Hingehört: Sophia – „As We Make Our Way (Unknown Habours)“


Künstler Sophia

As We Make Our Way Sophia Albumkritik Rezension

Sophia klingt traurig, es geht einfach nicht anders.

Album As We Make Our Way (Unknown Habours)
Label The Flower Shop Recordings
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

„Es ist das Tragische an der Schwermut, dass sie einen nicht nur krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht.“

Diese Erkenntnis aus Hermann Hesses Camenzind trifft natürlich völlig zu. Bei Robin Proper-Sheppard, dem Mann hinter Sophia, kommt noch ein weiterer Effekt hinzu: Sie macht ihn kreativ. Mehr noch: Schwermut ist Voraussetzung dafür, dass er gute Musik schreiben kann, hat er erkannt.

„Ich hatte mir nach den schmerzvollen Erfahrungen rund um die letzte Platte, die auch davon begleitet wurden, diese Songs im Anschluss jeden Abend live zu performen, eines geschworen: Ich möchte nie wieder eine Trennungsplatte machen“, sagt er. „Ich war dem Thema mit There Are No Goodbyes [seinem letzten Album] so nahe wie möglich gekommen, ich hatte alles darüber gesagt. Und es war auch ein stückweit Selbstschutz, denn letztlich möchte ich nicht als der Musiker bekannt sein, der immer nur dann eine Platte aufnimmt, wenn er eine schwere Trennung verarbeiten muss. Ich wollte herauskommen aus diesem Kreislauf, bei dem sich so ziemlich jeder Song, den ich schreibe, mit der Aufarbeitung meiner persönlichen Beziehungen auseinander setzt“, beteuert er.

Dann musste der Mann, der aus Kalifornien stammt, lange in England gelebt hat und jetzt nach Belgien gezogen ist, allerdings erkennen, „dass ich einfach nur dann wirklich gute Songs schreibe, wenn ich mich über das Dunkle und Melancholische einem Thema nähere. Die Leichtigkeit, wertvolle Musik zu komponieren, wenn es mir rundum gut geht und mich nichts bedrückt – sie scheint mir einfach nicht zu liegen. Denn es steckt dann in meiner Komposition einfach nicht genug Existenzielles. Und existenziell sollte es sein, was ich veröffentliche.“

So singt er nun auch auf As We Make Our Way (Unknown Habours), dem heute erscheinenden sechsten Album von Sophia, Zeilen wie “It’s easy to be lonely, it’s easy to be sad” (It’s Easy To Be Lonely) oder „It’s okay, I’ll take the blame / I made enough mistakes for the both of us“ (Blame) oder nimmt sich alle Zeit der Welt, um (in schönster Weise) in Selbstmitleid zu baden (The Drifter).

Das Besondere bei As We Make Our Way (Unknown Habours) ist, wie meisterhaft das klingt. Große Flächen werden bei Sophia quasi als Leinwand entworfen, um sie dann mit sehr geschickt gesetzten Effekten zu füllen. Wiederholungen sind dabei ein ebenso wichtiges Stilmittel wie immer weiter anwachsende Soundschichten. Klang und Atmosphäre, die nicht nur gelegentlich an Get Well Soon denken lassen, sind so wichtig, dass sich Proper-Sheppard mit Gesang sehr zurückhält. Nach zwei Liedern (wobei der Auftakt Unknown Harbours zugegebenermaßen ein Instrumental ist) hat er gerade einmal 50 Wörter gesungen und handgestoppte 1:21:70 Minuten lang seine Stimme erklingen lassen.

Das liegt auch daran, dass er für As We Make Our Way (Unknown Habours) quasi eine Weiterbildung belegt hat, und zwar einen Studienzweig für Sounddesign an einem Musikkonservatorium in Brüssel. „Ich bin zwar kein ausgewiesener Sound-Nerd, aber gleichzeitig schon enorm interessiert an den Möglichkeiten und Effekten, die prägnante Klänge auf einen Hörer haben können“ sagt er. „Ein treffender Sound kann ebenso viel beim Hörer auslösen wie eine gut geschriebene Melodie. Darüber habe ich in den letzten Jahren viel gelernt, und ich setze das gezielt ein.“

Resisting illustriert das sehr gut mit seinem mächtig dramatischen Crescendo-Beginn und wuchtigen Drums, auch das spacige You Say It’s Alright oder das hübsche California, in dem er sich an die einstige Heimat mit dem Wunsch “Let’s pretend that we’re all in this together” und einer Spur von Heiterkeit erinnert, sind Belege dafür. An anderer Stelle gibt es von Sophia diesmal lupenreinen Rock (St. Tropez/The Hustle), in Don’t Ask erzählt Proper-Sheppard aus der Perspektive eines Wissenden, der aber trotzdem noch staunen und sich wundern kann.

Das eindeutig traurigste von vielen traurigen Lieder ist das akustisch Baby, Hold On. Proper-Sheppard ist darin völlig am Boden, so sehr erdrückt vom eigenen Schmerz, dass man an einen weiteren Literaten und seine Gedanken über die Schwermut denken muss. „Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des Unglücks fassen; was darüber hinaus geht, vernichtet ihn oder lässt ihn gleichgültig“, schreibt Goethe in den Wahlverwandtschaften II.4. Man darf gewiss sein, dass man bei Sophia diesem Punkt sehr, sehr nahe kommt.

Sophia spielen It’s Easy To Be Lonely live.

Im April gibt es Konzerte von Sophia in Deutschland.

24.04.2016 Köln – Artheater
25.04.2016 Hamburg – Nochtspeicher
28.04.2016 München – Ampere
29.04.2016 Dresden – Beatpol
30.04.2016 Berlin – Kantine am Berghain

Website von Sophia.

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