Hingehört: Cass McCombs – „A Folk Set Apart“


Künstler Cass McCombs

A Folk Set Apart Albumcover Kritik Rezension

Raritäten aus zwölf Jahren versammelt „A Folk Set Apart“.

Album A Folk Set Apart
Label Domino
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Cass McCombs, Jahrgang 1977, ist keiner, dem man unterstellen würde, er spekuliere auf ein paar schnell verdiente Dollar im Weihnachtsgeschäft. Dieser Verdacht steht zwar stets im Raum, wenn jemand zum Ende des Jahres eine Sammlung von Raritäten veröffentlicht. A Folk Set Apart ist solch eine Compilation, die Lieder aus den Jahren 2003 bis 2014 erschienen ursprünglich als Vinyl-7″, Split-Singles, B-Seiten oder Demos. Doch bei einem Mann, den seine eigene Plattenfirma als „Großmeister der Verhinderung“ bezeichnet, darf man wohl davon ausgehen, dass das eher als ein Service für die Fans gedacht ist.

Der kalifornische Songwriter, der zuvor neben diesem lose verstreuten Material sieben Alben und einige EPs herausgebracht hat, ist in der Tat so Indie wie man nur sein kann. Vieles auf A Folk Set Apart klingt hausgemacht und so, als sei es von vorneherein nur für einen kleinen Kreis von Eingeweihten konzipiert. Cass McCombs spielt immer wieder mit Dilettantismus und dem Eindruck des Unfertigen – trotzdem eignet sich diese Zusammenstellung auch wunderbar, um einen Eindruck von seinem Werk zu bekommen.

Da sind Lo-Fi-Momente wie I Cannot Lie, die Gitarre monoton, der Bass wahnsinnig, das Schlagzeug nicht vorhanden. Es gibt sehr kunstvolle Lieder wie Minimum Wage, Psychedelisches wie Empty Promises, einen sehr coolen Blues namens Night Of The World oder lateinamerikanische Rhythmen wie in Traffic Of Souls.

Vieles ist ein bisschen zu lang, das gilt auch für das Album insgesamt. Zu den verzichtbaren Tracks gehört Texas, ein Dankeschön an die Gastfreundschaft das „Lone Star States“, das eindeutig nicht ernst gemeint ist und in immer abgedrehteren musikalischen Spielarten wiederholt wird. Auch Three Men Sitting On A Hollow Log mit einem Sound, der nach Country-Kinderlied mit Abzählreim klingt, ist eher eine Kuriosität als eine Entdeckung.

Insgesamt ist die Vielfalt von A Folk Set Apart aber beeindruckend. Oatmeal verdient sich die Bezeichnung „heavy“, der Album-Schlusspunkt The State Will Take Care Of Me pendelt sich irgendwo zwischen behutsam und müde ein, der Ballade Twins kann man sogar die Lust auf Theatralik à la ELO anhören.

Als besonders wichtiger Bezugspunkt erweist sich Jonathan Richman, nicht im Hinblick auf dessen unbedingten Optimismus, aber im Hinblick auf seine gewollte Naivität und die brüchige, leicht nasale Stimme. „I hate myself / but I want to live“, singt Cass McCombs mit eben dieser in A.Y.D. (apropos Nirvana-Anspielungen: Poet’s Day fehlt nicht viel, und der Song könnte sich in einen Beitrag aus dem Oeuvre von Nirvana verwandeln). Und der instrumentale Catacombs Cow Cow Boogie könnte glatt ein Doppelgänger von Jonathan Richmans versehentlichem Hit Egyptian Reggae sein. An Other setzt auf Blues-Rock, wie ihn Frank Black mit den Catholics gespielt hat. Lost River/Old River würde auch als frisch aufgetauchtes Demo von John Lennon durchgehen.

Drei Songs ragen dabei heraus: Das extrem entspannte Bradley Manning klingt so sehr nach Seventies und Westküste, dass man beinahe nicht glauben kann, dass dieses Lied tatsächlich von besagtem Wikileaks-Informanten handelt und Begriffe wie „Facebook“, „MIT“ und „Hacker“ enthält. In If You Loved Me Before zeigt sich Cass McCombs von seiner verzweifelsten und hilflosesten Seite. „If you loved me before / can you love me today?“, will er wissen, um später zu grübeln: „If you loved me then / can you love me now? / and if you cannot / was it ever love anyhow?“ Das wundervolle Evangeline gerät hingehen heiter und schmissig – das könnte ein vergessenes Highlight aus dem Repertoire der Hollies sein und hat entsprechendes Hit-Potenzial.

Auch das unterstreicht die Qualität im Werk des Kaliforniers: Musikalität äußert sich bei Cass McCombs nicht so sehr als herausgestellte Virtuosität, sondern als große Lust auf möglichst viele Klänge und Stile.

Nicht hausgemacht, sondern historisch: das Video zu I Cannot Lie.

Website von Cass McCombs.

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