Hingehört: Chad VanGaalen – „Shrink Dust“


Als Soundtrack zu einem Science-Fiction-Film ist "Shrink Dust" konzipiert.

Als Soundtrack zu einem Science-Fiction-Film ist „Shrink Dust“ konzipiert.

Künstler Chad VanGaalen
Album Shrink Dust
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ich vermute, dass Chad VanGaalen noch nie etwas von seinem Beinahe-Namensvetter Louis Van Gaal gehört hat. Der Musiker aus Calgary, Jahrgang 1977, ist zwar alt genug, um die größten Erfolge des niederländischen Fußballtrainers mitbekommen zu haben, der demnächst angeblich bei Manchester United an der Seitenlinie stehen soll. Aber vermutlich interessiert man sich in Kanada nicht allzu sehr für Fußball.

Nimmt man Shrink Dust zum Maßstab, dann lassen sich dennoch ein paar Parallelen zwischen den beiden entdecken. Sowohl VanGaalen als auch Van Gaal schätzen traditionelle Werte, beide sind selbstbewusst und gelegentlich stoisch. Man darf aber gewiss sein, dass der Holländer mit der Musik des Kanadiers überhaupt nichts anfangen könnte. Denn Disziplin ist bei Louis van Gaal erste Bürgerpflicht. Und Disziplin ist genau das, was im Werk von Chad VanGaalen fehlt. Er liebt Eskapaden, er tobt sich neben dem Schaffen als Musiker noch auf reichlich anderen künstlerischen Feldern und unter diversen Namen aus. Und er nimmt sich auf Shrink Dust, seinem fünften Album unter seinem echten Namen, alle Freiheiten.

Das führt dazu, dass dies eine Platte der Konjunktive wird. Monster könnte wie ein Byrds-Song klingen, wenn die jemals den Wunsch nach Hässlichkeit verspürt hätten. Leaning On Bells wäre Glamrock, wenn dieses Genre direkt nach der Geburt in einer Garage ins All katapultiert worden wäre. Würde man All Will Combine bei dreifacher Geschwindigkeit abspielen, käme mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Funk-Song dabei heraus.

Für Louis van Gaal wäre das natürlich nichts: Der Trainer-Altmeister bevorzugt Effektivität statt Konjunktive. Auch in anderen Punkten würden sich die beiden in die Haare kriegen: Professionalität ist bei Chad VanGaalen nicht allzu wichtig (er hat noch nie eine Platte in einem richtigen Tonstudio aufgenommen und er baut sich gelegentlich auch seine eigenen Instrumente), auf mannschaftliche Geschlossenheit verzichtet er ebenfalls gerne (fast alles auf Shrink Dust hat er selbst eingespielt; immerhin dankt er im Booklet aber Eric Hamelin, Scott Munro und Matt Flegel, die seine Live-Band bilden).

Die wichtigste Inspirationsquelle für den Multiinstrumentalisten war diesmal eine Pedal Steel Guitar, die er sich angeschafft hat. „It took me a month to set it up, and a year to be comfortable recording myself playing this thing“, sagt er. Das Instrument ist auf dem Album sehr präsent, die beiden Schlusssongs Hangman’s Son und Cosmic Destroyer bekommen durch seinen Einsatz ein beinahe klassisches Country-Feeling. Gemeinsam mit Lila, das mit Orgel und schickem Harmonie-Gesang eine feine Sixties-Seligkeit verströmt, werden das die zugänglichsten Momente dieses Albums. Auch in Weighed Sin ist die Pedal Steel Guitar sehr prominent, das Ergebnis klingt wie Tim Buckley mit einer Unwucht.

Die Lust daran, offensichtlich Harmonisches und Strahlendes durch Dissonanzen und Klangexperimente zu verstecken, ist hier ein wichtiges Stilmittel. Das macht Shrink Dust sehr interessant, sorgt aber auch dafür, dass mancher Song ein wenig selbstverliebt wirkt und letztlich das wirklich Besondere fehlt, das zum zündenden Moment für dieses Album werden könnte. Schon der Opener Cut Off My Hands ergänzt sein akustisches Fundament durch eine seltsame Unruhe im Hintergrund (eine panische Entenkolonie, lautet mein Tipp). Frozen Paradise hat eine sehr schöne Melodie, aber alles außer der Gitarre klingt, als sei es unter Wasser aufgenommen worden. Am Beginn von Weird Love stehen offensichtlich Celli, die sich darin versuchen, Walgesang zu imitieren.

Dass Shrink Dust von Chad VanGaalen als Soundtrack zu einem von ihm erdachten Science-Fiction-Film namens Translated Log Of Inhabitants gedacht ist, passt da ins Bild. Der Mann lebt in seiner ganz eigenen, schillernden Welt. Oder, wie sein Landsmann Bryan Webb, Sänger bei den Constantines, in den Liner Notes schreibt: „You can see and hear his alternate reality through the artefacts he offers up. But as it turns out, the only true access point to Chad VanGaalen’s expanding universe is one’s own will to create.“

Chad VanGaalen spielt Weighed Sin live in Antwerpen.

Chad VanGaalen bei Bandcamp.

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