Hingehört: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – „Expedition ins O“


Schlau, spaßig und ungewöhnlich: "Expedition ins O" ist eine Wonne.

Schlau, spaßig und ungewöhnlich: „Expedition ins O“ ist eine Wonne.

Künstler Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi
Album Expedition ins O
Label Kreismusik
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

In Zeiten, in denen Prinz Pi die Charts erobert, Bushido die Schlagzeilen dominiert und K.I.Z. gerade wieder die Festivalbühnen heimsuchen, mag man das zwar kaum glauben. Aber: Es gibt ihn, den intelligenten, ungewöhnlichen, hochklassigen deutschen Sprechgesang. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi machen ihn. Und sie haben mit Expedition ins O eine famos geile zweite Platte vorgelegt.

Wer an der Zukunftsfähigkeit des Deutschrap oder gar der Zurechnungsfähigkeit der „jungen Leute heutzutage“ zweifelt, für den dürfte sich dieses Album als perfekte Medizin erweisen. Expedition ins O ist anarchisch und engagiert, spinnert und ausgetüftelt. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi liefern die perfekte Balance aus Albernheit und Philosophie, Irrsinn und Intellekt. Hier sind Kids am Werk, die sich tatsächlich mit Naturwissenschaft und Latein auskennen, die eher Schach spielen als Playstation. Das Ergebnis ist eine Wonne. Und ein Heidenspaß.

Der Anfang ist nah heißt der erste Track, setzt auf eine funky E-Gitarre à la Beck und handelt gleich mal von der Komplexität des Lebens und der Natur des Menschen. Alle Facetten davon werden hier begrüßt, keiner wird ausgeschlossen – und auch das ist bereits typisch für Käptn Peng: nirgends geht es hier um Beef, Hass oder das penetrante Markieren des eigenen Territoriums. Das ist unfassbar kreativ und vollgepackt, ausgelassen und intelligent.

Absolem, Achtung!, behandelt die Quantenphysik in Italo-Western-Atmosphäre, später legt Monster die Mephisto-Thematik neu auf, als ein Psycho-Blues, der eher gesungen als gerappt wird. „Schalt deinen Kopf an!“, lautet die Botschaft in 1234PengPengPeng, das man wohl gerne „Punkrock“ nennen darf. Oha thematisiert die Grenzen der Wahrnehmung, des Denkens und der Erkenntnis und stellt dem, unter anderem mit der wunderbaren Zeile „Ich bin der Fluss, nicht das Floß“, die Möglichkeiten der Fantasie gegenüber.

Das zeigt schon: Musikalisch und thematisch bietet Expedition ins O eine Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man den Werdegang von Käptn Peng und die Entstehungsgeschichte des Albums betrachtet. Die Berliner Brüder Shaban und Käptn Peng haben nach dem Debüt Die Zähmung der Hydra (2012) diesmal zusätzlich drei Freunde dazugeholt. Aufgenommen wurde die Platte in einem alten Hörspielstudio, insgesamt arbeiteten Käptn Peng ein dreiviertel Jahr daran.

„Die beiden Platten gehören auf eine Art zusammen. Das Material darauf ist in einer bestimmten Zeit um das Projekt Peng entstanden und war so reichhaltig, dass man da locker zwei Platten draus machen konnte“, sagt Shaban. „Bei der Expedition wollten wir, wie bei der Hydra auch, von Anfang an alles unbedingt in Eigenregie verwirklichen und keinen Produzenten einstellen, der unser Album ‚macht’. Wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung, wie wir klingen wollen. Dazu möchten wir keine Diskussionen und Kämpfe um Marketing, Zielpublikum oder sonstige Verkaufstrategien. Der Luxus der Selbstbestimmung: Es geht vor allem um die Musik. Und da keiner von uns bis dato ein Album in dieser Größenordnung gemacht hatte, mussten wir tatsächlich alles selbst rausfinden. Das hat zwar Zeit gekostet, führte aber dazu, dass unser Album nun so klingt wie wir es haben wollen.“

Dazu gehören zum Beispiel Rhythmen, deren Töne mit Haushaltsartikeln wie Bürsten, Töpfen, Gabeln, einem Koffer, einer Stahlsäge, einem Kuchenblech, einem abgewetzten Besen oder drei Fahrradklingeln erzeugt werden. Dazu gehören Tracks, deren Bass und Beats so viel Wucht haben, dass sie von den Chemical Brothers stammen könnten (U-Boot). Dazu gehört eine Ballade, die reflektiert und witzig ist und, noch erstaunlicher, eine Haltung hat (Liebes Leben). Und dazu gehören Songs wie Es ist, die sagenhaft musikalisch sind, ohne damit prahlen zu müssen: ein Science-Fiction-Sample wird hier mit viel Percussions, Glockenspiel und Start-Stop-Tricks zusammengeführt.

Gerade im Moment, wo man dieses Album längst liebt, aber befürchtet, es könne so etwas wie ein richtiger Hit darauf fehlen, kommt dann das grandiose Platz da, in dem – unfassbar – „repeat“ auf „Eremit“ gereimt wird und das alles mitbringt, was eine Festivalhymne braucht. Champagner & Schnittchen ist ebenfalls eine Partyeinladung; jung, aber nicht unbedarft; eingängig, aber nie krampfhaft auf einen Hit aus; funky, aber nicht im Sinne der schlimmen Jazzkantine, sondern im Sinne von Prince.

Immer wieder beweisen Käptn Peng: Sie sind musikhistorisch informiert wie Prinz Pi, aber mit viel mehr Talent gesegnet. Sie sind in der Regel gut gelaunt wie Cro, aber ohne den bedrückenden Gedanken, dass er vielleicht eines Tages beim CDU-Parteitag auftreten könnte. Sie teilen mit dem Stuttgarter auch die Sorge um die Zukunft, aber hier wird sie global betrachtet, gesellschaftlich. Käptn Peng haben nicht nur sich selbst oder ihre Clique, sondern zugleich die Belange der eigenen Generation und der gesamten Menschheit, sogar des Universums, im Blick.

Der beste Beweis dafür ist Sockosophie, ein 7-minütiger Track, dessen Großartigkeit kaum in Worte zu fassen ist. Wenn Ethiklehrer rappen könnten, dann käme vielleicht so etwas dabei heraus. „Zerreiß deine Ketten“, scheint einem Unten entgegen zu schreien, auch Omega Peng ist ein Beweis maximalen Horizonts, mit der Botschaft, dass Ignoranz nicht akzeptabel ist, erst recht nicht im Hinblick auf Politik.

Das ist die erfreulichste Eigenschaft dieser Platte: die Entschlossenheit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sich nicht mit Kompromissen, Lügen oder Heuchelei abspeisen zu lassen, und zugleich mit Geist und Strategie darauf zu reagieren, nicht bloß mit Wut. Käptn Peng sind fast all ihren Mitstreitern dank dieser Strategie um Welten voraus. Denn sie haben erkannt: Heranwachsen ist nicht (nur) die Zeit für Party und Hormone, sondern vor allem eine Zeit der Selbst- und Sinnfindung. Und eine Zeit von Hineinwachsen in, jawohl: Verantwortung.

Intellekt trifft Irrsinn – das war wohl auch das Drehbuch zum Video von Platz da:

Käptn Peng bei Facebook.

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