Hingehört: Anika – „Anika EP“


Mit drei neuen Covers und zwei Dub-Versionen legt Anika nach ihrem Debüt nach.

Mit drei neuen Covers und zwei Dub-Versionen legt Anika nach ihrem Debüt nach.

Künstler Anika
EP Anika EP
Label Stones Throw Records
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Eine solide Coverversion richtet das Original nicht zugrunde, sondern wird ihm gerecht. Eine gute Coverversion fügt der Vorlage etwas Eigenes, Überraschendes hinzu. Eine exzellente Coverversion klingt, als sei sie das eigentliche Original, als hätte dieser Song schon immer genau so klingen sollen.

Wie gut Anika, die geografisch zwischen Berlin und Bristol und beruflich zwischen Sängerin und Politikjournalistin pendelt, dieses Prinzip verinnerlich hat, bewies schon ihr Debütalbum. Sieben der neun Songs darauf waren Coverversionen und vom Rolling Stone wurde das Werk als „enormously impressive“ gefeiert.

Bevor es ein neues Album gibt („Time to write a record i think“, hat Anika gestern gerade getwittert), legt die Anika EP nach, mit insgesamt sechs Tracks. Zwei davon sind sehr gelungene Dub-Versionen der beiden bisherigen Singles No One’s There und Yang Yang, produziert von Ratman aus Bristol.

Dazu kommt I Go To Sleep, das sich auch schon auf dem Album fand. Das dominante Klavier der Vorlage von den Kinks ist geblieben, auch die gespenstische Reduktion des Refrains. Dazugekommen sind ein mächtiger Bass, eine monotone Orgel und ein Beat, der eigentlich nur aus einer Snare besteht. Und statt der Heiterkeit, für die der Gesang von Ray Davies sorgt, gibt es hier den typischen Anika-Effekt: Mit ihrer Nico-Stimme wirkt sie völlig entrückt und schafft es, alles mit einem Schleier zu überziehen. Dass sie auf ihren Pressefotos bevorzugt nach unten und niemals in die Kamera schaut, ist eine schöne Entsprechung für diesen Sound, in dem alle Instrumente aus der Ferne zu kommen scheinen und der Gesang wie abwesend klingt.

Drei weitere Coverversionen kommen auf der Anika EP hinzu, die – wie schon Anikas Debütalbum – von Geoff Barrow (Portishead) und seiner neuen Band Beak> produziert wurde. Aufgenommen wurden die Stücke in den State of Art Studies in Bristol mit den Beak>-Mitgliedern Billy Fuller und Matt Williams sowie Andy Sutor (Schlagzeug) und Rasha Shaheen (Keyboard/Gesang/Gitarre), die zu Anikas Tourband gehören.

Die Ergebnisse sind alle sind faszinierend, spannend und cool, erreichen allerdings nie die oben geschilderte Kategorie, in der ein Cover zur Offenbarung wird. Allerdings zeigen sie: Anika schafft es, sich Lieder unnachahmlich anzueignen, egal ob sie eine Vorlage aus dem Jahr 1962 nimmt oder einen Song aus dem Jahr 2010 covert. He Hit Me (And It Felt Like A Kiss) von den Crystals hat hier keinen jubilierenden Backgroundchor und keine Wall-Of-Sound-Elemente mehr, dafür wird die Botschaft dezent umgedeutet: Der Gesang klingt längst nicht mehr so stolz, sondern mindestens ein wenig verletzt, und er hinterfragt damit subtil die „Mein Freund schlägt mich zwar, aber das beweist nur, dass ich ihm wichtig bin“-Philosophie. Bei In The City (eigentlich von Chromatics) lässt Anika ausgerechnet die markante Zwei-Ton-Keyboardmelodie weg, behält aber den Funk bei.

Aus dem Riff von Shocking Blues Love Buzz kürzt sie ein paar Töne heraus, auch der theatralische Gesang und Sitar-Wahnsinn am Ende des Originals müssen dran glauben. Dafür gewinnt das Lied eine leicht bedrohliche Postpunk-Nancy-Sinatra-Atmosphäre. Love Buzz wird so zum besten Track auf einer interessanten und inspirierten EP, auch wenn die meisten Tracks eher eigenartig als einzigartig klingen.

Im schönen Brandenburg ist das Video zu I Go To Sleep entstanden:

Anika bei Bandcamp.

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