Hingehört: Alex G – „DSU“


Künstler Alex G

Mit "DSU" macht Alex G den Schritt aus dem Netz in die echte Welt.

Mit „DSU“ macht Alex G den Schritt aus dem Netz in die echte Welt.

Album DSU
Label Lucky Number
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ganz am Anfang seiner Great Indie Discography präsentiert Autor M.C. Strong “A very brief history of Indie Music” und kommt dabei am Versuch einer Definition natürlich nicht vorbei. Er geht den sicheren Weg und beschreibt sein Verständnis von Indie als „music which has (initially) positioned itself outside the mainstream of conventional ‚pop’ music or has attempted to redefine musical boundaries“. Das ist nicht sonderlich elaboriert, aber halbwegs überzeugend. Man hätte es sich auch (noch) einfacher machen können bei der Suche nach einer Definition von Indie – und einfach auf DSU von Alex G verweisen.

Am zarten Alter von 21 Jahren legt Alex Giannascoli aus Philadelphia mit diesem Werk bereits sein fünftes Album vor. Alle bisherigen waren nur über Bandcamp verfügbar, haben ihm aber immerhin bereits das Attribut “the Internet’s Secret Best Songwriter” (The Fader) eingebracht. Die Platte könnte nicht mehr Indie sein, wenn sie komplett aus alten Bartstoppeln von Bob Mould, verwesten Joints von Evan Dando und verloren geglaubten Tagebuch-Seiten von Ani DiFranco gefertigt wäre.

Das trifft zum einen auf die Ästhetik zu (Soaker klingt wie das Demo von einem Demo von einem Demo, Rejoyce ist eher ein Provisorium oder Experiment als ein Song, auch Skipper und Axesteel bleiben Skizzen). Zum anderen aber auf die Attitüde: Die Vorab-Single After Ur Gone, die gleich am Anfang von DSU steht, ist schrammelig und träge. Feedback ist nicht nur ein legitimes, sondern ein wichtiges Stilmittel – und die Fistelstimme von Alex G passt wunderbar in diesen Lo-Fi-Sound.

Black Hair zeigt, was passiert, wenn pubertierende Jungs eher Comics lesen als Tittenhefte. Hollow kommt auf reizvolle Art wie im Halbschlaf daher. Das sehr schöne Sorry wirkt wie eine Beichte, bei der jedes einzelne Instrument von Sisyphos gespielt wird. Songs wie Icehead spielt J Mascis wahrscheinlich seinen Kindern zum Einschlafen vor.

Auf seine tatsächlichen Einflüsse angesprochen, nennt Alex G so unterschiedliche Künstler wie Silver Jews, Aphex Twin, Lucinda Williams oder Boards Of Canada, betont aber, dass er ohnehin am liebsten aus seinem eigenen kreativen Geist schöpft: “I have been making music for as long as I can remember. My older brother is a talented musician and, as a kid, I would take after him by playing the keyboard. I always preferred writing my own music to learning other people’s work.”

Erstaunlich ist dabei, wie sehr seine Musik nach einer echten Band klingt. Bei Serpent Is Lord sieht man förmlich einen Proberaum vor sich, voller langhaariger, pickliger Jungs in Holzfällerhemden und mit einer viel zu großen Plattensammlung, in der jede Scheibe mindestens 20 Jahre alt ist. Auch Boy, das beste Lied des Albums, hat diesen Effekt. Es wäre zu hoch gegriffen, den Song als ambitioniert zu bezeichnen, aber er wehrt sich von allen Stücken auf DSU am wenigsten dagegen, einnehmend zu sein. So ähnlich wie Harvey könnten die ersten, unbeholfenen Gehversuche von Weezer geklungen haben.

Eine Überraschung ist auch, mit welcher Leichtigkeit Alex G gelegentlich aus dem Indie-Kosmos ausbricht – und welche Richtungen er dann einschlägt. Promise hat plötzlich einen interessanten, sogar engagierten Beat. Tripper wird ein instrumentales Klavierstück wie aus dem Musikunterricht, Waiting For You liefert als Album-Schlusspunkt ganz unvermittelt plüschigen Jazz wie aus der Lounge. Wenn man an die Definition von M.C. Strong erinnert, sind derlei Stilbrüche aber eindeutig: Indie.

Schön schrammelig ist auch das Video zu After Ur Gone.

Alex G bei Facebook.

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