Hingehört: Helge Schneider – „Live At The Gruga Halle“


Bei Helge Schneider gilt: Alles ist Komik, immer aus dem Moment heraus.

Bei Helge Schneider gilt: Alles ist Komik, immer aus dem Moment heraus.

Künstler Helge Schneider
Album Live At The Gruga Halle. 20 Jahre Katzeklo
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Haben wir den Abend mitgeschnitten?“, habe er einfach den Tonmeister gefragt nach diesem Konzert in der Essener Grugahalle am 16. März 2014. Der Mann am Mischpult habe bejaht. „Das wäre doch eine gute Liveplatte. War ein wirklich gelungener Abend“, hat sich Helge Schneider dann gedacht.

So schilderte der 58-jährige kürzlich in einem Interview die Entstehung von Live At The Gruga Halle. Bei vielen anderen Künstlern könnte man das für Understatement und Koketterie halten, schließlich werden auch Livealben heutzutage generalstabsmäßig geplant, mit einem Hinweis im Konzert, dass der Abend für die Nachwelt dokumentiert wird, mit Marketingkampagne und am besten auch noch mit einer DVD-Variante. Bei Helge Schneider kann man die Geschichte glauben. Denn sein insgesamt drittes Livealbum beweist: Er ist ein Virtuose an vielen Instrumenten und ein Kenner der verschiedensten musikalischen Genres und Zeitalter. Aber seine Inspiration ist immer eine spontane. Er braucht auf der Bühne all diese vielen Instrumente und all diese begnadeten Mitmusiker, damit und weil bei ihm in jedem Moment alles passieren kann.

Sieben Mitstreiter stehen mit ihm in Essen auf der Bühne, wenn man Bodo Österling nicht mitzählt, der den Star des Abends mit Tee versorgt und damit eine durchaus wichtige Rolle spielt auf Live At The Gruga Halle. Denn neben Witzen über Die Geißens, Udo Jürgens oder Harald Glööckler („Harald Glööckler, Rolf Eden und ich – wir drei haben die Modewelt wie kein Zweiter beeinflusst“, heißt es beispielsweise) wird das Schlückchen Tee zum Running Gag dieses Abends. Und die Frage, was zur Hölle man diesem Mann in den Tee getan hat, stellt sich natürlich auch diesmal bei Helge Schneider.

Es gibt keine Begrüßung, sondern sofort Musik, die ersten Worte ans Publikum heißen dann „So, das war’s für heute. Tschüss!“ Kurz darauf gibt es schon Katzeklo, wie alle Klassiker aus seinem Oeuvre (unter anderem erklingt noch der Fan-Liebling Der Meisenmann; außerdem gibt es mit Feliz Navidad noch ein reichlich verfrühtes Weihnachtslied) wird das Lied mehr oder weniger frei improvisiert, und das ist nach wie vor ein Erlebnis.

Als „grotesk, aber ehrlich“, umschreibt Helge Schneider seinen Humor, und das bestätigt sich auf diesen beiden CDs. Bei früheren Konzerten konnte man noch die Momente erleben, in denen sich seine Zuschauer nicht sicher waren, wann die richtige Stelle zum Lachen ist. Inzwischen wissen seine Fans: Die richtige Stelle ist immer, jeder Moment dieser Show ist Komik. Helge Schneider zeigt, dass alles lächerlich sein kann, wenn man es genau betrachtet: Ein Orgelsolo. Die dritte Silbe eines Worts, dessen erste zwei Silben noch voller Inbrunst gesungen wurden. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ein jahrzehntelang erfolgloser Spaßmacher aus Mühlheim mittlerweile mit dem Deutschen Comedypreis für sein Lebenswerk geadelt wurde und in einer Halle mit rund 7000 Plätzen spielt – nur, weil er vor 20 Jahren mal ein Lied über sanitäre Einrichtungen für Haustiere gemacht hat. Als „jenseits von Gut und Böse“ bezeichnet er selbst seinen Erfolg. Und er staunt in einer der Ansagen in diesem Konzert: „Die Realität ist doch lustiger manchmal als ein Witz.“

Helge Schneider ist noch immer amüsiert über diese Entwicklung, dennoch merkt man ihm auf Live At The Gruga Halle auch einen gewissen Stolz auf das Erreichte an. Er gibt ein paar Anekdoten aus seiner Karriere zum Besten, er reflektiert höchst gekonnt über die Unterhaltungsbranche und er weiß, dass er oft genug einfach nur das zu kommentieren braucht, was er auf der Bühne gerade macht oder sieht, um für Lacher zu sorgen.

Zu den Höhepunkten dieser zweieinviertel Stunden gehört Hunderttausend Rosen, das dem Wahnsinn sehr nahe kommt, auch die Percussion-Improvisation Peter Thoms rastet musikalisch aus sollte sich kein Fan entgehen lassen. Absolut irre ist, wie sich Es gibt Reis, Baby nur aus Gesang und Schellenringgeklapper in eine große Big-Band-Nummer verwandelt. Jazz-Momente gibt es auch sonst reichlich, vom Gershwin-Klassiker The Man I Love bis zur Eigenkomposition To Be A Man vom jüngsten Album Sommer, Sonne, Kaktus. Schnell wird klar: Diese Stücke sind Fixpunkte der Show, vielleicht nicht so sehr fürs Publikum, aber für Helge Schneider selbst. Sie geben seinen Konzerten eine Struktur, in sie kann er sich auch flüchten, wenn er sich mit seinen freien Assoziationen zwischen den Liedern ein bisschen vergaloppiert hat.

Auch innerhalb dieser Songs herrscht freilich der maximale Freigeist. „Je mehr wir proben, desto schlechter sind wir. Meistens spielen wir auch die Stücke gar nicht, die wir vorher geprobt haben, sondern eher die anderen“, sagt Helge Schneider, und genau wie die Aussage, das gesamte Album sei einer spontanen Idee entsprungen, wirkt auch das glaubhaft. „Ich gehe nicht auf die Bühne, um etwas zu reproduzieren, was ich schon tausend Mal geübt habe. Ich will etwas sagen. Etwas ausdrücken. Ehrlichkeit – auswendig Gelerntes finde ich verlogen.“ Live At The Gruga Halle zeigt, dass er in einem Geschäft voller Konventionen und Routinen, wie es eine Konzertreise normalerweise ist, in erster Linie das Ziel hat, sich selbst nicht zu langweilen. Genau das macht Helge Schneider so aufregend.

Helge Schneider im Interview über 20 Jahre Katzeklo:

Homepage von Helge Schneider.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.