Hingehört: Gwen Stefani – „This Is What The Truth Feels Like“


Künstler Gwen Stefani

This Is What The Truth Feels Like Gwen Stefani Album Kritik Rezension

Nach zehn Jahren macht Gwen Stefani doch wieder ein Soloalbum.

Album This Is What The Truth Feels Like
Label Universal
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Ich verstehe nicht, warum im ach so geschäftstüchtigen Hollywood noch niemand die Marktlücke „Agentur für garantiert hässliche Kindermädchen“ besetzt hat. Was die Promi-Eltern ärgert, erfreut die Klatschpresse – und so wissen wir natürlich längst alles über die Trennung von Gwen Stefani (hat mit No Doubt und als Solo-Künstlerin mehr als 30 Millionen Alben verkauft) und Ehemann Gavin Rossdale (hat mal bei Bush gesungen und dann schlagzeilenträchtig mit dem Kindermädchen angebandelt).

Mit dem gestern erschienenen This Is What The Truth Feels Like sollen wir nun noch mehr erfahren. Es sein ein klassisches „Breakup-Album“, sagt Gwen Stefani. Es ist diese Aussage, die dazu beiträgt, dass sich die Platte wie eine Enttäuschung anfühlt. Schließlich ist es ihr erstes Solowerk seit zehn Jahren, schließlich hat es einen äußerst programmatischen Titel, schließlich sollte sie einiges zu erzählen und reichlich Gefühlsballast zu verarbeiten haben.

Aber die 46-Jährige hat entweder keine Lust, sich wirklich zu offenbaren, oder sie hat – was schlimmer wäre – auch nach dem Ende einer 13-jährigen Beziehung nicht allzu viel emotionale Tiefe, aus der sie schöpfen könnte. „It’s all part of my broken history“, singt Gwen Stefani in Asking 4 It (mit Fetty Wap), das ansonsten vor allem aus der Warnung besteht, sie sei ziemlich schwierig. Aber offensichtlich will sie diese turbulente Geschichte nicht mit uns teilen.

This Is What The Truth Feels Like bietet stattdessen Lieder wie Send Me A Picture, das beliebig und belanglos ist, oder Obsessed, das vollkommen hohl und plump daher kommt. Das Gedudel von Splash hätte man besser weglassen sollen – man fragt sich wirklich, wer sich immer diese Deluxe-Editionen ausdenkt (das Standard-Album hat bloß 13 statt 16 Tracks) und glaubt, irgendjemand würde sich freuen, wenn er noch drei überflüssige Lieder zusätzlich bekommt.

Vieles ist okay wie das vergleichsweise ambitionierte You’re My Favorite, der gelungene Auftakt Misery, das spaßige Rocket Ship oder die Single Make Me Like You, die soliden Pop für die Erwachsenendisco im Stile von Kylie oder Sophie Ellis Bextor liefert. In Red Flag trifft Street Style auf Streicher und eine Girlie-Stimme auf einen Text wie aus dem Erziehungsratgeber. Das passt zwar alles nicht zusammen, ist aber immerhin interessant. In Where Would I Be? gibt Gwen Stefani zwischendurch nochmal das Hollaback Girl, der Rest ist softer Reggae à la Lily Allen.

Aber oft krankt das Album an den Refrains, die immer auf Bombast setzen, wenn Intensität oder Raffinesse gefragt gewesen wäre. Rare ist so ein Beispiel, das mit einer schicken Red-Hot-Chili-Peppers-Gedächtnis-Gitarre beginnt, nach der Strophe aber völlig den Faden verliert. Einen ähnlichen Effekt gibt es in Naughty, das sich tatsächlich daran versucht, die Dramatik von Amy Winehouse, das Genre-Hopping der Black Eyed Peas und die kalkulierte Euphorisierung von David Guetta zu vereinen. Das Ergebnis ist so ähnlich wie das Dschungelcamp: Man kann es nicht fassen, man gruselt sich, aber man kann auch nicht wegschauen.

Auch, wenn Gwen Stefani wirklich einmal ihr Herz zu öffnen scheint, bleibt das unbefriedigend. Truth, mit der im Albumtitel erwähnten Zeile “This is what the truth feels like / and I’m feeling it” ist einer der ganz wenigen Songs, die sich nicht auf hübsche Oberfläche beschränken. Das gilt noch mehr für das schon im Oktober veröffentlichte Used To Love You, ihre deutlichste Abrechnung mit dem Ex. „Das ist das Lied. Das ist das, was ich gesagt habe und es fühlt sich gut an, das zu teilen und ich fühle mich geehrt, es teilen zu können“, hatte Gwen Stefani damals gesagt, und es bleibt auch jetzt der ehrlichste Text des Albums, über den Verlust, über den Betrug und all das, was falsch gelaufen ist – inklusive der eigenen Rolle dabei. Es war allerdings keine gute Idee, daraus einen Breitwand-Kracher machen zu wollen.

Diese Diskrepanz zwischen Inhalt und Sound lässt sich auf This Is What The Truth Feels Like wiederholt beobachten. Getting Warmer etwa ist zwar wehmütig im Text, die Musik will allerdings auf dicke Hose machen. Auch Loveable, mit der trotzigen Botschaft „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“ leidet darunter, ebenso wie Me Without You, das die Entschlossenheit zum Ausdruck bringen will, die Trennung als Chance zu begreifen und nicht als Niederlage, aber mit dem Attribut „halbgar” noch wohlwollend umschrieben wäre.

Ihr drittes Soloalbum zeigt deutlich, dass Gwen Stefani für Bekenntnis-Songs einfach im falschen Genre zuhause ist. Partytauglicher Pop mit ein bisschen Urban-Flair und ein paar Ska-Wurzeln ist einfach nicht das richtige Umfeld für Seelenstriptease. Man kann das als Entschuldigung für die vielen Schwächen dieser Platte anführen. Man kann aber auch nicht den Wunsch ausblenden, sie hätte das selbst erkannt und sich – zumal sie ihre Solo-Karriere eigentlich schon für beendet erklärt hatte und somit der Boden für einen wirklichen Neuanfang bereitet war – zu einem radikalen Stilbruch entschieden. Für viele der Ideen, die sie mit This Is What The Truth Feels Like verfolgt, wäre das eindeutig die bessere Lösung gewesen.

In nur vier Minuten wurde das Video zu Make Me Like You gedreht.

Website von Gwen Stefani.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.