Hingehört: Rihanna – „Anti“


Künstler Rihanna

Cover des Albums Anti von Rihanna Kritik Rezension

Auf „Anti“ ist Rihanna nicht mehr maximal plakativ.

Album Anti
Label Roc Nation
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Kann das wirklich ernst gemeint sein? Anti? Von Rihanna? Will sich die Frau, die acht Grammys gewonnen und 264 Millionen Platten verkauft hat, plötzlich gegen den Mainstream stellen? Lehnt sich Rihanna, von der es unter anderem eine eigene Socken-Kollektion und ein Parfüm zu kaufen gibt und die zu den Mitbesitzern des Streaming-Dienstes Tidal gehört, gegen das Business auf?

Im Vorfeld ihres heute erscheinenden achten Studioalbums deutete wenig darauf hin. Es gab drei Vorab-Singles, darunter eine Kooperation mit Paul McCartney, und sogar eine eigene App (Rihanna hat einen Deal mit Samsung), mit der Fans die Entstehung der Platte verfolgen konnten. Die Veröffentlichung erfolgt natürlich auch als Deluxe-Version mit 16 Tracks, parallel wird in diesen Tagen die neue Welttournee beginnen. Zu den Mitstreitern gehören übliche Verdächtige wie Timbaland, The-Dream und Travis Scott.

Ein paar Hinweise auf eine (erneute) Neuerfindung von Rihanna gab es freilich auch, sogar Indizien dafür, dass die 27-Jährige die Sache mit dem Anti ernst meinen könnte. Keine der Vorab-Singles ist auf der Platte enthalten. Erstmals hat sich Rihanna eine längere Pause zwischen zwei Alben gegönnt: Der Vorgänger Unapologetic ist aus dem Jahr 2012 – bis dahin hatte sie seit ihrem Debüt jedes Jahr eine Platte herausgebracht. Vor allem aber hat Rihanna selbst bekundet, mit ihrem zuletzt gepflegten Sound, der auf Radiohits und Club-Kracher ausgelegt war, nicht mehr einverstanden zu sein: „I find that when I get on stage now, I don’t want to perform a lot of my songs. They don’t feel like me“, hatte sie beispielsweise im März zu MTV News gesagt.

Dass das Bekenntnis zu mehr Authentizität kein Vermarktungstrick ist, beweist diese Platte schon beim flüchtigen Hören: Es gibt keine Monster-Beats, keine Killer-Refrains und nichts, wonach sich das Formatradio die Finger lecken würde. „It is Rihanna without hits“, hat der Telegraph ganz treffend geschrieben. „This strange album may well be a reflection of the fact that not even her own backers really expects this to be a commercial blockbuster. It is more an exercise in rebranding, transforming the hit girl into a serious artist.“

Es ist der Tat eine Freude, Songs von Rihanna zu hören, die nicht maximal plakativ sind und die auch beim dritten oder vierten Hören noch neue Facetten offenbaren können. Woo, zu dessen Co-Autoren The Weeknd gehört, ist experimentell bei weitem nicht nur im Gebrauch der Stimmeffekte. Never Ending hat überhaupt keine Charakteristika, die zu einem Genre wie „Urban“ gehören, sondern wird stattdessen hübscher, unschuldiger Akustikpop, inklusive eines Dido-Samples.

Close To You, der Schlusspunkt von Anti, ist eine Klavierballade, nicht schmutzig und verführerisch, sondern verletzlich und ernst. Das vielleicht beste Lied ist der Soul-Walzer Higher. Der Song hätte auch wunderbar zu Amy Winehouse gepasst; nicht nur wegen der mehrfachen Erwähnung von Alkohol und anderen Drogen im Text, sondern wegen seiner Leidenschaft und dem Willen, ein Bekenntnis abzulegen. Selbst in einer a-cappella-Version wäre das noch umwerfend, leider ist der Song dann aber schon zu Ende, bevor er sich weit genug entfaltet hat, um tatsächlich ein Klassiker werden zu können. Same Old Mistakes entpuppt sich als knapp siebenminütige Coverversion eines Songs von Tame Impala, inklusive der Proklamation, Rihanna fühle sich „like a brand new person“.

Solche Zeilen der Selbstvergewisserung prägen die Platte, und es ist dieser Wille, sich selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen, der zur Grundlage für den künstlerischen Mut wird, den Rihanna mit diesem Album beweist. Sie weiß, dass sie einen Status erreicht hat, mit dem sie sich diesen Mut erlauben kann, ebenso wie eine kulturelle Präsenz, die das Spiel mit Brüchen und Selbstreferenzen möglich macht. Der Fokus liegt voll und ganz auf ihrer Person, nicht auf den Musikern, Songwritern oder Produzenten. Es gibt fast keine instrumentalen Passagen auf dieser Platte und wenige Momente, die nicht komplett von Rihanna dominiert werden. Ganz klar: Anti ist nicht für Fans von Pop, Rap oder RnB gedacht. Sondern für Fans von Rihanna, der Person, der Inszenierung, der Stimme.

In den besten Momenten verschmelzen diese drei Elemente, und der Gesang ist dabei oft so gut wie nie zuvor bei der Sängerin aus Barbados. Beispielsweise in Love On The Brain scheint sie selbst darüber zu staunen, wie viel Gefühl sie in diesen Schmachtfetzen legen kann, natürlich gepaart mit der nötigen Portion Coolness. „I’m tired of being played like a violin / what do I got to do / to get into your motherfucking heart?“, heißt das dann.

Im Auftaktsong Consideration kehrt sie nach einem Dancehall-Beginn in ihre übliche Tonlage zurück und man ist auch da überrascht, wie viel Wiedererkennungswert diese Stimme mittlerweile hat. Denn natürlich weckt das Phänomen Rihanna etliche Assoziationen, von Party-Exzessen über prügelnde Lover und Nacktfotos bis hin zu stilvollen Auftritten auf dem roten Teppich und der schon erwähnten Geschäftstüchtigkeit – an ihre Stimme denkt man längst nicht mehr in erster Linie.

Auch die Single Work demonstriert, wie stark Rihanna als Sängerin ist. Der Beat ist erstaunlich minimalistisch, selbst der Gastauftritt von Drake bleibt dezent. Stattdessen gibt es diese Stimme, und am Ende singt Rihanna genau so wie die Diva, das Mädchen und die Schnapsdrossel, die sie ganz offensichtlich ist – alles zugleich. Needed Me wird zu einer Abrechnung mit einem Ex, der zu „just another nigger on the A-list / trying to fix any issues with the bad bitch“ wird. Auch dieser Songs ist nicht getrieben von Schmerz, sondern proklamiert Selbstvertrauen, das in der stolzen Erkenntnis mündet: „You needed me.“

Das Problem von Anti ist (neben dem Fehlen von Hits, das einige Hörer sicherlich bemängeln werden) die Tatsache, dass diese angestrebte Authentizität und Ernsthaftigkeit nicht immer erreicht wird. Einige Tracks wirken beliebig, die Platte insgesamt etwas chaotisch. Natürlich ist das eine Unentschlossenheit, die wunderbar zu Rihanna passt und in jedem Fall spannender ist als ein weiteres Album mit garantierten Chartstürmern von der Stange. Trotzdem gelingt die Neuerfindung als Sängerin mit Tiefgang und musikalischer Innovationskraft hier nur ab und zu.

Ein treffender Titel ist Anti dennoch. Denn was die Platte auszeichnet, sind nicht so sehr die Ideen der neuen Rihanna. Anti ist vielmehr ein Album, das wegen all der Elemente überrascht, die es nicht enthält.

Szenen aus dem Videodreh zu Work.

Im Sommer gibt es Rihanna live in deutschen Stadien.

9. Juli – Hamburg, Volkspark Stadion

17. Juli – Frankfurt, Commerzbank Arena

28. Juli – Köln, Rhein Energie Stadion

2. August – Berlin, Olympiastadion

7. August – München, Olympiastadion

Website von Rihanna.

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