J Mascis – „Tied To A Star“


Künstler J Mascis

Marq Spusta hat das Cover von "Tied To A Star" gemalt.

Marq Spusta hat das Cover von „Tied To A Star“ gemalt.

Album Tied To A Star
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Irgendwo habe ich ein Buch rumstehen mit dem Titel Totally Guitar. Es zeigt auf mehr als 600 Seiten die schönsten Gitarrenmodelle der Welt, mit vielen Bildern und wenig Text, es ist ein ziemlich schwergewichtiges und großformatiges Buch und ich mag es sehr gerne. Denn ich mag Gitarren. Und genau deshalb mag ich auch J Mascis.

Jeder, der in den vergangenen 25 Jahren eine Schwäche für leicht schräge Rockmusik entwickelt hat, dürfte bei der Nennung seines Namens ein Grinsen ins Gesicht bekommen, nicht nur, weil er so würdevoll den Titel als „der unbeugsamste Langhaarträger der Indiewelt“ (Spex) verteidigt. Derselbte Grinse-Effekt wird wohl eintreten, wenn man diese unnachahmliche Stimme hört oder wenn der Ex-Dinosaur-Jr.-Mann seine Gitarre einstöpselt und eine seiner unvergleichlichen Lärmwände hochzieht. Spin hat ihn vor ein paar Jahren auf Platz 5 der besten Gitarristen aller Zeiten gewählt, was womöglich etwas übertrieben ist. Trotzdem möchte man wetten: J Mascis schläft mit diesem Totally Guitar-Buch unter seinem Kopfkissen.

Auch sein neues Album Tied To A Star stützt diese These, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Die Platte, aufgenommen in Amherst, MA, von Mascis selbst produziert und von John Agnello abgemischt, ist wie seine bisherigen Solowerke weitgehend akustisch. Zwar enthält fast jeder Track, schockierte Dinosaur-Fans können also beruhigt sein, eine E-Gitarre, aber sie ist meist gut versteckt. Sie ist hier nicht das Fundament des Sounds, sondern Dekor.

Sie kann subtil von Anfang an nebenher dröhnen und dann doch eine reizvolle Figur neben die dominierende Akustikgitarre setzen wie in Stumble. Sie kann sich als Solo entfalten, das der logische Endpunkt zu sein scheint, an dem ein geheimnisvolles Lied wie Better Plane zwangsläufig irgendwann hätte ankommen müssen. Sie kann unauffällig im Hintergrund perlen und dann klammheimlich doch für den dramaturgischen Höhepunkt eines Liedes inmitten der wunderhübschen Beschaulichkeit sorgen wie in And Then.

Sie kann die Form eines Solos annehmen, das man zu Beginn des Lieds ebenso wenig erwartet hätte wie den rasanten Tempowechsel kurz zuvor oder das beinahe dramatische Finale (Trailing Off). Oder sie kann herrlich versteckt sein wie in Wide Awake, das mit virtuosem Picking und seiner betörenden Atmosphäre in der Nähe von Nick Drake durchaus typisch für Tied To A Star ist. Erst ganz am Ende, als sich auch ein Harmonium und die Gast-Stimme von Chan Marshall (Cat Power) in dieses Lied geschlichen haben, gibt es ein paar sparsame Drums. Der einzige Track, dem man so etwas wie einen „Beat“ attestieren möchte, ist das beschwingte Every Morning kurz zuvor, das allerdings bis auf ein gewohnt bratziges E-Gitarren-Solo ebenfalls streng akustisch bleibt.

Dass die Lieder von J Mascis dennoch packend sein können, beweist unter anderem Heal The Star. Die Gitarre ist kraftvoll und bestimmt, der Gesang kommt allerdings daher, als wolle er das Wort „Slacker“ noch einmal ganz neu definieren. Dazu gibt es Percussions, die das Stück wahrscheinlich zu einem Lieblingslied von Christoph Columbus gemacht hätten: Der Sound rangiert irgendwo zwischen indisch und indianisch.

Drifter geht in eine ähnliche Richtung, bleibt instrumental und klingt wie ein posthumer Gruß an George Harrison. Come Down zeigt, dass die Stimme von J Mascis zwar stets sensibel klingt, aber niemals weinerlich. Immer ist da ein eigentümlicher Stolz inmitten der Verzagtheit, der diese Platte trägt. Dazu kommt eine Virtuosität, die beispielsweise der verträumte, fast somnambule Opener Me Again illustriert: Mindestens drei akustische Gitarren sind da gleichzeitig am Werk und erschaffen ein Lied wie einen Sonnenuntergang. Auch das ist eine Stärke von Tied To A Star: Alle Lieder haben einen ganz privaten Charakter, als seien sie für ein Publikum gemacht, das aus genau einer Person besteht.

Nicht nur die Frisur ist wie bei Jesus: Im Video zu Every Morning hat J Mascis mächtig Spaß.

Homepage von J Mascis.

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