Hingehört: Claire – „The Great Escape“


Claire liefern feinen Elektropop aus München.

Claire liefern feinen Elektropop aus München.

Künstler Claire
Album The Great Escape
Label Island
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein Blur-Zitat im Albumtitel! Das wäre natürlich einen Applaus wert. Und obwohl Claire auf ihrem Debütalbum todschicken Elektropop irgendwo in der Nähe von The Naked And Famous oder Animal Kingdom präsentieren, wäre es auch nicht ganz unwahrscheinlich gewesen. Denn die fünf Mitglieder der Band aus München haben völlig unterschiedliche Einflüsse und musikalische Biografien. Zwei aus dem Quintett waren schon in Metal-Bands aktiv, Sängerin Josie-Claire Bürkle hatte sich unter anderem in der Castingshow The Voice versucht, bevor sie Frontfrau (und Namensgeberin) von Claire wurde. Dass hier irgendwo auch ein paar Britpop-Gene stecken, ist beinahe sicher.

Über Genre-Grenzen wollen sich die Münchner aber ohnehin keine allzu großen Gedanken machen. „Die Ästhetikbarrieren im Pop sind in den letzten Jahren so heruntergefahren, dass man einfach viel mehr Kombinationsmöglichkeiten hat“, hat Keyboarder Matthias Hauck im Interview mit meinem Kollegen Sven Wiebeck erklärt, warum sich Claire gerne die Freiheit nehmen, über derlei Schranken hinwegzuklettern. Gitarrist Florian Kiermaier hat im selben Gespräch übrigens auch die Sache mit dem Great Escape aufgeklärt. Mit dem Albumtitel sei „keine negative Flucht“ gemeint, betont er. „Es ist nicht so, dass wir vor irgendwas wegrennen, es ist eher eine Flucht in etwas.“

Dieses Etwas ist Claire, eine Band, die niemals so richtig intendiert war, und dann doch irgendwann plötzlich da. Die Jungs hatten an den Tracks für ein Filmprojekt gearbeitet und suchten die passende Stimme dazu. In Josie-Claire Bürkle wurden sie fündig, doch erst als Claire dann auch live gefragt waren, wurde den Beteiligten klar, dass aus dieser Konstellation vielleicht etwas Dauerhaftes werden könnte. „Das Feedback war super, wir haben uns gut verstanden und jeder hatte einfach Bock, weiter an der Sache zu arbeiten. Es hat sich einfach von einem Projekt zu einer Band entwickelt innerhalb der letzten anderthalb Jahre“, umreißt Josie den Entstehungsprozess.

Dass sie irgendwann während dieser Phase beschlossen haben, jetzt richtig ernst zu machen, hört man The Great Escape an. Das Album, an dem die Band sechs Monate lang im eigenen Studio gebastelt hat, ist sagenhaft zeitgemäß und hat verdammt viel Hitpotenzial. Wenn die große Flucht im großen Erfolg enden sollte (das Debüt hat es immerhin schon einmal in die deutschen Top40 geschafft), dann hätten Claire sicher nichts dagegen.

Die Single Games ist einer von etlichen Songs mit viel Radio-Appeal, sehr kurzweilig und mit großer Leichtigkeit. The Next Ones To Come ordnet sich (inklusive eines Zitats aus Rapper’s Delight) irgendwo zwischen den Spice Girls und La Roux ein, wird programmatisch, aber nicht überambitioniert. Auch Invincible strotzt vor Kraft und Selbstbewusstsein, mit einer guten Gitarrenmelodie und einem enthusiastischen Refrain. Resurrection hat reichlich Elektro-Power.

Das Schöne dabei ist: Selbst wenn man hier Kalkül unterstellt, dann ist es Kalkül mit Stil. Roll Down Run South baut ein cleveres Pet-Shop-Boys-Sample (aus Heart) ein, in Overdrive reicht es, dass eine sexy Stimme in einem schicken Ambiente ein paar Wörter von sich gibt, die gut klingen. Der Opener Broken Promise Land findet eine erstaunliche Balance aus ambitioniert und souverän. Nichts schreit verkrampft: „Entdecke mich! Ich bin ein Hit! Wir sind zwar aus München, aber wir können international mithalten und genauso gut wie Ellie Goulding klingen!“ Stattdessen gibt es einen fast gelassenen, guten Song – als wüssten Claire ganz genau, dass sie noch genug von dieser Sorte haben.

Hallowed Ground und In Two Minds schaffen es, so weit zu reduzieren, dass eine faszinierende Intimität entsteht. Und spätestens im Titelsong klingen Claire dann wie eine echte Band, und sie machen dann auch keinen Hehl mehr daraus, was sie bei ihrem Great Escape im Sinne hatten: „This is a place we wanna own.“

Eindeutig nicht in München ist das Video zu Broken Promise Land entstanden:

Homepage von Claire.

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