Hingehört: Brody Dalle – „Diploid Love“


Punkrock geht auch als zweifacher Mutter, will Brody Dalle deutlich machen.

Punkrock geht auch als zweifacher Mutter, will Brody Dalle deutlich machen.

Künstler Brody Dalle
Album Diploid Love
Label Caroline International
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Brody Dalle sieht aus wie ein Rockstar (auch auf den aktuellen Pressefotos posiert sie bevorzugt mit knallroten Lippen und verlaufenem Lidschatten.) Sie benimmt sich wie ein Rockstar (auf einem ihrer Arme sind die schönen Worte „Fuck Off“ tätowiert). Sie schläft mit Rockstars (sie ist seit 2007 mit Josh Homme verheiratet, davor war sie acht Jahre lang mit Tim Armstrong von Rancid zusammen). Kein Wunder, dass sie nach ihren Jobs als Sängerin bei Sourpuss, den Distillers und Spinnerette nun auch ein Rockstar unter ihrem eigenen Namen sein will. Deshalb also Diploid Love, das erste Soloalbum der gebürtigen Australierin.

Das Album ist Beweis für zwei Missverständnisse. Erstens: Brody Dalle glaubt, sie sei Punk. Aber Punk ist etwas anderes als amateurhafte, vollkommen durchschnittliche Songs wie Dressed In Dreams. Zweitens: Brody Dalle glaubt, sie habe etwas Relevantes zu erzählen. “It’s about so many things”, sagt sie über die Themen auf Diploid Love. “It’s about surviving in this weird technological, transitional modern age. It’s about living through your own history and becoming someone better…the human version of a caterpillar metamorphosis.” Aber neben einer diffusen Angst vor Technik und Veränderungen, die ihr offensichtlich vor allem deshalb Unbehagen bereiten, weil sie sie nicht versteht, haben die Texte wenig zu bieten.

Auch die Musik ist enttäuschend. Der Opener Rat Race (“It’s about starting over. Most of my record is about surviving a trauma, and instead of letting it live inside you, you burn it down and start from scratch. Music is cathartic”, stellt Brody Dalle klar, falls ihr Text nicht in der Lage sein sollte, das aus eigener Kraft rüber zu bringen) wärmt den Sound von Hole wieder auf und ergänzt ihn um seifige Retorten-Bläser. Songs dieser Art konnten früher selbst die Donnas besser, weil sie neben Einsatz und Pseudo-Rebellen-Image auch Melodien zu bieten hatten.

Das rabaukige Underworld hat ein Finale mit El Mariachi Bronx zu bieten, das zumindest witzig ist (auch wenn es vielleicht gar nicht witzig sein will). Blood In Gutters klingt, als würden Elastica eine richtig miese Party beschallen. Carry On liefert Variation um der Variation willen (einen Computerbeat), der Rausschmeißer Parties For Prostitutes (in dem ebenfalls ein alter Drumcomputer zum Einsatz kommt) liefert Seltsamkeit um der Seltsamkeit willen: ein stoischer Beat, schräge Streicher und ein Finale, das ganz laut schreit: „Punkrock, Alter!“

Als Herzstück der Platte sieht Brody Dalle Meet The Foetus. “I wrote Meet The Foetus, then peed on a pregnancy test a couple of days later, and found out I was pregnant again. That put things on hold. I took a year to spend copious amounts of time with my children, then went back into the studio when he was eight months old”, erzählt sie. Das Lied klingt allerdings nicht frisch oder gar neugeboren, sondern wie etwas, das vor 20 Jahren ein passabler Track für Garbage gewesen wäre.

“I’m still wild, you just have to keep a leash on it”, umschreibt Brody Dalle ihre neue Rolle als zweifache Mutter. “You can’t go around fist-fighting everybody. But I still feel like a teenage anarchist. I still have a problem with authority, yet now I’m in the position of being an authoritarian and raising two kids. Trying to find the balance isinteresting.” In Don’t Mess With Me, dem besten Song des Albums, nimmt man ihr ihre Aggressivität ausnahmsweise einmal ab. In dem Lied stecken reichlich Punch und rotziges Selbstvertrauen; das hätte gut zu den Distillers gepasst, würde aber auch jemandem wie P!nk gut stehen. Zu den besseren Momenten auf Diploid Love gehört auch I Don’t Need Your Love. Der Song zeigt zwar, dass der Stimme von Brody Dalle durchaus Grenzen gesetzt sind, dafür gibt es aber eine gute Dramaturgie und die wichtigste Zutat für eine Ballade: Glaubwürdigkeit. Der Rest dieser Platte ist leider viel Plastik, viel Posen und viel Popanz.

Brody Dalle warnt Toronto: Don’t Mess With Me.

Homepage von Brody Dalle.

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