Glasvegas – „Later… When The TV Turns To Static“


Künstler Glasvegas

Glasvegas bleiben auf ihrem dritten Album am Rande des Wahnsinns zuhause.

Glasvegas bleiben auf ihrem dritten Album am Rande des Wahnsinns zuhause.

Album Later… When The TV Turns To Static
Label BMG
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Glasvegas im Jahr 2013 haben genau drei herausragende Qualitäten: James Allan. James Allan. Und James Allan. Genauer gesagt: seine Stimme, seinen Wahnsinn und seine Schottischheit.

Damit soll die Leistung der übrigen Bandmitglieder nicht gering geschätzt werden. Auf Later… When The TV Turns To Static ist eindeutig eine Band zu hören, und zwar eine sehr gut eingespielte. Rab Allan, Paul Donoghue und Jonna Lofgren haben hier immer wieder einzelne Momente, in denen sie glänzen können. Aber nichts an dieser Platte wäre relevant ohne diesen Gesang.

Wenn im Presse-Info zum dritten Glasvegas-Album großspurig von “der emotionalsten Band Großbritanniens“ die Rede ist, dann ist es die Stimme von James Allan, die diese Behauptung rechtfertigt. Er ist ein kaputter, romantischer, selbstverliebter Kämpfer, und das macht ihn so großartig.

Schon im ersten Refrain der Platte, im Titelsong, überschlägt sich seine Stimme, umrahmt von einer gequälten Gitarre und dem patentiert treibenden Bass. Kurz vorm Kollaps – das ist hier durchweg das Grundgefühl. Egal, ob Allan ein ebenso simples wie wirkungsvolles All I Want Is My Baby singt oder ein noch unmissverständlicheres I’d Rather Be Dead (Than Be With You) herausschreit. Er kann über die niedlichen Kinderzimmer von gar nicht mehr so kleinen Mädchen sinnieren (Neon Bedroom) oder gegen ein Klavier- und Schlagzeuginferno ankämpfen wie in Finished Sympathy, ganz am Ende von Later… When The TV Turns To Static. Alles berührt, alles blutet.

Den Albumtitel erklärt James Allan übrigens ebenso einleuchtend wie mysteriös. „Wenn man über Nächte und das Rauschen des Fernsehers nachdenkt, kommt mir nie jemand in den Sinn, der Gesellschaft hat“, sagt er, „denn wenn man jemanden bei sich hätte, würde der Fernseher nicht rauschen, jemand würde umstellen. Also ist da etwas, das nicht ganz richtig ist. Etwas, das nicht parallel ist, das aus der Balance geraten ist. Das ist das Grundgefühl des Albums. Gedanken und Erkenntnisse, die ich in den letzten anderthalb Jahren hatte, die sich um das Gefühl drehen, dass da vielleicht irgendetwas ziemlich hilflos ist. Isoliert. Etwas Zerbrochenes. Das Rauschen ist ein Bild, das ich mir vorstelle, und alle Songs sind auf die eine oder andere Art diese Situation.“

Man kann das schräg finden, aber auch in solchen Zitaten steckt ein großer Teil des Reizes dieser Band. Allan ist ein Alien, kryptisch und unberechenbar. Im September 2009 war er einfach für fünf Tage spurlos verschwunden. Er trug jahrelang ausschließlich schwarze Klamotten, und er weigert sich selbstverständlich, seine Texte zu interpretieren. „Weil der Hörer vielleicht einen besseren Gedanken dazu hat und ich das kaputt machen würde. Aber in jedem Song, den ich je geschrieben habe, ist ein Teil, der ich ist; andere Teile sind es dagegen überhaupt nicht, und Teile davon waren ich“, sagt er.

Womit wir beim dritten Faktor angekommen wären, der Schottischheit. Die landestypische Trinkfestigkeit und Sangesfreude sind wichtige Elemente dabei, aber noch viel mehr ist es die Sprache an sich. Auf keinem anderen Glasvegas-Album hat Allan seinen Akzent so unverhohlen zur Schau gestellt wie hier, und das lässt die Songs erst recht klingen wie von einer anderen Welt. Wenn er sich beispielsweise in das betörende Youngblood hineinsteigert, dann klingt der Text beinahe wie elbisch.

Noch ein Stückchen mutiger als bisher sind Glasvegas auch in punkto Sound geworden: Secret Truth könnte man sich sehr gut als einen 30 Jahre alten Track der Smiths vorstellen, Choices erreicht durch Reduktion eine sagenhafte Intensität. „We still have choices“, singt Allan immer wieder, aber man ahnt, dass da einer vor lauter Verzweiflung nur noch eine einzige Möglichkeit sieht, und dass diese womöglich aus einem Revolver, einer Rasierklinge oder einer Wäscheleine besteht. Mit If zeigen Glasvegas einerseits, wie U2 klingen könnten, wenn die noch aus Fleisch und Blut (und Herz) bestehen würden, und bauen andererseits ein kurzes Talking-Heads-Zitat ein. Nicht zuletzt haben sie sich diesmal (leider) erlaubt, komplett auf Hits und Hymnen zu verzichten.

Gegen den Vorwurf (oder das Kompliment), den permanenten emotionalen Ausnahmezustand zu verkörpern, wehrt sich James Allan übrigens. „Ich mag Menschen, ich mag Fremde und in mancher Hinsicht sind wir moralisch auf dem Boden geblieben, aber in anderen auch überhaupt nicht“, stellt der 33-Jährige klar. „Wir wollen nicht früh ins Bett gehen. Wir wollen voran und voran und voran. Auf eine Art sind wir verdammte Wahnsinnige, die leben, als ob es immer der letzte Gig ist.” Sag ich doch.

Rauch, Regen und Mystik: Das Video zu I’d Rather Be Dead:

Homepage von Glasvegas.

Im November sind Glasvegas fünf Mal live in Deutschland zu sehen, und zwar als Vorgruppe von Hurts:

10.11.13 Berlin – Velodrom

11.11.13 Munich – Zenith

13.11.13 Düsseldorf – MEH

14.11.13 Franfurt – Jahrhunderthalle

15.11.13 Hamburg – Sporthalle

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