Hingehört: Dutch Uncles – „O Shudder“


Künstler Dutch Uncles

Ihre Mittel reizen Dutch Uncles auf "O Shudder" bis zum Letzten aus.

Ihre Mittel reizen Dutch Uncles auf „O Shudder“ bis zum Letzten aus.

Album O Shudder
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Der NME hat einmal versucht, die Musik der Dutch Uncles mit nur drei Wörtern zu umschreiben: „New Romantic Foals“. Tatsächlich kommt man der Sache damit schon ziemlich nahe. Im Angesicht von O Shudder, dem vierten Album des 2008 gegründeten englischen Quartetts, versuche ich es noch ein bisschen knapper: Akademiker-Pop.

Das bezieht sich zum einen auf den gedanklichen Überbau von O Shudder. Es gibt hier enorm viel Text für ein elektronisch geprägtes Album, und in den Texten sogar viel Inhalt. “Pregnancy, social media, terrorism, divorce, sexual dysfunction, job seeking, health scares, doubt, love”, fasst Frontmann Duncan Wallis die Themen der Platte zusammen. Eingebettet ist das alles in eine Geschichte, die einen Twentysomething durch sein Leben begleitet. “It felt like a suitable narrative, as we ourselves approach our thirties where a lot of people are expected to feel sure about who they are and where they are going and just don’t”, so Wallis.

Die Sache mit dem hohen Anspruch meint zum anderen aber auch die Musik selbst. Dutch Uncles fahren auf O Shudder (produziert hat wieder Brendan Williams) ein enormes Instrumentarium auf, das unter anderem Harfen, Holzbläser, filigrane Streicher und ein Xylophon beinhaltet. Und sie reizen all diese Stilmittel bis zu einem Punkt aus, an dem sie lächerlich zu werden drohen – gehen aber nie über diesen Punkt hinaus (auch wenn sie im Opener Babymaking nahe dran sind, wenn Wallis die Zeile “You need my babymaking” so schwülstig singt, dass auch Prince oder Bobby Brown das nicht anzüglicher hinbekommen könnten).

Drips ist exotisch und futuristisch und würde gut zu Björk passen. Decided Knowledge vereint die Theatralik von Frankie Goes To Hollywood mit ganz viel Intelligenz. Selten dürften Cello, Marimba und Blue-Eyed-Soul-Piano eine Kombination eingegangen sein, die so funky klingt wie in Given Thing. Das japanisch angehauchte Accelerate ist ein gutes Beispiel für die Vorliebe der Band für komplexe, nicht-westliche Rhythmen. Tidal Weight zeigt, was wohl passiert wäre, wenn Andy Butler von Hercules & Love Affair in seinen prägenden Jahren nicht ständig auf House-Partys gegangen wäre, sondern zur Musikhochschule.

Höchst gelungen ist das auch, weil Dutch Uncles dabei die Zugänglichkeit nicht vergessen. Fast alles auf O Shudder ist zugleich kraft- und stilvoll. I Should Have Read klingt wie die cleverste Fahrstuhlmusik der Welt, In n Out ist gut tanzbar, das vergleichsweise straighte Be Right Back lässt erkennen, was Dutch Uncles kürzlich ins Vorprogramm von Everything Everything gebracht hat. Auch in Don’t Sit Back (Frankie Said) steht die Komplexität nicht der Eingängigkeit im Weg, sondern führt einfach zu einer anderen Entwicklungsstufe von Eingängigkeit.

Als “Manchester’s champions of complex, oddball pop”, hat der Guardian die Band für diesen unnachahmlichen Sound einmal gelobt. Man kann es auch hier ein bisschen kürzer machen: Dutch Uncles beweisen mit O Shudder die erstaunliche These, dass es eine Schnittmenge aus Hot Chip und Wet Wet Wet gibt.

Schwarz n weiß bietet das Video zu In n Out.

Homepage von Dutch Uncles.

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