Hingehört: Jib Kidder – „Teaspoon To The Ocean“


Künstler Jib Kidder

Jib Kidder könnte gute Songs machen. Will aber nicht.

Jib Kidder könnte gute Songs machen. Will aber nicht.

Album Teaspoon To The Ocean
Label Weird World
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Es ist nicht einfach, einen guten Popsong zu schreiben. Wer das nicht glaubt, muss sich nur die Charts anschauen. Genau aus diesem Grund ist dieses Album so ärgerlich. Jib Kidder (geboren als Sean Schuster-Craig in Louisville, dann in Georgia, Michigan, Kalifornien und mittlerweile New York zuhause) kann zweifellos einen guten Popsong schreiben. Aber er will nicht.

Fast wirkt Teaspoon To The Ocean, als leide er an einer krankhaften Mutation, die ihn dazu führt, die eigenen Songs zu zerstören, sobald sie zu schön/eingängig/wirkungsvoll sind. „Wer ist schuld daran?“, fragt man sich. Das Internet? Radiohead? Der Klimawandel?

Die Antwort lautet wahrscheinlich: das uralte Missverständnis, dass jeder Schluffi-Sohn von Hippie-Eltern, der viel zu früh mit viel zu vielen Drogen und viel zu viel Musik in Kontakt gekommen ist, sich für ein Genie hält. Jib Kidder ist ganz eindeutig so ein Fall. Als Einflüsse für Teaspoon To The Ocean benennt er beispielsweise Gertrude Stein, Roy Orbison und moderne indonesische Musik. Neben seinem Musikerdasein macht er unter anderem Videokunst und ist als Bildhauer tätig. Er sagt über sich selbst: “I was always better at the sideways thinking of humor and of dreams than with logic.” Und seine Eltern sind ein Pianist und eine Opernsängerin.

Die Collage ist, wie in seinen Videos und Bildern, auch auf dieser Platte seine wichtigste Methode, mit manchmal ekelhaft selbstverliebten Ergebnissen. World Of Madness bietet einfach nur wirre Geräusche, verwechselt „schräg“ mit „interessant“ und wirft schnell die Frage auf: Wer (außer ein paar durchgeknallten Bloggern) soll sich das anhören? Und wer zur Hölle soll das gut finden? In Illustration gaukelt das Schlagzeug ein paar Töne lang Entschlossenheit vor, dann verschwindet es wieder in einer Rauchwolke. Wenn The Waves eine Surfer-Hymne sein soll, dann richtet sie sich wohl allenfalls an solche Wellenreiter, die besonders gerne nach einer Ölpest auf dem Wasser unterwegs sind. Und Appetites klingt wie die Byrds an einem Tag, an dem sie eine ganz besonders schlimme Nachricht erhalten haben (zum Beispiel, dass sie 50 Jahre später nicht mal in der Nähe eines Atemzugs mit den Beatles genannt werden sollten).

Wie gesagt: Deprimierend ist das vor allem, weil Jib Kidder hörbar Talent hat, aber lieber seinen Weltschmerz beweisen will als sein kompositorisches Geschick. Ich werde das nie verstehen. Wenn ich zum Arzt gehe (apropos: Es gibt auf diesem Album auch noch einen Track namens Remove A Tooth, der im Hintergrund aus Progrock im Chill-Out-Modus und im Vordergrund aus einer Auto-Tune-Orgie besteht), will ich auch nicht, dass er mir sagt: „Keine Sorge, sie sind nicht der einzige, der dieses Leiden hat, es gibt Millionen andere!“ Ich will, dass er mich heilt, damit ich danach singend und tanzend durchs Leben ziehen kann. Und genau diesen Effekt will ich (meistens) auch, wenn ich eine Platte auflege.

Dozens ist einer von etlichen Songs, in denen sehr schlecht erforschte Drogen im Spiel zu sein scheinen, darunter schlummert allerdings so etwas wie ein Dire-Straits-Song. The Many klingt ein paar Sekunden, als könne es ein grandioses Poplied werden, vielleicht sogar ein Klassiker. Dann konzentriert sich Jib Kidder aber eher auf Gesangseffekte und möglichst kompliziertes Schlagwerk als auf Unmittelbarkeit.

Auch Wind Wind könnte bei doppelter Geschwindigkeit und weniger Stimmeffekten ein Hit sein und lässt gut verstehen, warum Jib Kidder demnächst im Vorprogramm von Panda Bear zu sehen sein wird. Bei In Between ist es der Gesang, der zeigt, dass hier ein guter Popsong den Kern bildet. Und genau so wie das 9 ½ Minuten lange Melt Me würde wohl der Typ von Owl City klingen, beschlösse er, statt seiner unerträglichen Seichtpop-Hits nach Schema F mal ein Lied zu machen, mit dem er der Welt zeigt, was für eine ach so zerbrechliche, einzigartige Seele er ist.

Man könnte das wertvoll finden, man könnte vielleicht sogar bewundern, wie sehr Teaspoon To The Ocean sich weigert, irgendwelche Zugeständnisse an Trends, Erwartungshaltungen oder Hörgewohnheiten zu machen. Aber dafür ist die Platte schlicht nicht aufregend genug. Was vordergründig wie Kompromisslosigkeit aussieht, ist unterm Strich einfach nur aufgeblasene Egomanie.

Natürlich selbstgemacht. Und schräg: Das Video zu In Between.

Homepage von Jib Kidder.

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