Hingehört: Big Thief – „Capacity“


Künstler Big Thief

Big Thief Capacity Rezension Kritik

Familie ist ein prägendes Thema auf „Capacity“.

Album Capacity
Label Saddle Creek
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Es ist ein Gespräch, zwischen Elternteil und Kind; zwischen Kind und Kind; zwischen dem Kind im Elternteil und dem Kind im Kind; und zwischen dem Elternteil im Kind und dem Elternteil im Elternteil“, umschreibt Adrianne Lenker, die Sängerin und Texterin von Big Thief, das Thema von Mythological Beauty, einem der einnehmendsten Momente auf Capacity, dem zweiten Album ihrer Band. Das Zitat mag verwirrend klingen, zeigt aber eine der größten Stärken der Band aus Brooklyn: Lenker entwirft mit wenigen Worten sehr bildhafte Szenen, die auf sehr konkrete Begebenheiten verweisen, und sie weiß, dass fast nichts in dieser Welt auf eine Dimension beschränkt ist, erst recht nicht in zwischenmenschlichen Beziehungen. Familie, Kindheit, Sexualität und die mit diesen Komplexen einhergehenden Verletzungen sind ihre wichtigsten Themen auf Capacity.

Zum Auftakt des Albums spricht sie in Pretty Things eine Warnung aus, sehr behutsam, aber zugleich wirkungsvoll, weil sie aus einer tiefen Weisheit gespeist zu sein scheint. Great White Shark profitiert von seinem ungewöhnlichen Beat, Black Diamonds wird als Schlusspunkt vergleichsweise konventionell, deshalb nicht weniger schön. Der Titelsong Capacity ist mit seiner sehnsüchtigen Atmosphäre, den schroffen Gitarren und einem wunderhübschen Gesang (inklusive des Backgroundchors) typisch für den Sound des Albums, das wie der Vorgänger Masterpiece von Andrew Sarlo produziert wurde.

Dass Big Thief vorher praktisch nichts geprobt hatten und fast alle Songs an dem Tag aufgenommen wurden, an dem Adrianne Lenker (Gitarre/Gesang), Buck Meek (Gitarre), Max Oleartchik (Bass) und James Krivchenia (Schlagzeug) sie zum ersten Mal spielten, mag man kaum glauben, so komplex sind Lieder wie Objects mit seiner originellen Melodieführung und dem spannenden Picking. Schon eher klingen die Erzählungen der Band plausibel, sie habe während der Sessions in Upstate New York jeden Abend ein gemeinsames Lagerfeuer veranstaltet, so organisch wirkt etwa Shark Smile, das mit Lust auf gemeinsames Lärmen beginnt und sich dann zu einem (vor allem dank der sehr resoluten Bass Drum) ziemlich straighten Song mit Countryrock-Flair entwickelt.

„Die Dunkelheit ist auf diesem Album etwas dunkler und das Licht etwas heller“, sagt Lenker. „Die Lieder suchen nach einer tieferen Ebene der Fähigkeit, sich selbst zu akzeptieren, und die Welt so zu nehmen, wie sie ist – die innere wie die äußere. Ich denke, dass wir mit Masterpiece diese Entwicklung angestoßen haben, als eine Reaktion mitten aus dem Schmerz heraus. Capacity betrachtet den Schmerz eher von außen.“ Zu den Höhepunkten gehört Mary kurz vor Ende des Albums. „My brain is like an orchestra / playing on insane“, singt sie, das dazugehörige Lied wird vom Klavier getragen und ist gerade deshalb so rührend, weil Lenker über eine Liebe singt, mit deren Ende sie sich nicht abfinden will, egal wie lange es schon zurückliegen mag.

„Big Thief’s quiet power propels songs of the flesh and soul. These are timeless songs, memorable and momentous”, hat NPR Music über die Musik des Quartetts treffend angemerkt. Wer einen schnellen Eindruck davon haben will, dem sei Come ans Herz gelegt, das den Sound von Capacity gut zusammenfasst. Denn der Song klingt wie etwas, das man auf einem alten Dachboden gefunden hat: etwas gespenstisch, sehr geheimnisvoll und ziemlich zerbrechlich.

Vier Songs von Capacity spielen Big Thief live für KEXP.

Website von Big Thief.

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