Hingehört: Childhood – „Lacuna“


Künstler Childhood

"Lacuna" zeigt: Childhood wollen nicht Stars sein, sondern Musiker.

„Lacuna“ zeigt: Childhood wollen nicht Stars sein, sondern Musiker.

Album Lacuna
Label Marathon Artists
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Unser Band ist echt gut.“ Diesen Satz hört man von Möchtegern-Rockstars auf dem Schulhof oder dem Uni-Campus ziemlich oft. Selten steckt ein Fünkchen Wahrheit in dieser Behauptung, meistens stimmt sie nicht. Bei Childhood ging die Übertreibung sogar noch ein bisschen weiter: Als Frontmann Ben Romans-Hopcraft und Gitarrist Leo Dobsen diesen Satz ihre Kommilitonen in London unter die Nase rieben, waren sie noch gar keine Band.

„I’d gone to uni purely to meet people, and I’d just started hanging out with Leo. And even though we’d had this vague idea about forming a band together, we didn’t have any songs or anything. We’d never played a single note, in fact, but for some reason we just started going around telling everyone that we were this amazing new band, like, ‚Yeah, we’re Childhood, have you heard us? Oh, you haven’t?! You really should, we’re pretty sweet…’”, erzählt Ben Romans-Hopcraft. Mittlerweile, durch die Ergänzung um Dan Salamons am Bass und Johnny Williams am Schlagzeug, sind Childhood tatsächlich eine Band, mit Lacuna haben sie auch ein von Dan Carey produziertes Debütalbum fertig. Und es klingt angesichts dieser Entstehungsgeschichte höchst erstaunlich.

Zum einen fällt auf, wie sagenhaft ausgereift die Lieder dieser Band sind, die im Vergleich zu manchen Mitstreitern quasi noch immer im Embryo-Stadium steckt. Der Opener Blue Velvet zum Beispiel klingt wie eine Shoegaze-Variante der göttlichen Electric Soft Parade; die Melodie will zum Himmel stürmen, der Sound mahnt aber, dabei auf keinen Fall den Army-Parka auszuziehen. Das sanfte As I Am entwickelt sich von der Schrammelgitarre am Beginn zu einem todschicken Refrain und zur in diesem Kontext durchaus glaubwürdigen These “There’s no time at all.“ In der Nähe von Krautrock, mit dem Bass als Motor, könnte man das energische und abwechslungsreiche Pay For Cool ansiedeln, der Beat in Right Beneath Me scheint hingegen aus einem HipHop-Track zu stammen.

Zum anderen klingen Childhood kein bisschen wie Angeber, die es mit großer Klappe schnell nach oben schaffen wollen. Lacuna beweist im Gegenteil: Sie wollen nicht Stars sein, sondern Musiker. Man kann sich vorstellen, dass in diesen Liedern sehr viele komplizierte Akkorde stecken, dass die Bandmitglieder sehr langweilige Interviews geben, dass sie mehr Zeit im Laden mit Gitarrenbedarf als bei Topshop verbringen.

When You Rise, der Schlusspunkt auf Lacuna, illustriert das mit seinem psychedelischen Hauch gut, auch auf Falls Away trifft es zu, das die Gitarren in den Hintergrund rückt und dafür auf mehr Synthie-Sounds setzt – das wird mit zunehmender Dauer immer spannender. Solemn Skies ist noch ein Beispiel dafür, bietet einen erhebenden Refrain und ein treibendes Schlagzeug, kommt allerdings ein Stück zu verschlafen und mit zu vielen Effekten auf der Gitarre daher, um bedingungslos zu rocken.

“A lot of bands have a certain sound they’re defined by. But in Childhood we do it all on a vibe. When I feel like I’m listening to us then I know we’re onto something”, umschreibt Ben Romans-Hopcraft die Herangehensweise des Quartetts aus London, und die Songs auf Lacuna lassen sofort verstehen, wie er das meint. Sweeter Preacher ist ein sehr guter, feuriger Rocksong; Tides vereint einen quasi-maschinellen Beat mit dem reizvollen Säuseln von Bens Stimme, die oft erstaunlich dünn klingt, aber niemals angestrengt. „You may be different, girl“, singt er in You Could Be Different, zu einem Motown-Beat und einem sagenhaft bratzigen Gitarrensound – und das ist nicht nur wie eine Hoffnung (für ihn selbst) gemeint, sondern zugleich wie ein Versprechen (für die Angesprochene).

„It’s always eclectic, it’s aware of soul, and dub, and indie, and dance, and it’s all about mixing up English and American music and seeing what you get”, erklärt Romans-Hopcraft den Sound seiner Band und weist damit auf einen weiteren reizvollen Aspekt bei Childhood hin: Smiths-Gitarren (im November sind Childhood als Support für Johnny Marr unterwegs) gibt es hier reichlich, aber auch Todd-Rundgren-Referenzen. Mit anderen Worten: the best of both worlds.

Im Video zu Falls Away wurden die Effekte gleich auch noch auf die Bilder gepackt.

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