Hingehört: Foo Fighters – „Sonic Highways“


Künstler Foo Fighters

Acht Songs in acht Städten - das ist die Idee von "Sonic Highways".

Acht Songs in acht Städten – das ist die Idee von „Sonic Highways“.

Album Sonic Highways
Label Sony
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Schreibt man über eine Platte der Foo Fighters, dann stellt sich eine seltene Form einer neuropsychiatrischen Zwangsstörung ein. Ich nenne sie: Nirvana-Tourette. Statt unkontrolliert permanent Schimpfwörter von sich zu geben, ist man in solchen Nirvana Texten Nirvana versucht, an Nirvana allen Nirvana möglichen Nirvana und Nirvana unmöglichen Nirvana Stellen Nirvana auf Dave Grohls frühere Band Nirvana zu verweisen.

Das ist natürlich Quatsch. Grohl ist jetzt schon seit 19 Jahren als Frontmann der Foo Fighters im Einsatz – fast fünfmal so lange, wie er für Nirvana getrommelt hat. Mit Sonic Highways legt seine Band bereits das achte Studioalbum vor. Und neben der Zusammenarbeit mit Butch Vig (der auch Nevermind produziert hatte) gibt es noch eine Besonderheit. Dave Grohl, Taylor Hawkins, Nate Mendel, Chris Shiflett und Pat Smear haben acht Städte besucht, die jede auf ihre Weise die Musikgeschichte der USA geprägt haben, und in jeder Stadt einen Song aufgenommen. In Austin, Chicago, Los Angeles, Nashville, New Orleans, New York, Seattle und Washington DC (in alphabetischer Reihenfolge) waren sie jeweils in legendären Studios zu Gast und ließen sich von Lokalgrößen unterstützen.

„Ich habe mir den Familienstammbaum der amerikanischen Musikgeschichte angeschaut und mich zu den Wurzeln durchgegraben, um mich für das Album inspirieren zu lassen“, erklärt Dave Grohl die Idee. Vielleicht ist dieses Konzept das Problem von Sonic Highways: Nichts gegen Traditionsbewusstsein und Heldenverehrung, aber hier agieren die Foo Fighters mit der dienstbeflissenen Ehrfurcht von Museumswärtern. Sie holen hier mal ein Gitarrensolo, da mal eine Bassfigur, dort mal ein Schlagzeug-Fill-In aus der Vitrine mit den großen Rockschätzen, und stets vermitteln sie die Botschaft: Bloß nicht kaputt machen!

Das Ergebnis ist eine erschütternd konventionelle, ereignislose, saturierte Rockplatte. Einen Tick weniger Inspiration und man müsste für die meisten Lieder den schlimmen Begriff „solide“ benutzen. Es gibt nichts auf diesem Album, was einen umhaut oder Stürme der Begeisterung auslösen könnte, es gibt auch nichts auf Sonic Highways, was erklären könnte, wie die Foo Fighters zu einer der größten Rockbands des Planeten werden konnten, die beispielsweise für den Vorgänger Wasting Light (2011) vier Grammys eingesackt und zudem in Deutschland, England und den USA die Spitze der Charts erreicht haben.

What Did I Do?/God As My Witness würde auch zu einem Hallodri wie Kid Rock passen, der zweite Teil sogar zu, hüstel, Bon Jovi. Auch Outside klingt eher nach zweiter Liga (meinetwegen: Incubus), es ist der Song auf diesem Album, in dem am meisten Muckertum und am wenigsten Frische stecken. Auch sonst bietet Sonic Highways immer wieder lästig lange Instrumentalpassagen, bei denen man förmlich riechen kann, dass sie auf Jam-Sessions zurückgehen, in denen sich Männer jenseits der 40 peinliche Wortfetzen wie „Far out, Dude!“ oder „Cool, bro!“ zugerufen haben.

Das Interessanteste, das man über In The Clear sagen kann: Es sind Bläser zu hören. Das Zweitinteressanteste: Es klingt wie eine sedierte Version von Blink 182. Subterranean kann man wunderbar im neuen Volvo hören, wenn man der Welt zeigen möchte, dass man früher mal ein wilder Rocker war, vielleicht sogar Punk, aber zugleich nicht das Töchterchen auf der Rückbank wecken will.

Natürlich hat Sonic Highways auch passable Songs zu bieten. Alles andere wäre auch erschreckend von einer Band mit der Kompetenz, Erfahrung und dem Studiobudget der Foo Fighters. Dass die Platte niemals katastrophal schlecht wird, liegt aber nicht an Kreativität oder Entschlossenheit, sondern daran, dass die Beteiligten sattsam bekannte Versatzstücke halbwegs geschmackvoll kombinieren.

Der Opener Something From Nothing beginnt wie ein entspanntes Schlendern und landet dann über viele Eskalationsstufen doch noch bei wütendem Geschrei und energischen Drums. The Feast And The Famine, das beste Lied des Albums, ist ebenso komplex und großspurig und hat einen sehr überzeugenden Punch – das könnte von Queen sein, ebenso wie von Biffy Clyro. Irgendetwas in Congregation will laid back sein, irgendetwas anderes will ausbrechen, und daraus entsteht reizvolle Reibung.

Ganz am Schluss gibt es mit I Am A River endlich ein Lied, in dem nicht nur ein bisschen Seele, sondern auch Ehrgeiz steckt. Trotzdem wird man den Gedanken nicht so leicht los, dass siebenminütige Powerballaden im Stile von Aerosmith, mit altmodischen Synthesizern und theatralischen Geigen, doch eigentlich genau die Sorte von Musik sind, gegen die Nirvana einst angetreten waren. Natürlich kann man da einwenden: Die Foo Fighters sind nicht Nirvana, sie sind eine eigenständige Band. Und es ist auch nicht schlimm, dass sie nicht Nirvana sind, schließlich hat seit deren Ende auch keine andere Band mehr eine vergleichbare  kulturelle Relevanz erreicht, und schließlich haben die Foo Fighters genug gute Songs abgeliefert (vor allem auf den ersten beiden Alben), um längst ihre Existenzberechtigung nachgewiesen zu haben.

Aber die Foo Fighters sind, ähnlich wie die Red Hot Chili Peppers oder Green Day, die letzten verbliebenen Vertreter des Konzepts von echten Rockstars, mit Luxusvillen, Privatjets und Pyrotechnik-Shows. Sie sind für viele Menschen aktuell die vielleicht gängigste Antwort auf die Frage, was eine große Rockband ist. Und große Rockbands sollten, verdammt noch mal, spektakulär sein, aufregend, gefährlich.

Die Foo Fighters sind hier nichts davon. Würde eine junge Band diese Songs als Debütalbum herausbringen, hielte man sie für vollkommen überflüssig. Sonic Highways klingt erschreckend wohlerzogen, nach Ernährungsberater, Bausparvertrag und Yoga-Übungen in der Morgensonne, nicht nach Rock’N’Roll. Stand Dave Grohl mit Nirvana noch für unberechenbare Kompromisslosigkeit, steht er jetzt mit den Foo Fighters bloß noch für nichtssagende Kompetenz. Es ist schwer, Rockmusik zu mögen und die Foo Fighters zu hassen. Aber angesichts von Platten wie dieser dürfte es mittlerweile noch viel schwerer sein, Leute, die Rockmusik hassen, mithilfe der Foo Fighters bekehren zu wollen.

Foo Fighters erklären die Entstehung von Sonic Highways, das es auch als Fernsehserie geben wird.

Homepage der Foo Fighters.

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