Selbstvertrauen (und den Geschmack) der Band aus Colorado braucht man sich also auch nicht zu sorgen.

The Gaslight Anthem könnten, nimmt man ihre Show beim Highfield 2013 als Maßstab, eine kleine Adrenalin-Dosis gebrauchen. Erst nach drei Songs ringt sich Sänger Brian Fallon zu ein paar Worten an die Fans durch, danach wird er zwar etwas kommunikativer, aber das Konzert ist weit davon entfernt, irgendetwas mit dem Begriff „Show“ zu tun zu haben. Natürlich ist es wohltuend, eine Band zu erleben, die so sehr in ihrer Musik lebt (den Abschied vom Highfield begründet Fallon mit den Worten „We’ve got to go home now and record a few songs“), und wenn als letzte beide Lieder des Konzerts The ’59 Sound und American Slang erklingen, dann bleiben keine Wünsche offen. Natürlich sind die Songs von Gaslight Anthem stark genug, um für sich selbst zu funktionieren. Und natürlich wäre es albern, diese Musik, in der so viel Überzeugung steckt, mit Gekasper auf der Bühne zu umrahmen. Trotzdem würde es nicht schaden, wenn die Jungs aus New Jersey zumindest gelegentlich aussehen würden, als hätten sie Spaß bei dieser Sache.

Womit wir bei den Ärzten angekommen sind und der Erkenntnis, dass hier dringend ein paar warme Beinwickel angesagt sind. Denn BelaFarinRod sind so sagenhaft cool, dass man es kaum fassen mag. „Wollen wir ’ne schnelle La Ola machen? Dann haben wir es hinter uns“, fragt Farin Urlaub beispielsweise nach einer knappen halben Stunde, und natürlich gibt es danach eine Riesenwelle, bis weit in die Nähe der Souvenirstände am anderen Ende des Highfield-Geländes. Die Show beginnt erfreulicherweise mit dem grandiosen Wie es geht und bietet danach einen schönen Mix aus Hits und Obskurem. Für einige Songs gibt es sehr schicke Videoanimationen, doch noch spektakulärer sind die Dialoge auf der Bühne: Klamauk, Beleidigungen und tonnenweise Selbstironie sind die Zutaten dafür, und gleich mehrfach kann man den Eindruck haben, dass diese Momente zwischen den Liedern für Die Ärzte selbst mittlerweile der spannendste Teil ihrer Live-Existenz sind. Am Ende steht ein extrem kurzweiliger Abschluss für das Highfield 2013, bei dem alle, die in erster Linie wegen der Ärzte nach Großpösna gekommen sind (und das scheinen eine Menge zu sein, wenn man die T-Shirts im Publikum und den konkurrenzlos großen Andrang vor der Green Stage als Maßstab nimmt), wunschlos glücklich sind, und alle, die sich einfach mal die Ärzte anschauen wollten, ein staunendes, anerkennendes Grinsen im Gesicht haben. Kerngesund.

Wer unmittelbar danach schon Highfield-Entzugserscheinungen hat, kann übrigens am Mittwoch um 23:35 Uhr im MDR noch einmal die Highlights vom Highfield 2013 sehen. Oder sich auf das Highfield 2014 (15. bis 17. August) freuen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.