Camp Claude – „Swimming Lessons“


Künstler Camp Claude

Camp Claude Swimming Lessons Kritik Rezension

Ein Brite, ein Schwede und eine Amerikanerin stecken hinter Camp Claude.

Album Swimming Lessons
Label Believe
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

„Don’t hold back“, singt Diane Sagnier im gleichnamigen zweiten Song dieser Platte – und praktiziert auf sehr anziehende Weise genau das Gegenteil. Der Track ist angenehm zurückgenommen, und gemeinsam mit ihren Bandkollegen Mike Griffts (der für die Beats zuständig ist) und Leo Hellden (der unter anderem die Gitarren beisteuert) zeigt sie darin, wie elektronische Musik funktionieren kann, die spannend, sexy und originell ist, ohne plakativ zu sein. „Elektronische Musik soll wieder in etwas Spontanes verwandelt werden“, lautet das Ziel von Camp Claude, erkärt Mike Griffts. “Das kann zum Beispiel passieren, indem wir sie mit Pop- und Rock-Elementen verbinden. Wir sind eine echte Live-Band, die Maschinen, Computer und Gitarren benutzt. Auf unserem Album ist genau das das vorherrschende Gefühl.“

Man muss ihm zustimmen: Swimming Lessons, das Debüt des Trios, ist ebenso einnehmend wie eigenständig, clever wie warm. Die 2013 gegründete Band, deren erstes Lebenszeichen die 2014er EP Hurricanes war, hat für ihre Musik das Genre „Sky Wave“ erfunden. Und das Streben nach einem unverkennbaren Sound merkt man dem selbst produzierten Album schnell an.

Der größte Pluspunkt ist dabei die Stimme der Franko-Amerikanerin Diane Sagnier. Im Opener Hurricanes haucht sie zu einem dysfunktionalen Beat verträumt wie Lana Del Rey, im minimalistischen Disconnected ist sie herb und kokett wie beispielsweise Samantha Urbani (Friends). Am Ende von Golden Prize schaltet sie in den Florence-Modus um, zuvor ist der Track lupenreiner New Wave – bloß dass man sich fragt, ob New Wave jemals wirklich so cool war. Der Satz „I will fall into your trap“ klingt in Trap nicht nach Angst und nicht nach Vorfreude; sie nimmt es einfach hin, wie eine unausweichliche Gewissheit.

Das führt zu einer weiteren Stärke von Camp Claude: Reife. „Ich erzähle von der vergangenen Zeit, jugendlicher Wut und eben dem, was ein erwachsenes Herz ertragen muss“, umreißt Diane Sagnier ihre Themen. Zu dieser Perspektive passt das sehr runde Sounddesign von Swimming Lessons. Kein Wunder: Der Brite Mike Griffts war früher bei Earthling aus Bristol aktiv, Leo Hellden musizierte lange mit seinem schwedischen Landsmann Jay-Jay Johanson. 2009 fanden sie in der Band Tristesse Contemporaire zusammen, jetzt haben sie mit Camp Claude das bisher wohl beste Vehikel für ihre musikalische Geistesverwandtschaft gefunden. Ihre frühere und ihre aktuelle Band „haben sich viel gegeben. Und unsere musikalische Vergangenheit ist natürlich auch wichtig, denn wenn ich drüber nachdenke, haben Mike und ich sehr ähnliche Reisen hinter uns“, sagt Leo Hellden.

So schaffen sie es, in New York City die reichlich vertraute Kombination aus Joy-Division-Bass und Maschinenbeat wieder interessant klingen zu lassen. Die Musik von In The Middle klingt wirklich wie die Geister, Halluzinationen und Erinnerungen, die da besungen werden. Das vergleichsweise rabiate Blow könnte man in der Nähe von Garbage einordnen, mit All This Space ertönt eine schicke Ballade mit einer Grandezza, die man nicht hat kommen sehen. Es wäre allerdings gelogen, würde man behaupten, man hätte Camp Claude das nach den sieben Songs zuvor nicht auch längst zugetraut. Lost And Found bietet den Kontrast dazu: So klingt Punkrock wahrscheinlich nach 200 Stunden Schlafentzug.

Das beste Lied auf Swimming Lessons ist der Titeltrack kurz vor Schluss. „We just go where the night is“, heißt der hier stetig wiederholte Beschluss. Und das Ergebnis bringt noch einmal das Credo von der nicht-kalkulierten elektronischen Musik in Erinnerung: Der Track klingt, als hätte Calvin Harris einen großen Eimer voller Eleganz auf Ex geleert.

Groß in Frankreich: Camp Claude spielen Don’t Hold Back live.

Camp Claude bei Facebook.

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