Hingehört: Balance And Composure – „Light We Made“


Künstler Balance And Composure

Balance And Composure Light We Made Kritik Rezension

„Light We Made“ ist hörbar von der Arbeit im Studio geprägt.

Album Light We Made
Label Big Scary Monsters
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Bis weit ins Frühjahr 2017 hinein sind Balance And Composure wieder fleißig auf Reisen, planen für den Januar Auftritte in Berlin, Hamburg, Karlsruhe, Köln und Essen, spielen danach Konzerte in Australien und ihrer amerikanischen Heimat, bevor am 21. Mai eine Show in Pittsburgh in der Nähe ihrer Heimatstadt Doylestown die Tour beendet.

Das mag nicht allzu ungewöhnlich wirken bei einer Rockband, die seit ihrer Gründung 2007 beispielsweise mit Title Fight oder Nirvana verglichen wurde. Bei Balance And Composure hat es aber dennoch eine besondere Note: Denn auf der Tour zum zweiten Album (The Things We Think We’re Missing erreichte 2013 die Top 10 der Billboard-Indie-Charts) hatte die Band einen schweren Autounfall. Vor allem Schlagzeuger und Co-Songwriter Bailey Van Ellis erlitt schlimme Verletzungen.

Die folgende Zeit der Rekonvaleszenz hat Light We Made geprägt, sagt er: „Wir haben festgestellt, dass wir beinahe gestorben wären und dachten, es wäre vielleicht eine gute Idee erstmal einen Gang runterzuschalten und nicht andauernd auf Tour zu gehen. Es war eine aufschlussreiche Erfahrung, die sich letztendlich auch auf unser neues Album auswirkte.“

Der dritte Longplayer des Quintetts, der digital schon am 7. Oktober und physisch am 4. November erschienen ist, wurde unverkennbar vor allem von der Studioarbeit geprägt. Light We Made lässt viel Know-How in Produktion und Songwriting erkennen, dafür geht dem Album aber ein wenig das Organische und die Spontaneität ab.

Die erste Single ist gleich der Song, der das am deutlichsten zeigt: Postcard ist elektronisch geprägt; zugleich eines von mehreren Liedern, die sich ein bisschen zu sehr am eigenen Sounddesign ergötzen (das etwa einen Loop aus elektronischen Quasi-HipHop-Percussions zu bieten hat) und deutlich zu lang sind. Wenn es in einem Track wie dem Album-Schlusspunkt Loam statt des Vocoder-Effekts die Stimme von Marilyn Manson gäbe, wäre das gar nicht so unpassend. Auch For A Walk wird absichtlich kalt und maschinell – so würden New Order vielleicht klingen, wenn sie Cyborgs wären.

Zwei weitere Elemente dominieren Light We Made. Erstens eine Düsternis, die kaum überrascht angesichts der Tatsache, dass die Band dem Tod ins Gesicht geschaut hat. Dazu beigetragen hat aber auch der Umzug von Schlagzeuger Van Ellis, Sänger und Gitarrist Jon Simmons, Erik Peterson und Andy Slaymaker (beide Gitarre) und Matt Warner (Bass) nach Tullytown am Ufer des Delaware River. „Tullytown ist ein sehr düsterer Ort,“ erklärt Van Ellis. „Eigentlich passiert in der Gegend überhaupt gar nichts. Wir probten in einem Gebiet, in dem es ausschließlich Werkstätte und Lagerhäuser gab und mieteten den Proberaum einer ortsansässigen Metalband. Ich bin mir sicher, dass diese neue Umgebung zu einem anderen kreativen Output führte.“

Schon der Auftakt Midnight Zone offenbart die Auswirkungen, die das hatte. „Düster trifft luftig“, heißt das Prinzip. Es gibt ein komplexes, kraftvolles Schlagzeug und einen reduzierten, prägnanten Bass, die nicht nur in diesem Song an die Smashing Pumpkins denken lassen, dazu sphärischen Gesang, der eher an Eighties-Pop erinnert – und obendrauf noch ein paar rückwärts abgespielte Stimmen. Fame thematisiert wohl den Hang zum Alkoholismus. Das wiederholt beteuerte „I don’t need to be saved“ scheint sich Jon Simmons dabei selbst nicht zu glauben, was wenig später durch den Reim „I don’t need to be brave“ bestätigt wird.

Zweitens haben sich auch Balance And Composure hier hörbar an der Ästhetik der Achtziger orientiert. In Call It Losing Touch darf man entdecken, dass es tatsächlich eine Schnittmenge aus Jimmy Eat World und Heaven 17 gibt. So heavy die Musik in Mediocre Love auch wird, bewahrt der Gesang doch eine distanzierte Zurückhaltung, die an Morrissey geschult sein könnte (der übrigens gegen einen Reim wie „Can you feel my beating heart / can you feel my bleeding heart“ sicher auch keine Einwände gehabt hätte).

Am besten ist diese Platte, wenn die Band ihren Hang zur Finsternis mit ihrer Lust auf Eingängigkeit paart. Spinning, das die für den Albumtitel entscheidende Zeile „The light we made / into your eyes“ enthält, bietet zugleich den besten Refrain des Albums, eine gute Melodie und einen gekonnten Kontrast zwischen hymnischem Refrain und zurückhaltender Strophe. Afterparty erweist sich als Emo mit Drive, in Is It So Much To Adore? lässt sich ein schöner Wettstreit zwischen melodiöser Originalität und rhythmischer Entschlossenheit entdecken.

Die Dynamik bleibt auf Light We Made manchmal auf der Strecke. Dafür zeigen Balance And Composure hier, was sie letztlich ausmacht: Das Spannende an diesem Album ist der Mix der Einflüsse, den man nicht oft in dieser Konstellation findet.

Das Video zu Postcard wirkt mächtig verkatert.

Balance And Composure bei Facebook.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.