Hingehört: Fiona Brice – „Postcards From“


Künstler Fiona Brice

Postcards From Fiona Brice Kritik Rezension

Nach vielen Kollaborationen legt Fiona Brice ihr erstes eigenes Album vor.

Album Postcards From
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

“Musical selfies” nennt Fiona Brice die zehn Stücke auf ihrem ersten Album. Jedes ist nach dem Ort benannt, an dem es (in Gedanken oder tatsächlich schon in musikalischer Form) entstanden ist. Alle bleiben instrumental, Geige, Cello und Klavier sind die einzigen eingesetzten Instrumente, und doch fangen diese Postcards From sehr treffend die Stimmung eines bestimmten Moments an einem bestimmten Ort ein.

Schaut man auf das Tracklisting, springt zwischen vielen Welt- und Hauptstädten ein Ort besonders ins Auge: Denton heißt das letzte Lied des Albums. Dort, in der nähe von Dallas/Texas, wohnt ihr Exmann Paul Alexander, Bassist von Midlake. Eine Weile war das Städtchen der zweite Lebensmittelpunkt der Engländerin. Nicht nur im Fall von Midlake und Denton war es die Musik, die sie hinaus aus der Heimat zog: Fiona Brice hat Geige gespielt für Beyoncé, Kanye West, die Gorillaz oder Robbie Williams und Orchesterarrangements beispielsweise für Anna Calvi, Placebo oder Jarvis Cocker geschrieben.

“I was so busy sustaining a living from music, and with other people’s music, I forgot to prioritise my own work, and lost sight of its potential“, sagt sie angesichts ihres etwas verspäteten Solo-Debüts. “The pieces were written over five years, but they started to hang together.”

In der Tat ist die Geschlossenheit der Postcards From frappierend angesichts dieser Entstehungsgeschichte. Tracks, bei denen die Geige im Vordergrund steht wie der majestätische Auftakt Berlin, das erstaunlicherweise in fernöstliche Klangfarben getauchte Glastonbury oder das verspielte St. Petersburg wechseln sich mit eher vom Piano geprägten Stücken ab, etwa Toyko, das zwischen nervös und opulent changiert, oder Verona mit seiner geheimnisvollen Klaviermelodie wir für eine Science-Fiction-Serie.

Das Album habe “one foot in the classical world and one in rock, but if anything, it’s more like film music. Either way, it represents me well”, sagt Fiona Brice passend dazu. Die Rock-Komponente kann man zwar nur schwer erkennen und für ein Publikum jenseits des Genres „Contemporary Classical“ muss auch wegen der fehlenden Texte vieles hier bloß beschaulich und dekorativ bleiben. Höhepunkte gibt es trotzdem. Das aufwühlende Antwerp klingt wie die Trauermusik zur Beerdigung eines ganzen Volkes. Im beschaulichen Koh Yao Noi hört die Künstlerin selbst “warmth, space and light”, man kann sich aber auch eine Beschwörungszeremonie auf der gleichnamigen thailändischen Insel vorstellen. In Dallas gibt es dann doch noch Gesang, aber die menschliche Stimme produziert keine Worte, sondern nur Geräusche – und vor allem ganz viel Trauer. Vielleicht hat auch das mit Paul Alexander zu tun.

Das Video von Dallas zeigt: Klavier kann man auch auf einer Schreibmaschine spielen.

Website von Fiona Brice.

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