The Smashing Pumpkins – „Adore“


Künstler Smashing Pumpkins

Aus Folk und Techno machen die Smashing Pumpkins eine weitere Neuerfindung.

Aus Folk und Techno machen die Smashing Pumpkins eine weitere Neuerfindung.

Album Adore
Label Virgin
Erscheinungsjahr 1998
Bewertung

Adore war ein Witz. Zumindest als Albumtitel – auch wenn niemand die Pointe verstand. Man habe ein Wortspiel mit „a door“ versucht, hat Frontmann Billy Corgan kürzlich erklärt, als Adore als Super-Deluxe-Edition neu aufgelegt wurde. Es sollte ein Hinweis darauf sein, dass die Smashing Pumpkins versuchen, neues Territorium zu erschließen. Doch das hat keiner kapiert.

Es ist mit gut 15 Jahren Abstand eine erhellende Anekdote, denn die Musik auf Adore löste im Sommer 1998 bei Fans noch mehr aus Irritationen aus als die nackten Brüste von Bassistin D’Arcy im Booklet. Keine Spur von Krawall, kein kraftvolles Schlagzeug, nirgends eine verzerrte Gitarre – Greg Kot erkannte darin im amerikanischen Rolling Stone „a complete break with the past“, und Arne Wilander bezeichnete in der deutschen Ausgabe Adore als Billy Corgans Versuch, „die Rockmusik mit einer Platte fast ohne Rock zu retten“.

Dabei hätten Publikum und Kritiker gewarnt sein können. Nach dem Triumph auf geschäftlicher Ebene (das 1995er-Doppel-Album Mellon Collie And The Infinite Sadness hatte bis dahin acht Millionen Exemplare verkauft) und diversen Tiefschlägen auf persönlicher Ebene (Corgan hatte sich scheiden lassen, seine Mutter war an Krebs gestorben, Tour-Keyboarder Jonathan Melvoin erlag einer Überdosis, eine 16-Jährige Zuschauerin kam bei einem Konzert in Dublin ums Leben und mit Schlagzeuger Jimmy Chamberlin warf er seinen engsten musikalischen und persönlichen Vertrauten wegen Drogenproblemen aus der Band) wollten die Smashing Pumpkins auf keinen Fall so weitermachen wie bisher. „Vor allen anderen Überlegungen zu diesem Album stand der Vorsatz, kein weiteres Rockalbum aufzunehmen. Das war der zentrale Gedanke“, betonte Corgan zum Erscheinen von Adore im Interview mit Visions.

Schon im Vorfeld hatte er “eine Techno-Platte” angekündigt, was ihm keiner glauben wollte. Dabei waren die beiden Songs, die die Smashing Pumpkins in der Zwischenzeit für Soundtracks beigesteuert hatten (Eye für Lost Highway und The End Is The Beginning Is The End für Batman & Robin), deutlich elektronisch geprägt. Auch 1979, einer der Hits von Mellon Collie, war ein Fingerzeig in diese Richtung.

Umso erstaunlicher ist, wie beleidigt vor allem die Fans auf das vierte Album der Smashing Pumpkins reagierten. Die Ablehung war so stark, dass sie lange Zeit auch auf Billy Corgan abfärbte: „Ich liebe Adore, aber eine Weile war meine eigene Meinung zum Album so verflochten mit den Reaktionen der Leute, als es erschien. Meine daraus resultierende skeptische Haltung dauerte sogar noch an, als viele Fans das Album später für sich entdeckten – was so richtig vor circa sieben Jahren losging. Mittlerweile wird Adore von den Fans immer als Referenzpunkt genannt.“

Das ist kein Wunder: Das Album ist sagenhaft gut gealtert für eine Platte, die gut 15 Jahre alt ist und damals unbedingt modern sein wollte. Der Auftakt To Sheila ist tatsächlich eine Folk-Ballade. Man kannte diese zerbrechliche, romantische, akustische Seite schon von Mellon Collie, vor allem auch von den B-Seiten der Smashing Pumpkins. Aber nach einem Mehrfach-Platin-Album den Nachfolger mit so einem Song zu beginnen (in dem sich dann auch noch „Avalon“ auf „Autobahn“ reimt), ist dann doch ein starkes Stück.

Die noch größere Provokation folgt sogleich: Ava Adore, Leadsingle des Albums, lässt verstehen, was Corgan mit der Warnung vor einem „Techno-Album“ gemeint hatte. Die Band, die vorher den besten Rock-Schlagzeuger der Welt in ihren Reihen hatte, setzt hier tatsächlich auf einen Computerbeat, und auch noch auf einen sagenhaft plumpen. Corgan setzt eine Drum Machine ein, „wie sie noch niemand in der Rockmusik eingesetzt hat: ein kunstloses, geradliniges Zischen und Kesseln, überhaupt nicht bemüht, irgendwie echt zu klingen, und dabei nicht ein Jota Drum & Bass oder Big Beats oder modernistisch“, hat Arne Wilander das im Rolling Stone umschrieben. Das Ergebnis ist das beste Tanzlied der Smashing Pumpkins seit 1979. Der Beat hat die Härte und Kälte von Bullet With Butterfly Wings, der Refrain ist himmlisch und filigran wie Tonight, Tonight.

Es sind diese beiden Kraftfelder, Folk und Elektronik, aus denen sich Adore speist. „Es hätte ein viel akustischeres Album werden können“, berichtete Gitarrist James Iha kurz vor Ende der Sessions dem Rolling Stone, „oder auch ein elektronischeres. Oder wir hätten die Songs live aufnehmen können, mit richtigem Gruppensound. Jetzt ist’s alles zugleich.“ Das bringt den etwas schizophrenen Charakter der Platte auf den Punkt und belegt zudem, dass sich die Band auch mit diesem Album (wie mit allen zuvor) neu erfunden hat.

Es zeigt aber auch, wie steinig der Weg zu diesem Ergebnis war. Corgan hat die Aufnahmen zu Adore, bei denen mehr als 30 Songs entstanden, später einmal “one of the most painful experiences of my life” genannt. Etliche Produzenten (unter anderem Rick Rubin und Daniel Lanois) wurden angedacht und ausprobiert und dann doch nicht richtig eingebunden, ebenso diverse Drummer. Letztlich wurden Flood und Brad Wood als Produzenten geführt, Adore ist aber in erster Linie das Werk von Billy Corgan. Er arbeitete diesmal viel mehr alleine an den Songs; zudem ist dies das erste Album der Smashing Pumpkins, auf dem James Iha nicht als Autor auftritt (er arbeitete parallel an seiner Soloplatte Let It Come Down). Und Corgan liefert einige seiner persönlichsten Texte ab.

Die Musik auf dieser Platte betont durchweg: Ich bin anders als ihr, besser. Die Texte hingegen sagen: Im tiefsten Herzen bin ich doch wie ihr – oder ich möchte wenigstens gerne so sein. Überall ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit mit Händen zu greifen. An erster Stelle ist da Blank Page zu nennen: Selten war Larmoyanz so schön wie in diesem Song; fast wirkt es, als hätte Corgan das Schwelgen in Selbstmitleid als seinen natürlichen Gemütszustand anerkannt – endlich.

Daphne Descends ist ein weiterer Moment, der die Erkenntnis nahe legt, eine gut gepflegte Neurose sei noch immer die beste Grundlage für einen guten Popsong. For Martha thematisiert den Tod seiner Mutter, in rührender Einfachheit und mit majestätischer Melodie, auch Once Upon A Time scheint ein Nachruf zu sein.

Crestfallen verarbeitet eine schwierige Liebesbeziehung, ganz schlicht und schlicht herzergreifend. Auch Annie Dog ist von einem gebrochenen Herzen gezeichnet, und es braucht nur ein paar Klavierakkorde, um daraus eine subtile, elegante und höchst geheimnisvolle Abrechnung zu machen. Pug verweist thematisch in eine ähnliche Richtung, wird aber mit seinen Noise-Elementen deutlich aggressiver. Selbst die Single Perfect ist trotz ihres Titels und des leichten, beinahe entspannten Sounds laut Corgan „ein reichlich deprimierender Song über das Ende einer Beziehung”.

Als wichtigste Themen der Platte hat er später „Abkoppelung, Auflösung, Entkörperlichung“ genannt, und dazu passt, dass David Wild vom Rolling Stone hier „den überraschend schönen Sound einer großartigen Band, die auseinanderbricht“ zu hören meint. Appels + Oranges untermauert das mit einem prominentem Beat und einer gut erkennbaren Verwandtschaft zu dem, was Billy Corgan später bei Zwan machen sollte. Auch Shame ist ein Beispiel dafür, wenn auch ein lahmes – es ist der einzige schwache Song dieses Albums.

An anderer Stelle stehen Großtaten wie Behold! The Night Mare, das eine cineastische Mellon Collie-Atmosphäre und ein Beatles-Finale zu bieten hat. The Tale Of Dusty and Pistol Pete (Letzterer war angeblich ein berühmter Baseball-Profi aus den 1950er Jahren) steht dem kaum nach, mit einem Refrain, der grandios ist und doch voller Understatement. „Die Songs sind schwebende Nachtmusiken, wie beiläufig gespielt, geträumt“, schrieb Arne Wilander über diese Platte, und nirgends könnte das deutlicher sein als in diesem Lied.

„Was Adore von unseren anderen Veröffentlichungen unterscheidet, ist die Art, wie es dir begegnet. Es drängt sich nicht auf. (…) Es lädt dich erst zurückhaltend ein, um dich kurz darauf hineinzusaugen“, hat Billy Corgan über das Album gesagt, und er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Dass etliche Fans nicht geduldig und tolerant genug waren, um den Moment des Hineinsaugens zu erleben, hätte er sich freilich nicht träumen lassen. Im Rückblick kann man getrost festhalten: Sie haben etwas verpasst.

Live waren dann gleich wieder drei Schlagzeuger im Einsatz: Ava Adore im BBC-Studio.

Homepage der Smashing Pumpkins.

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