Hingehört: Kasabian – „48:13“


Abenteuerlustig wie immer präsentieren sich Kasabian auf "48:13".

Abenteuerlustig wie immer präsentieren sich Kasabian auf „48:13“.

Künstler Kasabian
Album 48:13
Label Sony
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Wenn du noch nie Drogen genommen hast und auch niemals welche nehmen wirst, dann ist dieses Album näher dran an einer Drogenerfahrung als alles andere. Ich denke, es gibt Momente, in denen du dich wirklich ‚high‘ fühlst, wirklich Angst hast, die Orientierung verloren hast und wirklich Spaß hast. Es diese Art Erfahrung.“

In diesem Zitat steckt von Gitarrist und Sänger Sergio Pizzorno über das neue Album von Kasabian steckt ganz viel von dem, was die Band  ausmacht: Die Jungs aus Leicester, durch die Aufnahme von Gitarrist/Multi-Instrumentalist Tim Carter mittlerweile wieder als Quintett firmierend, haben ein Selbstbewusstsein wie Oasis, eine Exzentrik wie The Mighty Boosh und einen Glauben an die Kraft der Musik, wie man ihn sonst allenfalls bei Muse finden kann.

Kaum eine andere Band hat sich in den vergangenen Jahren als so fantasievoll und abenteuerlustig erwiesen wie Kasabian, und die Briten danken es ihnen. Der Vorgänger Velociraptor! war Nummer 1 im UK, auch das morgen erscheinende 48:13, das fünfte Studioalbum der Band, wird mit ziemlicher Sicherheit wieder Platinstatus erreichen, in drei Wochen könnten sie als Headliner beim Glastonbury-Festival ihre bisherige Karriere krönen.

Trotz dieses Erfolgs hat die Band offensichtlich nichts von ihrem Wagemut und ihrer Unbekümmertheit verloren. Kasabian sagen im Zweifel: Cool, das haben wir noch nie gemacht, lass uns das mal ausprobieren! Das findet diesmal unter anderem in einem, naja, minimalistischen Albumtitel (48:13 meint selbstverständlich die Spielzeit des Werks) und in einem geradezu schmerzhaft spartanischen Cover seinen Ausdruck. Und in 13 Tracks, die man in dieser Kombination wohl nirgends sonst auf der Welt geboten bekommt.

„Das erste Instrument, das ich besaß, war ein Sampler“, umreißt Serge Pizzorno seine wichtigsten Einflüsse. „Die Tracks der frühen Rave-Ära hatten einen großen Einfluss auf die Art und Weise, wie ich bis heute Musik wahrnehme. Anschließend kam eine ziemliche Gitarrenphase. Dann veränderte Endtroducing von DJ Shadow mein Leben komplett. Meine Vision war es, jene drei Dinge zu verschmelzen, die ich in der Musik am meisten liebe. Das ist das Konzept des neuen Albums. Verbinde diese drei Welten miteinander und du erhältst einen Mischling, der einzigartig ist, und völlig neu.“

Das ist nicht zu hoch gegriffen. Nach einem Intro namens Shiva, das in erster Linie aus dem Rauschen eins Verstärkers besteht (48:13 enthält noch zwei weitere solcher psychedelischer Skizzen, in einer davon ist am Ende Serge Pizzornos 93-jähriger Großvater zu hören) legt Bumblebee los wie ein Beserker. Die leisen Geräusche in Shiva scheinen nur als Trick gedacht gewesen zu sein, damit man die Lautstärke höher dreht und dann von diesem Monsterbeat à la Fucking In The Bushes umgehauen zu werden. Wer empfindliche Nachbarn hat, ist vielleicht versucht, leiser zu drehen. Aber das Lied lässt das nicht zu, es wird immer gewaltiger.

Bumblebee war der erste Song, der für das neue Album entstand. „Es ist wie für Mosh Pits gemacht. Ich denke, es hatte damit zu tun, dass wir gerade von den Festivals in Reading und Leeds zurück kamen, wo wir diese riesigen Massen an Fans erlebt hatten und sahen, worauf sie reagierten. Textlich handelt der Song vom Publikum, von den Fans. Die Momente auf der Bühne, wo wir so viel geben, wie wir nur können, sind wirklich sehr besonders. Das Stück ist also ein Liebesbrief an diese Momente und an diese Menschen. Außerdem wollte ich diesmal alles einfach direkt sagen und nicht lange drum herum reden“, erklärt Pizzorno. “When we’re together / I’m in ecstasy”, bringt Sänger Tom Meighan im Refrain diesen Effekt auf den Punkt.

Es gibt auf 48:13 noch mehr solcher Kracher. Clouds hat einen guten Groove und bietet viel amüsanten Größenwahn, die kurzweilige Single Eez-Eh will mit ihrem Blondie-Beat wahrscheinlich gar kein Rocksong sein, sondern lieber ein Clubhit im Sinne von Common People oder Girls And Boys. Auf Gesten von Auflehnung und Verbrüderung setzt Stevie, von Pizzorno konzipiert als „Schlachtruf wie ‚Wir lassen uns das nicht mehr bieten!‘“, mit dramatischen Streichern und HipHop-Beat.

Die Ballade S.P.S. (die Abkürzung steht für „Scissors Paper Stone“) als Schlusspunkt des Albums besingt tatsächlich die eigene Band, den eigenen Zusammenhalt, die eigene Karriere – aber nicht als Selbstbeweihräucherung, sondern sehr putzig. „Das Stück ist ein Liebesbrief an Tom. Wir beide sind immer die beiden letzten, die noch stehen können“, meint Pizzorno passend dazu.

Vom Sound her ist S.P.S. das deutlichste Beispiel für so etwas wie einen neuen Minimalismus bei Kasabian. „Ich hatte das Gefühl, dass wir das notwendige Selbstbewusstsein haben, um bei diesem Album direkter und ehrlicher zu sein“, sagt Pizzorno, der erstmals auch als alleiniger Produzent fungiert hat. Und Tom Meighan ergänzt: „Weniger ist mehr. Es ist direkt. Genau das ist es. Hör es dir einfach an. Wir waren selbstbewusst genug, um uns ganz zu entblößen. Serge hat alles reduziert. Es ist unglaublich.“ Auch Bow fällt in diese Kategorie, ein sehr hübsches Liebeskummerlied mit viel Pathos und Grandezza und Tanzbarkeit wie einst Richard Ashcrofts Song For Lovers.

Wie schon bei den früheren Alben erweist sich die Begeisterung für die Studioarbeit („Wenn ich im Studio bin, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Alles ist am richtigen Platz, und da gehöre ich hin. Mach die Tür zu. Das ist es“, schwärmt Pizzorno) aber auch auf 48:13 als Problem. In einigen Momenten klingt die Platte, als würden sich hyperaktive Hooligans an einem Konzeptalbum versuchen. Doomsday ist so ein Fall, mit einem Beat, der fast an Cartoons oder Polka denken lässt. Der Track vereint viele Ideen, aber man merkt dem Komplexen an, dass es komplex ist. Was fehlt, sind elegante, unmerkliche Verbindungen, zudem schwächelt der Refrain, der aus genau einer Tonhöhe besteht und auch sonst recht plump ist.

Auch in Treat funktionieren die vielen verschiedenen Teile jeweils für sich, aber die Kombination wirkt nicht zwangsläufig, sondern willkürlich. Die Strophe ist EMF oder gar East 17, am Ende wird das Stück vollkommen synthetisch im Sinne von Kraftwerk oder OMD. Das noch stärker elektronische Explodes wird erst richtig spannend, als der leiernde Gesang aufhört. Glass, das man durchaus in der Nähe von Kula Shaker platzieren könnte, zeigt ebenfalls: Kasabian bräuchten vielleicht gar nicht so viel Brimborium (wie in diesem Fall Flöten, Pauken, Elektronik und einen gelungenen Rap-Gastauftritt des 23-jährigen Spoken-Word-Poeten Suli Breaks), wenn sie bessere Songs und vor allem bessere Melodien hätten.

Sie sind Meister des Studios, aber mit Akustikgitarre am Lagerfeuer wären etliche der Lieder auf 48:13 schlicht Rohrkrepierer. Das wäre nicht schlimm, schließlich müssen Popsongs nicht zwangsläufig in diesem Kontext funktionieren. Wer sich aber selbst in eine Reihe mit den Stone Roses, Primal Scream oder gar Oasis stellt, sollte diesem Anspruch gewachsen sein. Denn die waren, im Gegensatz zu Kasabian, durchweg auch Meister in diesem Metier.

Kasabian spielen Eez-Eh live bei Rock am Ring:

Homepage von Kasabian.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.