Hingehört: Snowbird – „Moon“


Moon klingt intim, entstand aber per E-Mail.

„Moon“ klingt intim, entstand aber per E-Mail.

Künstler Snowbird
Album Moon
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es gibt eine Stelle in Leo Tolstois Krieg und Frieden, in der er den Gesang einer seiner Hauptfiguren beschreibt. Die junge Natascha ist ohnehin bezaubernd, aber wenn sie singt, liegt ihr die Welt zu Füßen. „Es lag eine jungfräuliche Unberührtheit in dieser Stimme, ein Unbewusstsein ihres Könnens, eine natürliche, samtene Weichheit, die sich so mit dem Mangel an Kunst verschmolz, dass man sich scheute, etwas an diesem Gesang zu ändern, aus Furcht, in verderben zu können“, heißt es da.

Genau so eine Stimme hat nicht nur die von Tolstoi erdachte Natascha, sondern auch die ganz real existierende Stephanie Dosen. Kein Wunder, dass sich Simon Raymonde in diese Stimme verliebt hat. Der ehemalige Kopf der Cocteau Twins, mittlerweile Label-Boss von Bella Union, war hin und weg, als er den Gesang der Amerikanerin hörte. “Stephanie was the first singer I had worked with since Elizabeth [gemeint ist Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins] that I had a real musical empathy with. She could do anything”, schwärmt er.

Das erste Resultat seiner Begeisterung war Dosens Debütalbum A Lily For The Spectre (2007), das von Raymonde produziert wurde. Nun, nachdem die Dame aus Wisconsin unter anderem für Massive Attack und die Chemical Brothers gesungen hat, gehen die beiden als Snowbird noch einen Schritt weiter: gemeinsame Songs, gemeinsames Album.

Moon ist nicht nur deshalb ein passender Titel für diese zauberhafte, edle Platte, weil er zur beschaulichen Atmosphäre passt. Der Mond prägte auch den Entstehungsprozess des ersten Werks von Snowbird. “I wrote every piece of music at night, in semi-darkness so that the space didn’t feel like my living room”, erklärt Raymonde. “The moon was very important for the light it reflected.” Und Stephanie Dosen ergänzt: “All the stories on the record are night-time stories, forest-y and moonlit. The moon only shines because it is being seen by the sun – I like the idea of that sort of illumination of an object or a person. It’s almost like being seen makes us shine.”

Apropos Entstehungsprozess: Neben prominenten Gästen wie Philip Selway und Ed O’Brien (Radiohead), Eric Pulido und McKenzie Smith (Midlake) sowie Jonathan Wilson und Paul Gregory (Lanterns On The Lake) gibt es noch einen bemerkenswerten Aspekt: Moon klingt zwar, als seien Raymonde und Dosen im selben Raum, als würden sie miteinander träumen, tasten und schweben. In Wirklichkeit lagen aber geschätzte 8000 Kilometer zwischen den beiden Musikern. Raymonde entwarf nachts in London kleine Klavierskizzen und schickte sie per Mail an seine Duo-Partnerin, Dosen nahm in North Carolina dann den Gesang dazu auf und schickte die Ergebnisse zurück.

Das macht die Intimität noch beachtlicher, die aus diesen elf Liedern spricht. Charming Birds From Trees beispielsweise ist ein Traum, ein Genuss, eine Streicheleinheit. Ein liebkostes Schlagzeug und ein behutsames Klavier prägen Come To The Woods. Flöten veredeln das herrlich gesungene All Wishes Are Ghosts, unfassbar schön ist Bears On My Trail. Als am Ende des Albums in Heart Of The Woods plötzlich ein (wenn auch dezenter) Beat auftaucht, ist man beinahe geschockt.

Die größte Stärke von Moon bleibt aber in jedem Moment der Gesang. Das unfassbare Amelia ist ein Beispiel dafür, am deutlichsten wird die Meisterschaft von Stephanie Dosen aber gleich zu Beginn in I Heard The Owl Call My Name. Die Musik klingt wie in Watte gepackt, und dann ist da dieser ganz hohe Gesang, der sich schließlich vermehrt: Am Ende des Lieds flattern ganz viele Stimmen umeinander herum wie Schmetterlinge. „I think this is very much Stephanie’s record”, erkennt Simon Raymonde an. “She’s a really special singer and I feel the simplicity of my music was the perfect backdrop for her stories and her incredible vocal arrangements.“

Die Musik von Snowbird ist exquisit genug, wie Seide, wie Champagner, wie eine Delikatesse. Aber bei diesem Gesang brauchte es das fast gar nicht – Stephanie Dosen hat eine Stimme, die schön genug ist, um schon allein die Existenz jeglicher Musik zu rechtfertigen, die von ihr gesungen wird.

Eine märchenhafte Nacht ist auch das Setting fürs Video von Porcelain.

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