Hingehört: Kings Of Leon – „Walls“


Künstler Kings Of Leon

Kings Of Leon Walls Kritik Rezension

Für „We are like love songs“ steht der Titel des Albums.

Album Walls
Label Sony
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Das vielleicht Erstaunlichste an der Karriere der Kings Of Leon: 16 Jahre nach ihrer Gründung und 13 Jahre nach ihrem Debütalbum gibt es noch immer keine brauchbaren Trittbrettfahrer.

Natürlich haben Frontmann Caleb Followill, seine Brüder Nathan (Drums) und Jared (Bass) sowie ihr Cousin Matthew (Gitarre) eine kleine Brigade von Bands mit Südstaaten-Slang, kernigem Sound und kaputter Stimme ins Rampenlicht gebracht. Doch keine davon konnte wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen oder das Original in punkto Erfolg (über 18 Millionen verkaufte Alben stehen für die Kings Of Leon mittlerweile zu Buche) gar gefährden. Das zeigt, wie einmalig die Musik des Quartetts aus Nashville ist. Und genau diese Einmaligkeit wollten die Kings Of Leon auf ihrem heute erscheinenden siebten Album wiederfinden.

Der Albumtitel bedeutet ausgesprochen „We are like love songs“, soll aber auch für die Mauern stehen, die den Blick verstellen können und hier zum Einsturz gebracht werden, um die Band wieder zu ihrem wahren Geist finden zu lassen. Wie gut das auf Walls gelingt, ist schon nach ein paar Sekunden klar: Die Single Waste A Moment ist als Auftakt unverkennbar aus dem Hause Followill: knochentrockener Beat, pulsierender Bass, hymnischer Chor. „Take the time to waste a moment“, heißt die Aufforderung dazu: Selten klang Dekadenz so mitreißend.

Dass die Band ihren Markenkern eigentlich nie verloren hatte, machen auch danach etliche Songs auf Walls klar: Find Me ist die pure Essenz von Rock’N’Roll, das grandiose Eyes On You klingt, als habe Bruce Springsteen beschlossen, noch einmal jung zu sein und sich prächtig zu amüsieren. Over ist ein Lied, das die Existenz der Editors endgültig überflüssig macht, bei Muchacho kann man einen sehr konkreten Wunsch nicht aus dem Kopf bekommen: Bitte, lieber Quentin Tarantino, mach einen Film dazu!

Auffällig ist, dass Walls nie so klingt, als wären sich die Kings Of Leon bewusst, eine der größten Rockbands der letzten 15 Jahre zu sein. Die Platte – ebenso wie die ersten beiden Alben der Band in Los Angeles produziert – strahlt viel Ehrgeiz, Leichtigkeit und Spaß aus, also genau die Qualitäten, die Bands mit einem vergleichbaren Status (U2, Radiohead, Coldplay) mittlerweile abgehen.

Dazu gehört auch, dass es dezente Neuerungen gibt. In Reverend lässt eine fast dissonante Leadgitarre à la Albert Hammond Jr. grüßen. Around The World beweist, dass die Band bei ihren Weltreisen offenbar auch ein paar Latin- und Funk-Rhythmen aufgeschnappt hat. Conversation Piece lässt alle Coolness fahren und ist emotional entblößt wie bisher kein Lied dieser Band zuvor, die Gitarrenmelodie scheint sich gar an Radioheads Paranoid Android anzulehnen.

Noch weiter in diese Richtung geht der Titelsong als Schlusspunkt der von Markus Dravs (Arcade Fire, Coldplay, Florence + The Machine) produzierten Platte: Walls hat nichts von der Kraft , der Urwüchsigkeit und dem Sexappeal, den man normalerweise von den Kings Of Leon erwartet. Stattdessen dürfen wir ein Lied entdecken, das schlicht schön ist, beschaulich, verletzlich, einfühlsam. Das ist eine sehr wirkungsvolle Überraschung, zugleich fühlt es sich an, als habe man schon immer geahnt, dass so ein Lied in ihnen steckt.

Am Ende dieser zehn Songs hat man von den Followills, wieder einmal, mehr über Amerika erfahren als aus allen Büchern von Philip Roth zusammengenommen. Und man hat sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erneut in diese Band verliebt. Kein Wunder, dass die Kings Of Leon keine überzeugenden Nachahmer gefunden haben: Sie sind unnachahmlich.

Als Blender erweisen sich die Kings Of Leon im Video zu Waste A Moment.

Website der Kings Of Leon.

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