Hingehört: Piebald – „Accidental Gentlemen“


Viel Wucht, aber wenig Überzeugung - so klingt das letzte Album von Piebald.

Viel Wucht, aber wenig Überzeugung – so klingt das letzte Album von Piebald.

Künstler Piebald
Album Accidental Gentlemen
Label Side One Dummy
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Accidental Gentlemen, erschienen im Jahr 2007, ist das letzte Album von Piebald. Die Band aus Massachusetts spielte noch die dazugehörige Tournee zu Ende und gab dann im August via MySpace-Eintrag (so war das damals) ihr Ende bekannt.

Man kann diese Umstände bei Wikipedia nachlesen, oder aber – wenn man es ein bisschen cooler mag – bei Absolute Punk. Man kann sie aber auch dieser Platte anhören. Accidental Gentlemen, das fünfte Album der Band, ist eine konsequente Weiterentwicklung des Piebald-Sounds, die Hardcore-Ursprünge (das rasante Oh, The Congestion) sind ebenso erkennbar wie die Piano-Ambitionen des Vorgängers All Ears, All Eyes, All the Time (die poppige Single A Friend Of Mine) und die typisch verschmitzten Texte von Sänger Travis Shettel (wie in Strangers, das sich irgendwo zwischen Klavierballade und Sauflied einpendelt). Aber ganz eindeutig ist diesen Jungs die Überzeugung abhanden gekommen.

Piebald klangen einst wie eine Band, die die Welt verändern will. Sie wollten mitreißen, aufrütteln, zusammenschweißen. „Hey, you’re part of it“, lautete der Slogan in dem Lied, mit dem sie so etwas wie einem Hit am nächsten gekommen waren. Auf Accidental Gentlemen ist noch viel Energie enthalten, aber fast kein Glaube mehr, dass dieses Ziel mit ein paar Songs zwischen Powerpop und Punkrock erreicht werden kann. Piebald dozieren hier eher, statt zur Revolution aufzurufen.

Schon der Opener ist (nicht nur hinsichtlich seines Titels) beinahe zynisch, ungewohnt heavy und übellaunig – auch wenn das Ende aus „yeah yeah“ und „nanana“ besteht. There’s Always Something Better To Do ist symbolisch für die Eigenart dieses in nur zwei Wochen aufgenommenen und von Alex Newport (At The Drive-In) abgemischten Albums, alles immer noch ein bisschen komplexer und schräger (und damit weniger wirkungsvoll und weniger unmittelbar) zu machen. „I’m not rich / and I’m not free / and likely I will never be“, lautet die desillusionierte Erkenntnis.

Es gibt hier einige solcher Zeilen, die fast resigniert wirken: “All things will pass”, singt Shettel in Nature Wins, auch Roll On, das oberflächlich betrachtet vom Fahrradfahren handelt, wird ein Lied über Entfremdung, das musikalisch deutlich näher an Kurt Weill ist als an Hardcore. Life On A Farm träumt tatsächlich (oder vorgeblich) vom Rückzug ins beschauliche Landleben.

Accidental Gentlemen ist dabei weit davon entfernt, eine schlechte Platte zu sein. Hier gibt es genug Wucht, die richtige Einstellung und erstaunliches Können. Don’t Tell Me Nothing beispielsweise ist eine krachige Bubblegum-Rakete gegen die Borniertheit, so etwas wie eine Aggro-Variante von Ben Folds. On And On beweist die grandiosen melodiösen Möglichkeiten dieser Band, Getting Mugged And Loving It ist das beste Lied der Platte, mit genau der richtigen Mischung aus Feuer und Hirn.

Aber es gibt schlicht und ergreifend viel weniger Spaß als in der Blütezeit von Piebald. Immerhin schaffen sie es mit Untitled, dem letzten Stück des Albums, einen würdigen Schlusspunkt für ihre Laufbahn zu setzen, unkonventionell, hymnisch und nicht nur ein bisschen wahnsinnig. Auch das gehört eben zu einer großen Band: dass sie erkennt, wenn sie sich überlebt hat.

Ist das Spaß oder Zynismus? Diese Frage wirft auch das Video zu A Friend Of Mine auf:

Homepage von Piebald.

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