Hingehört: Cro – „Melodie“


Ein großes Ja an das Leben ist auch das zweite Album von Cro.

Ein großes Ja an das Leben ist auch das zweite Album von Cro.

Künstler Cro
Album Melodie
Label Chimperator
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Riesiger, unerwarteter, historischer Erfolg kann leicht einschüchternd wirken. Die Messlatte liegt immer höher. Man merkt, wie gut sich Reichtum und Aufmerksamkeit anfühlen und will beides gerne behalten. Man kriegt mit, dass am eigenen Schaffen plötzlich Arbeitsplätze hängen. Da kann man schon mal die Flatter kriegen, und es gibt reichlich Beispiele für Musiker, die in so einer Szene eine Schaffenskrise oder gar Schreibblockade bekommen haben.

Bei Cro musste man sich derlei Sorgen nicht machen. Der Stuttgarter hat zwar in punkto Erfolg so ziemlich alles in den Schatten gestellt, was die deutsche Musikwelt in diesem Jahrtausend erlebt hat. Doch nach dem Siegeszug des Debütalbums Raop und Platin für alle darauf enthaltenen Singles legte er flugs mit Raop+5 nach und bewies im vergangenen Sommer auch mit dem kostenlosen Mixtape Sunny, dass der Strom an Hits noch längst nicht dabei ist, zu versiegen.

Trotzdem ist es erstaunlich, mit welcher Lockerheit Cro auf Melodie, seinem gestern erschienenen zweiten Album, alle Erwartungshaltungen einfach zur Seite wischt. Die wichtigste Botschaft des Albums ist, ganz ähnlich wie bei Raop: Wer Cro hört, hat Spaß. Wer zur Gang von Cro gehört, hat noch mehr Spaß. Und wer selbst Cro ist, hat den meisten Spaß.

Erinnerung ist der Track, in dem er seinen eigenen Senkrechtstart thematisiert, betont entspannt, dankbar und im Bewusstsein, dass die Zeiten noch nicht so lange her sind, als kein Mensch etwas von seiner Musik wissen wollte. Der Sound dazu hat natürlich reichlich Hitpotenzial, musikalisch muss Cro damit keine Konkurrenz scheuen, auch nicht international. 2006 ist später von vielen heiteren Liedern das heiterste, wie schon auf Raop wird dieses Jahr nostalgisch überhöht, mit erster Liebe, erstem Rausch und dem stolzen Erkennen, dass man sich auch im Rückblick treu geblieben ist.

Von der positiven Grundstimmung und den musikalischen Zutaten her knüpft Melodie beinahe unmittelbar am Debüt an: Es gibt diesmal ein bisschen mehr englische Vokabeln, noch öfter als auf Raop wagt sich Cro auch an echten (statt Sprech-)Gesang. Die melodiöse Abwechslung hält sich in Grenzen, aber es gibt einen hohen Spaßfaktor und eine Riesenportion gute Laune. Im schmissigen Wir waren hier II darf sogar wieder eine Indie-Gitarre das Fundament bilden wie einst die Samples von Bloc Party (bei Rockstar) oder den Kilians (bei Einmal um die Welt).

Allerdings hat Melodie auch ein paar Schwachpunkte. Rennen ist auch dann noch langweilig, wenn man berücksichtigt, dass es vom Chillen handelt. Vielleicht, ein Track über eine Beziehungskrise, ist im Vergleich dazu die bessere Ballade, aber auch nicht überzeugend. Auch Cop Love, eine zugegebenermaßen amüsante Verführungsfantasie wie aus einem Seventies-Softporno, ist einer von den Songs, bei denen klar wird: Das Rezept von Cro funktioniert jetzt noch sehr gut, aber man ahnt gelegentlich, dass es für Album #3 nicht mehr reichen wird.

Ein grüblerischer Blick in die Zukunft ist allerdings ungefähr das Gegenteil von dem, wofür Cro steht. Ihm geht es um Optimismus, um Unbeschwertheit, um den Moment. Das packende Jetzt macht das am eindrucksvollsten deutlich. Der Song ist famos plakativ und effektiv. „Ich nehm mir deine Hand, denn die Welt ist perfekt / Die gute alte Zeit ist jetzt“, heißt die Quintessenz. Auch der Titelsong, ganz am Ende von Melodie platziert, ist ein einziges großes Ja an das Leben.

Die Single Traum ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, mit einem Offbeat, Saxofon und erstaunlichem Funk. Never Cro Up setzt auf Kindergesang und ein markantes Piano wie einst Jay-Z in Hard Knock Life (sowohl der Künstler als auch das Lied werden an anderer Stelle auch in den Texten erwähnt) und ist eines von etlichen Stücken, die zeigen: Cro braucht nicht viele gute Ideen für ein gutes Lied. Noch besser ist das extrem leichtfüßige und kurzweilige Hey Girl, das vor Augen führt: Cro ist immer für einen Spaß zu haben, gerne auch auf eigene Kosten.

Es ist diese Fähigkeit zur Selbstironie, die einen großen Anteil daran hat, Cro nicht für seinen Mega-Erfolg zu hassen. Schon im Intro verweigert er sich (ausgerechnet zu einer künstlichen Fanfare) der üblichen Rap-Pose, der Größte, Beste und Härteste zu sein. Auch an anderen Stellen bleibt immer seine Bereitschaft zum Albernen erkennbar, seine Distanz zum eigenen Ruhm. Es gibt sicher elegantere Reimkünstler in Deutschland, aber Cro hat gar kein Problem damit, das zuzugeben und trotzdem die Anerkennung zu genießen, die ihm zuteil wird, weil seine Texte, die mitten aus dem Leben seiner Altersgenossen kommen, und sein Gespür für angenehme Sounds einen Nerv treffen.

Wie schon Raop hat auch Melodie viele, für eine HipHop-Platte erstaunlich viele ehrliche Momente, die von der eigenen Schwäche, dem Zweifel oder Scheitern handeln. In Bad Chick, das von einer fatalen Beziehung mit einer dominanten Freundin erzählt, vielleicht aber auch bloß eine besonders originelle Ausrede für ständiges Zuspätkommen ist, gibt Cro gerne zu, dass er kein harter Kerl ist, sondern harmlos. Das ist allemal authentischer als das Gangsta-Kasperletheater von Sido, Bushido & Co. Und es belegt das, was der Stuttgarter auch in Interviews beteuert: Cro und Carlo, mit und ohne Maske – das ist letztlich eins.

Noch eine Parallele zu Raop macht das zweite Album deutlich: Erneut dreht sich Cro in erster Linie um sich selbst. Die Beziehung, die Freunde, die Familie – das sind seine Koordinaten, die seine Welt begrenzen. Die Gesellschaft darüber hinaus und die großen Zusammenhänge spielen auch auf Melodie keine Rolle. „Mir ist so egal, was ihr denkt / denn alles was ich brauch ist die Gang“, heißt es beispielsweise im wuchtigen Meine Gang (mit einem Gastauftritt von DaJuan und Referenzen an Paper Planes von M.I.A.). Cro ist in seinen Texten durchaus zu Empathie fähig, aber nur für das eigene Umfeld; es gibt keine Solidarität, nicht einmal Interesse für irgendetwas, das außerhalb davon vor sich geht.

Man kann, auch angesichts des Erfolgs von Cro und all der Imperative an ein imaginäres Gegenüber (also wohl: an das Publikum) auf diesem Album, kaum anders, als darin die Stimme der Generation Sommermärchen erkennen – und sie bedenklich finden, weil diese Position letztlich Passivität bedeutet. Cro ist auf Melodie eindeutig nicht zufrieden mit der Lage der Dinge, man kann aus all den Erinnerungen an die unbeschwerten Teenagertage auch eine Angst herauslesen, dass die Zukunft vielleicht nicht so rosig sein wird. Aber trotz dieser Defizite der Welt zeigt Cro keinerlei Wille zur Gestaltung. Statt Probleme anzugehen, gibt es bei ihm immer wieder die Flucht, in die Clique (Meine Gang), in die Wonnen der Musik (Erinnerung und Melodie), in die Liebe (Traum), in die ewige Kindheit (Never Cro Up), in die Vergangenheit (2006 und Wir waren hier II), in den Chill-Modus (Rennen) oder in die Euphorie einer Party (Jetzt). Seine Methode heißt abwarten, wegschauen und leugnen, bis die Dinge schon irgendwie von selbst wieder gut werden – Cro ist die Angela Merkel des Deutschrap.

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