Hingehört: Slut – „Alienation“


Slut verbinden auf "Alienation" Reife mit Vitalität.

Slut verbinden auf „Alienation“ Reife mit Vitalität.

Künstler Slut
Album Alienation
Label Cargo
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Lassen wir zuerst Juli Zeh zu Wort kommen. Sie kann erstens wunderbar mit Worten umgehen, hat zweitens meistens etwas zu sagen und ist drittens eine Slut-Kennerin ersten Ranges: Gemeinsam mit der Band aus Ingolstadt hat sie 2009/10 das multimediale Theaterstück und Konzert Corpus Delicti geschaffen.

Jetzt hat die Schriftstellerin den Pressetext für Alienation verfasst, das siebte Studioalbum von Slut. Es komme „mit Opus-Magnum-Aura daher“, stellt sie zugleich fest und bilanziert dann: „Es gibt viele Arten des Älterwerdens, und die meisten sind scheiße. (…) Mit Alienation führen Slut vor, dass echte Reifeprozesse mit einem Anwachsen von Vitalität zu tun haben.“

Man kann ihr nur zustimmen. Alienation ist ein Hochgenuss für alle, die ihren Rock gerne mit Hirn, Herz und Fantasie mögen. Die Songs sind stark, die Energie ist verblüffend, die Atmosphäre ist stimmig. Vor allem Letzteres ist nicht selbstverständlich, denn Slut haben an Alienation alle fünf Produzenten beteiligt, mit denen sie bisher gearbeitet haben: Tobias Levin, Olaf O.P.A.L., Tobias Siebert (der mit fünf Tracks den Löwenanteil betreut hat), Mario Thaler und Oliver Zülch. Die zwölf Songs erforderten „unterschiedliche Perspektiven, eine heterogene Herangehensweise“, begründet die Band diesen Schritt. Dem Gesamterlebnis tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Das Album beweist, wie gut es diese Band versteht, das Studio als Instrument zu nutzen.

Wie der Opener Anybody Have A Roadmap an Fahrt aufnimmt und dann an Dramatik und Komplexität gewinnt, ist meisterhaft. Am Anfang stehen der schüchterne Gesang von Chris Neuburger und ein alles andere als wuchtiger Beat, am Ende sind daraus wilde Pauken und ein irres Keyboard geworden. Broke My Backbone demonstriert schon nach ein paar Sekunden eine irre Bandbreite: Der Beginn könnte von Jay-Z oder Muse oder Bloc Party sein, dann gibt es Breakbeats, einen wabernden Bass und das Geständnis: „I never had a strong backbone.“

Next Big Thing zeigt, wie Punkrock klingen könnte, wenn er erst im Jahr 2027 erfunden würde. Das famose All Show ist vibrierend, berührend und spannend, der Silk Road Blues (mit Sitar!) entpuppt sich als famos einfallsreicher Rocksong, hypnotisch und modern. Deadlock ist dann schon wieder so ein Lied, das lebendig, vielschichtig und fesselnd ist wie ein guter Roman.

Alienation, also Entfremdung, entsteht auf zwei Arten. Entweder, indem man krampfhaft am Bekannten festhält, während sich die Außenwelt in Bewegung befindet. Oder indem man beim Versuch, durch notorische Selbsterfindung up to date zu bleiben, den Boden unter den Füßen verliert. Wie also soll es gelingen, sich in einer Zeit, die ständigen Aufbruch verlangt, selbst treu zu bleiben?“, fragt Juli Zeh in ihrem Begleittext, und natürlich liefern Slut mit diesen Liedern die Antwort. Der Titelsong besteht nur aus einer Minute Gesang und verfremdeter Orgel, wird aber trotzdem intensiv und elegant. Remote Controlled hat ein elektronisches 80s-Flair. Wenn der Gesang in Nervous Kind nicht so schön und eingängig wäre, könnte man das Stück „Jazz“ nennen. Never Say Nothing bleibt maschinell und abstrakt, Neuburger wirkt fast wie ein distanzierter Beobachter, bis er kurz vor Schluss einräumt: „But I know how she feels“ – das ist grandios effektvoll.

Idiot Dancers hat eine zauberhafte Leichtfüßigkeit, die nicht auf Kosten der Ernsthaftigkeit geht – es ist das Lied auf Alienation, das daran erinnert, dass Slut in ihrer fast 20-jährigen Karriere nicht nur die Filmmusik für Crazy gemacht und die Dreigroschenoper neu vertont haben, sondern auch mal im Vorprogramm von Robbie Williams aufgetreten sind. Auch der Rausschmeißer Holy End deutet in diese Richtung, nur mit Klavier, Gesang und Verletzlichkeit.

Alienation ist tatsächlich ein Opus Magnum, das faszinierende Produkt der seltenen Konstellation, wenn Könnerschaft auf Kreativität trifft. Nach dieser Platte ist man versucht zu sagen: Slut sind die deutschen Radiohead – nur mit besseren Liedern.

Kunstvoll und stimmig ist auch das Video zu Next Big Thing:

Homepage von Slut.

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