Echobelly – „I Can’t Imagine The World Without Me“


Künstler Echobelly

Best Of Echobelly Kritik Rezension

Die Hälfte des „Best Of“ von Echobelly sind Songs vom Debütalbum.

Album I Can’t Imagine The World Without Me. The Best Of
Label Sony
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung

„Dies ist der Jugend edelster Beruf / die Welt, sie war nicht eh ich sie erschuf“, sagt Bacculaureus im Faust II. Eine ganz ähnlicher Gedanke steht nun Pate für den Titel des Best-Of-Albums von Echobelly: I Can’t Imagine The World Without Me.

Das passt in zweierlei Hinsicht hervorragend. Erstens ist es der Schwung, die Egozentrik und der Aufruhr der Jugend, die auch die Musik dieses englischen Quartetts prägt. Zweitens ist mit dem Titel auch angedeutet, dass stets eine neue Jugend nachkommt, die sich ihre eigene Welt erschafft. Das mussten Echobelly schmerzhaft erfahren: Dieses Best-Of-Album umfasst die Jahre 1994-1997, in denen die Band ihre ersten drei Alben veröffentlichte. Danach waren sie, auch wenn noch zwei weitere Platten folgten, weg vom Fenster.

Die neuen jungen Menschen konnten sich dann doch recht schnell eine Welt ohne Echobelly vorstellen. Wie sang- und klanglos deren Bedeutungslosigkeit einsetzte, zeigt nicht zuletzt die Lieblosigkeit dieser Werkschau: Als passendes Form erachtete die Plattenfirma ein Digipack, ohne Booklet, ohne Liner Notes, ohne Texte.

Die Gründe für diese Nichtachtung der späten Jahre sind vielfältig: Die britische Musikpresse hatte bald andere Lieblinge, während der Welttournee 1995/96 hatten Echobelly mit sehr ernsten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, dazu kamen Umbesetzungen, die nicht immer einvernehmlich abliefen. Nicht zuletzt war Britpop, dem die Band aus London stets zugerechnet wurde, irgendwann vorbei.

So war eine Karriere erstaunlich schnell erledigt, die mit Lobpreis vieler Künstlerkollegen begann (Morrissey bekannte sich früh als ein Fan, auch REM und Madonna waren sehr angetan von Echobelly) und immerhin zwei Top-10-Alben hervorgebracht hat: das 1994 erschienene Debüt Everyone’s Got One (von dem hier gleich neun Songs vertreten sind) und das im Jahr darauf folgende On, das in England Platz 4 der Charts erreichte und mehr als 150.000 Mal verkauft wurde.

Worauf der Erfolg von Echobelly fußte, daran lässt auch I Can’t Imagine The World Without Me keinen Zweifel: Es ist die Stimme von Sängerin Sonya Madan. Ihre aus Indien stammenden Eltern verboten ihr als Heranwachsende, Rockmusik zu hören, erst an der Uni durfte sie diese Welt für sich entdecken. Ihr Gesang klingt hier, als wolle sie mit ganz viel Euphorie, Unschuld und Eifer all das nachholen, was sie in den Jahren zuvor verpasst hat. „A singer any band would kill for“, hat der NME sie genannt, auch der Rolling Stone erkannte: „Diese Sängerin ist schlicht und einfach Gold wert.“

Am deutlichsten erkennt man das noch immer im größten Hit der Band: Great Things. Drei schlichte Gitarrenakkorde erklingen zu Beginn, dann ist man im Himmel und schwebt durch einen der besten Popsongs der 1990er Jahre, nicht weniger. Die einzelnen Töne scheinen sich im Übermut gegenseitig überholen zu wollen, auf einer Sommerwiese voller Schmetterlinge. „I want to do great things / I don’t want to compromise / I want to know what life is / I want to try everything”, singt Sonya Madan, und selten klang eine solch einfache Botschaft so einleuchtend. Für solche Lieder wurden Begriffe wie „erhebend“, „mitreißend“ und „ansteckend“ erfunden.

Es gibt trotz dieses Hits, der in seiner eigenen Liga spielt, genug auf I Can’t Imagine The World Without Me um zu beweisen, dass das kein Glückstreffer war für Madan und den aus Schweden stammenden Gitarristen Glenn Johansson, die zu Beginn der Karriere von Echobelly ein Paar waren und alle der hier vertretenen Songs gemeinsam geschrieben haben.

The World Is Flat ist so energisch, dass es fast atemlos wirkt. King Of The Kerb hat eine Kraft und Frische, die man diesem Lied auch zwanzig Jahre später noch anmerkt. Iris Art ist das Lied, das sich am stärksten auf diese magische Stimme verlässt – und natürlich damit durchkommt. Der Titelsong bringt das schon angesprochene Gefühl von juvenilem Sturm und Drang perfekt auf den Punkt: Maximal plakative Drums eröffnen I Can’t Imagine The World Without Me, dann ertönt ein greller Pfiff als Startsignal, dann ein 2-Akkord-Riff. Dass diesem Alarm später ein hoch elegantes Break inklusive Piccolo-Trompete folgen wird, lässt sich da kaum erahnen. Und ganz am Schluss schreit Sonya Madan „Me!“, und zwar 17 Mal hintereinander.

Auch als Zeitdokument hat dieses Best Of seinen Reiz. Wenn irgendjemand heute fragen sollte, wie eigentlich dieser Britpop klang, dann ist I Can’t Imagine The World Without Me kein schlechter Ausgangspunkt. Insomniac könnte von Blur zur selben Zeit sein. Give Her A Gun wirkt wie gemacht für Elastica. Atom klingt wie die perfekte Schnittmenge aus den Smiths und den Cranberries (ja, das ist ein fragwürdiger Mix). Und We Know Better, eine von zwei hier vertretenen Echobelly-B-Seiten, ist beinahe prototypischer Britpop, der auch gut zu Travis oder Supergrass gepasst hätte.

Freilich merkt man Echobelly auch an, dass sie sich in diesem Genre nicht zu gemütlich einrichten wollten. Ihr Anspruch ist es eindeutig, etwas Besonderes zu machen, nicht bloß ein hübsches Lied. Dazu gehören abenteuerliche Sprünge in den Melodien und Kompositionen, als wolle Sonya Madan die scheinbare Grenzenlosigkeit ihres gesanglichen Könnens auf die gesamte Musik übertragen. Dazu gehören auch Texte, die oft die dunklen Seiten der Welt in den Blick nehmen und besonders gerne sexuelle Anspielungen einbauen. „Neben dem melodisch fließenden Pop ist es vor allem der politische Anspruch, der Echobelly von anderen Acts unterscheidet“, hatte der Musikexpress 1997 erkannt.

In etlichen Tracks dieser Compilation ist nicht nur die Ästhetik des Punk erkennbar, sondern auch dessen Wut. Manchmal reicht das, selbst mit einer außergewöhnlichen Stimme vorgetragen, aber nicht aus. Das Best Of zeigt auch, wie Echobelly auf Gimmicks setzten, wenn es galt, von einem eher schwachen Songs abzulenken. Die elektronischen Sounds von Here Comes The Big Rush gehören dazu, die Ska-Annäherung von Close…But, der Quasi-Metal-Sound von Bellyache, das hysterische Ende von Today Tomorrow Sometime Never oder die unecht wirkende Melancholie in Dark Therapy.

Diese Schwachpunkte erklären vielleicht, wieso Echobelly nicht bis ganz nach oben durchgestartet sind. Dass sie ein beachtliches Oeuvre geschaffen haben, zeigt I Can’t Imagine The World Without Me dennoch. „Echobelly bietet (…) ihren britischen Pop in einer derart reinen und überirdischen Wohlgefälligkeit an, dass man an die musikalische Menschwerdung erleuchteter Stoffhäschen denken möchte“, fasste der Musikexpress in einer Rezension des dritten Albums Lustra den betörenden Effekt dieser Band zusammen. „Dieser Sound fegt das Laub von der Seele“, hatte der Rolling Stone schon zwei Jahre zuvor geschwärmt. Ein bisschen von dieser Begeisterung können die besten Songs der Band noch immer wecken.

Zeitdokument (wie auch der Blick ins Publikum zeigt): Echobelly spielen Great Things live in The White Room.

Website von Echobelly.

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