Hingehört: Emika – „DVA“


Künstler Emika

Emika DVA Kritik Rezension

Als „rebel diva“ sieht sich Emika auf ihrem zweiten Album.

Album DVA
Label Ninja Tunes
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wahrscheinlich kann man das alles glauben. Die Musik von Emika sei “dark, seductive and as hard to pin down as its creator”, hat der Observer über ihr Debütalbum im Jahr 2011 geschrieben. Hank Shocklee, der für diesen zwei Jahre später erscheinenden Nachfolger als ausführender Produzent agierte, lobt die in Berlin lebende Britin mit tschechischen Wurzeln als „one of the most talented artists I have worked with. She has a great sense of communicating her ideas, her deepest emotions and making it all connect in stories that are serious, sensual as well as hard hitting.” Die Plattenfirma, bei der Emika übrigens einst als Praktikantin gearbeitet hat, ist ebenfalls begeistert: „DVA is a language, a form of personal expression that comes from and ends with the creative spirit. (…) Every song is inspired by a different dimension of oppression and the challenges of a present day creator with the courage to define a space where artistic expression lives free.” Die Künstlerin selbst hat natürlich auch noch ein Manifest zu verkünden: “This album is not industry made music, it is my raw uncompromised art. It’s a rebel diva record.”

All das stimmt vielleicht, wenn eine einzige Grundbedingung erfüllt ist: Man sollte Emika interessant finden. Und das ist das Problem an dieser Platte, umso mehr drei Jahre nach ihrem Erscheinen, wo sie erst recht exemplarisch für eine ungesunde Entwicklung zu stehen scheint. Ich will einen Künstler nicht interessant finden müssen, um seine Musik zu mögen. Ich will nicht denken: „Wow, über den oder die werden ja spannende Sachen geschrieben! Mensch, der oder die hat aber faszinierende Sachen zu erzählen! Da sollte ich echt mal reinhören!“ Umgekehrt soll es sein: Ich will einen Song oder einen Sound entdecken, der so packend ist, dass ich denke: „Wow, über den Menschen dahinter will ich dringend mehr herausfinden!“

Solche Momente gibt es auf DVA nicht. Nicht einmal annähernd. Stattdessen kann man hier 60:44 Minuten lang sehr gut erkennen, was passiert, wenn Musik im Glauben an ihre eigene Bedeutsamkeit ertrinkt. Dass die heute 30-Jährige diese Tracks bei ihren Liveshows mit der dazugehörigen Videokunst verknüpfte, passt ins Bild. Ebenso der Auftakt des Albums: Hush Interlude ist Klassik, eingespielt mit der Sopran-Sängerin Michaela Šrůmová und dem Prager Philharmonie-Orchester, und klingt wie ein Requiem.

„Seht her! Ich kann richtig komponieren!“, soll bei derlei Affirmation von bildungsbürgerlichen Idealen wohl die Botschaft lauten, und solche Signale gibt es gleich mehrfach auf DVA. „Seht her, wie geheimnisvoll und mutig ich bin!“, schreien die denkbar abgeschmackten Synthie-Bläser und seltsamen Beats von Young Minds. „Seht her, ich bin düster!“, proklamiert der extra-tiefe Herzschlag-Bass von She Beats. „Seht her, ich bin kontrovers!”, soll man nach der Titelzeile von Sleep With My Enemies wohl glauben.

Oft genug versucht Emika, Substanz durch Bass zu ersetzen. Mouth To Mouth verhält sich zu einem Song wie eine Notiz auf einem Schmierzettel zu einem Roman. Im Vergleich zu Sing To Me klingt jedes Lied von Enya wie eine emotionale Achterbahnfahrt. After The Fall muss noch lernen, dass es einen Unterschied zwischen minimalistisch und eindimensional gibt. Fight For Your Love klingt wie ein Track von Katy Perry, dem die Luft ausgegangen ist (aber nicht halb so spannend, wie das auf dem Papier klingen könnte), auch Centuries nährt den Verdacht, dass Emika noch schlechter ist, wenn sie versucht, sich einer konventionellen Songstruktur anzupassen.

Der einzig überzeugende Track auf DVA ist die Coverversion von Chris Isaaks Wicked Game. Hier funktioniert das Rezept von Dekonstruktion, Verlangsamung und Verschleierung – weil ausnahmsweise nicht nur ein Gefühl da ist, sondern auch eine Form.

Ansonsten muss man nach Lichtblicken sehr lange suchen: In Filters ist tatsächlich so etwas wie ein Gefühl zu erkennen, aber sobald man das dankend zur Kenntnis genommen hat, stellt sich pure Ereignislosigkeit ein. Primary Colours oder Searching wären vielleicht als Kontrapunkt auf einem ansonsten dynamischen Album reizvoll, hier sind sie aber beinahe die einzigen Momente von Dynamik auf einer völlig anämischen Platte. Trauriger Höhepunkt ist der Rausschmeißer Criminal Gift: Das klingt wie Katzenjammer, und damit ist leider nicht die norwegische Band gemeint.

Ich sage nicht, dass Emika eine schlechte Musikerin ist. Ich gestehe auch: Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht gehen wir mit völlig unterschiedlichen Erwartungen an Musik heran. Aber ich will nun einmal keine Musik, die ich erst analysieren muss, um (vielleicht) ihren Reiz zu erkennen. Ich will über den (möglichen) Charme eines Songs nicht nachdenken müssen, um ihn zu entdecken. Solche Effekte passen viel besser zu Literatur. Bei Musik will ich, dass sie unmittelbar wirkt, dass sie aufregend, rührend oder erschütternd ist, aus sich selbst heraus, ohne Kontext, sofort. Davon kann bei Emika keine Rede sein.

Emika spielt live in Paris. Die Videokunst ist nicht im Bild.

Emika bei Facebook.

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