Hingehört: Hollerado – „White Paint“


Künstler Hollerado

Hollerado vereinen auf "White Paint" Hits und Komplexität.

Hollerado vereinen auf „White Paint“ Hits und Komplexität.

Album White Noise
Label Royal Mountain
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Makellosigkeit ist natürlich langweilig. Hollerado (Menno Versteeg, Dean Baxter, Noixon Boyd, Jake Boyd, allesamt zuhause im kanadischen Ottawa) setzen sich diesem schlimmen Verdacht aber offensichtlich ganz freiwillig aus. Schon für ihr Debütalbum Record In The Bag wurden sie 2011 in ihrer Heimat mit einer Juno-Nominierung als Best New Artist belohnt. Jetzt legen sie mit White Paint nach, und die Platte könnte kaum besser sein: Sie klingt im Prinzip wie ein Greatest-Hits-Album, voller famoser Indie-Rock-Songs, toller Melodien und großartiger Einfälle. “Crazy-catchy melodies, raging hooks and riffs seal the deal”, lautet das treffende Fazit von Spin.

Die Singles sind dabei natürlich der naheliegende Gradmesser, und sie illustrieren wunderbar die Methoden und die Klasse des Quartetts: Zu Pick Me Up kann man kann nicht nur tanzen, man muss. Genauso wie man mitsingen muss beim Refrain und der Zeile „We are young and in love“. So It Goes ist ein einziger Rausch von Energie und Übermut. Desire 126 hat einen tollen DIY-Sound, ist im Kern aber nichts anderes als Pop, inklusive eines wunderbaren Call-and-response-Gesangs. Americanarama (das war die Debütsingle der Band, sie ist auf der Expanded Edition des neuen Albums noch einmal als Bonustrack enthalten) hat mindestens so viel Optimismus wie die Kaiser Chiefs, und zusätzlich auch noch einen fiesen Twist.

Die Höhepunkte auf White Paint beschränken sich aber längst nicht auf die Singles. Don’t Think lässt gut verstehen, warum der Bandname ein wenig klingt wie die Attraktion in einem Vergnügungspark, denn das Lied ist eine höchst abwechslungsreiche und unterhaltsame Angelegenheit: Es hat die Sorte (Polka-)Beat und Melodie, die man sich auf dem zweiten Album der Good Shoes gewünscht hätte, es ist mitreißend und ansteckend. Too Much To Handle klingt, als hätten Franz Ferdinand all ihre Qualitäten zusammengeworfen und sich dazu noch einen magischen Girlgroup-Refrain einfallen lassen.

Pure Emotion setzt auf ein erbarmungsloses Schlagzeug und eine Surfgitarre, Lonesome George beginnt akustisch und entwickelt sich in Richtung eines herrlich putzigen Finales, das Throw That Beat stolz machen würde. Fake Drugs ist extrem cool und im Refrain so kraftvoll wie die besten Momente von Billy Talent und so ansteckend wie Weezer (mit beiden waren Hollerado schon auf Tour).

Als besonderer Pluspunkt von White Paint erweist sich die Stimme von Frontmann Menno Versteeg. Sie ist eigentlich ein Stück zu roh und proletarisch für diese Musik. Sie ist nicht distinguiert oder tongue in cheek, sondern stets leidenschaftlich, sogar immer ein bisschen euphorisiert ob der Tatsache, dass sie singen darf, und genau das verleiht diesen oft komplexen Stücken die nötige emotionale Kraft.

Das zweite Pfund, mit dem Hollerado wuchern können, ist ihre schiere Kreativität, die immer wieder für ungewöhnliche Sounds und faszinierende Entwicklungen inmitten dieser Songs sorgt. Thanks For The Venom beginnt mit einer Gitarre wie aus der Hair-Metal-Blütezeit (das Riff könnte tatsächlich von Van Halen sein), dann wird der Song plötzlich erstaunlich groovy, schließlich erklingt ein Math-Rock-Break. Fresno Chunk hat zunächst das Flair eines Seemannslieds, verwandelt sich dann in einen Hit, funky wie The Kooks und cool wie die Arctic Monkeys. In I Want My Medicine ahmt die Gitarre den Sound von The End nach. Aber es stehen nicht so sehr die Doors Pate als vielmehr Kula Shaker (der Refrain) und Shane McGowan (der Gesang an der Grenze der Belastbarkeit).

Es sind genau diese Volten, die White Paint so gelungen machen. An einen Kracher wie Pick Me Up hängen Hollerado noch ein mysteriöses lateinamerikanisches Outro dran. Ein schamlos plakativer Song wie Juliette springt zwischendurch kurz in den Walzertakt, das Monster-Finale von I Want My Medicine geht in ein unscheinbares Pfeifen über, Americanarama landet zwischendurch nicht nur in Philadelphia und New York, sondern auch bei Zwölftonmusik.

Das bietet reichlich Stoff zum Staunen für Kenner, White Paint hat aber auch genug Unmittelbarkeit und Hits, um ohne Umweg über Kopf, Analyse und Referenzenraten zu funktionieren. Hollerado machen auf dieser Platte alles richtig und haben genau die passenden Zutaten – aber sie klingen dabei nie formelhaft, sondern haben immer ein Ass im Ärmel, eine Überraschung an der richtigen Stelle.

Abgefahrene Videos können Hollerado auch noch, wie Americanarama beweist:

Homepage von Hollerado.

 

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