Hingehört: Archive – „The False Foundation“


Künstler Archive

The False Foundation Archive Kritik Rezension

Jubiläum: „The False Foundation“ ist das zehnte Album von Archive.

Album The False Foundation
Label Dangervisit
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

A Thousand Thoughts heißt eines der Lieder auf The False Foundation, und auch jenseits davon spielen Zahlen für Archive diesmal eine wichtige Rolle. Vor 20 Jahren erschien ihr erstes Album. Mehr als 6000 Zuschauer verfolgten im Oktober 2015 ihren Auftritt im Zenith in Paris, wodurch die Show zu einem der größten Konzerte in der Geschichte der Band und zugleich der eindrucksvollste Beweis für den Erfolg des 2014er Albums Restriction wurde. Nicht zuletzt legt das Kollektiv aus London mit The False Foundation sein zehntes Studioalbum vor. Lauter eindrucksvolle Eckdaten, denen sich die beiden Bandköpfe Darius Keeler und Danny Friffiths auch sehr bewusst waren.

“I think just knowing that we were working on our tenth album made this one feel like a landmark record“, sagt Darius Keeler. „Our history as a collective has been a mad journey, we’ve trodden such a strange path to arrive at where we are today, and I think in a way that informed the new record and emboldened us to make what is probably the Archive album that I’m most proud of to date.” Was er damit meint, zeigt vielleicht ein Track wie The Weight Of The World als Abschluss der Platte am deutlichsten: Der Song klingt, als wollten Archive alles reinpacken, was sie in 20 Jahren gelernt haben.

Die Band hat diesmal selbst produziert. Zwar haben Archive dabei nach eigenem Bekunden kaum Computer benutzt, trotzdem klingt das Werk deutlich elektronischer als Restriction, fast wie eine bewusste Abgrenzung. Die Single Driving In Nails ist typisch dafür: Es gibt einen nervösen Beat und einen ultratiefen Bass, dann eine Stimme aus der Nervenheilanstalt, der dort eindeutig nicht geholfen werden konnte. The False Foundation hat etwas Punch im Sinne von Hot Chip; der Schwung des Songs deutet eher auf Getriebenheit hin denn auf Tatendrang. Wenn Gospel nicht in den Kirchen der US-Südstaaten, sondern auf der internationalen Raumstation erfunden worden wäre, die sich am Ende im Sturzflug befindet, würde er wahrscheinlich so klingen wie Sell Out.

Die TripHop-Anfänge von Archive lassen sich noch am ehesten in Splinters erkennen, der Beat, die orchestralen Anklänge und die eindringliche Atmosphäre verweisen darauf. Auch die nach wie vor gerne genutzte Genrebezeichnung „Postrock“ ist nicht allzu zutreffend für die neue Platte. Allenfalls könnte in Stay Tribal davon die Rede sein: Der Gesang bleibt fast höflich im Vergleich zur Musik, die hier ausnahmsweise auch mal prominente Gitarrenklänge bietet und so zur Aggressivität des Songs beiträgt.

Was The False Foundation (“People are going to read in to who or what The False Foundation is I guess, but they’re going to have to draw their own conclusions. I have my own take on it, let’s just say there are a lot of potential candidates out there in the world today”, sagt Darius Keeler zum Albumtitel) stattdessen prägt, sind Klangcollagen, die immer wieder um das Zusammenspiel von Stress und Katharsis kreisen wie in The Pull Out. Es gibt viele eher kontemplative Momente wie Bright Lights, auch der Auftakt Blue Faces gehört dazu: Über weite Strecken hört man nur Klavier und Gesang, verletzlich und ernst wie beispielsweise bei Radiohead. Erst ganz am Ende schwillt das Lied an, mit einem ebenso ernsten Schlagzeug und einem entrückten Chor.

Nach wie vor geht es in den Songs von Archive nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, Menschen zum Tanzen anzuregen oder zum Mitsingen zu bringen. Es geht darum, ein Gefühl auszudrücken, mit maximaler Intensität. The False Foundation zeigt, wie gut die Band dies mittlerweile kann und wie offen sie dabei für neue Ausrucksformen bleibt. Trotzdem fehlt dem Album insgesamt etwas Spannung – das vordergründige Gefühl im Jubiläumsjahr scheint manchmal die Selbstzufriedenheit zu sein.

Der Trailer zu The False Foundation.

Website von Archive.

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