Hingehört: Miley Cyrus – „Bangerz“


Nur selten zeigt sich Miley Cyrus auf "Bangerz" als das Biest, das sie gerne sein will.

Nur selten zeigt sich Miley Cyrus auf „Bangerz“ als das Biest, das sie gerne sein will.

Künstler Miley Cyrus
Album Bangerz
Label Sony
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Man kann das leicht vergessen: Wenn sie sich nicht gerade von Robin Thicke betatschen, von Terry Richardson fotografieren oder von Markus Lanz langweilen lässt, dann macht Miley Cyrus Musik. Die 20-Jährige macht das schon so lange, dass sie zwölf Millionen verkaufte Platten vorweisen kann. Und jetzt verspricht sie mit ihrem neuen Album, das es bereits in siebzig (!) Ländern auf Platz eins der iTunes Charts geschafft hat: Bangerz. Also: Kracher.

Das ist eine Lüge, beinahe vom ersten Ton an. Am Beginn von Bangerz steht Adore You, das haushoher Favorit für den Titel als langweiligster Opener des Jahrzehnts sein dürfte. Nicht nur, dass es eine Ballade (als Auftakt!) ist. Der Gesang klingt auch noch, als würde Miley Cyrus bloß üben, der Text ist sagenhaft nichtssagend und der Gesamteindruck äußerst fade. Es gibt noch mehr Rohrkrepierer: SMS (Bangerz), das Duett mit Britney Spears, entpuppt sich leider nicht als Pop-Gigantentreffen, sondern als Sub-Standard-Machwerk. My Darlin’ ist einfach Schrott, Do My Thing klingt wie eine völlig uninspirierte Rihanna.

Dazu kommt viel Mittelmaß: Love Money Party ist im Prinzip eine sehr oberflächliche Nelly Furtado, Drive eine minimal talentiertere Lady Gaga, Someone Else eine weniger glamouröse Christina Aguilera. Maybe You’re Right bewegt sich irgendwo zwischen Katy Perry und Shania Twain, mit ein bisschen Coldplay-Ohoho im Hintergrund.

Freilich hat der Ex-Kinderstar auch genug Hitschmiede wie Pharell Williams, Dr. Luke oder will.i.am. an Bord, um ein paar Popsongs abzuliefern, die solide sind, manchmal sogar mehr. Die Single We Can‘t Stop gehört dazu, an der Mike Will (Rihanna, Lil Wayne, Kelly Rowland) mitgebastelt hat. Der Refrain ist mächtig, gewinnt seine besondere Note aber gerade daraus, dass er nicht versucht, das Maximum aus dieser Melodie herauszuholen, sondern sich in einer erfreulichen Zurückhaltung übt. #Getitright wird solide, im Megahit Wrecking Ball klingt Miley Cyrus erst wie Kate Bush, dann wie Lana Del Rey, dann im Refrain auch noch wie Bonnie Tyler. Dass der Track damit meilenweit übers Ziel hinausschießt, ist einer der besten Vorwürfe, den man einem Popsong machen kann – erst recht, wenn er auch noch einer Abrissbirne benannt ist.

Die besten Momente hat Miley Cyrus, wenn die Musik die nötige Qualität mitbringt und ausnahmsweise auch noch dem Image entspricht, das sie sich so krampfhaft zu geben versucht: Sie kifft auf der Bühne, sie posiert für Fast-Nackt-Fotos, nicht auszudenken, was sie bei ihrem TV-Auftritt heute Abend mit dem Bambi anstellen wird. „I’m a female rebel“, singt sie im gelungenen 4×4, mit unwiderstehlichem Beat und originellen Ideen wie einem Akkordeon im Hintergrund und Nelly als Gast. Das beste Lied, FU, könnte man sich sogar von Amy Winehouse vorstellen, Miley Cyrus klingt hier wie das böse, wilde, respektlose Biest, das sie so gerne sein will.

Neben den allenfalls durchschnittlichen Songs ist das die größte Enttäuschung bei Bangerz: Überall außerhalb ihrer Musik will sich Miley Cyrus als gefährliche Rebellin stilisieren, als furchtlose Individualistin. In ihren Songs findet sich von diesem Anspruch der Unverwechselbarkeit, vom Wunsch, eine Ikone zu sein, aber so gut wie keine Spur. Bangerz könnte genauso gut ein Album von Mariah Carey, Mel C. oder Madonna Ciccone sein. Und das sind bloß die Sängerinnen, die mit ihr die Initialen gemeinsam haben.

London statt Amsterdam, Tee statt Pot: Miley Cyrus passt ihren Wrecking Ball wohl den Auftrittsorten an.

Homepage von Miley Cyrus.

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