The Kooks – „Listen“


Künstler The Kooks

Die Kooks werden funky - deshalb klingt "Listen" so frisch.

Die Kooks werden funky – deshalb klingt „Listen“ so frisch.

Album Listen
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es gibt viele Dinge, die dazu führen können, dass eine Band sich neu erfindet: Drogen. Bücher. Todesfälle. Exfreundinnen. Gurus. Ausgeflippte Produzenten. Das gerade selbst erbaute Studio. Es gibt eine Sache, die normalerweise nie dazu führt, dass eine Band sich neu erfindet: Schlagzeuger.

Bei Listen, dem übermorgen erscheinenden vierten Studioalbum der Kooks, ist das nun aber so. Alexis Nunez ersetzte 2010 den aus gesundheitlichen Gründen ausscheidenden Paul Garred. Auf Listen sitzt er erstmals auf einem Kooks-Album an den Drums, und er hat entscheidenden Anteil daran, dass The Kooks zehn Jahre nach ihrer Gründung klingen, als seien sie in einen Jungbrunnen gefallen. Und als ob sie neuerdings Sex hätten.

Ein Schlagzeug-Fill-In ist das erste, was man auf dieser Platte hört. Es leitet das schmissige Around Town ein, in dem auch der Bass sich kaum wieder einkriegt vor lauter Freude über die neu gewonnene Bewegungsfreiheit. Dazu kommen ein Chor, ein Keyboardsolo mit so viel „Tasteninstrumente können sexy sein“-Überzeugung, wie man sie zuletzt bei, hüstel, Toploader gehört hat. Und die Textzeile „I need someone to love in the middle of the day.“

Solche Zeilen, ebenso wie „You gotta let go and come with me“ (Bad Habit) oder „We are electric together“ (Are We Electric) sind auf Listen definitiv nicht mehr romantisch gemeint, sondern sie haben Rummachen, Nacktsein und, jawohl, Geschlechtsverkehr im Sinn. The Kooks waren schon immer tanzbar, aber nun haben sie R&B entdeckt, Funk und Rap (woran, neben dem neuen Drummer, sicher der junge Hip-Hop-Pionier Inflo als Co-Produzent deutlichen Anteil haben dürfte). „I’m so sexual“, singt Luke Pritchard sogar im irre eingängigen und fantasievollen Down, das schon als Vorab-Track die neue Ausrichtung der Kooks angedeutet hatte.

Das fantastische Forgive & Forget ist ebenfalls ein guter Beleg dafür. Es beginnt mit dem Sound der alten Kooks, Luke Pritchard singt zu einer halbakustischen Gitarre, doch dann verleiht das Schlagzeug (Alexis Nunez hat den Song auch mit komponiert) dem Stück einen mächtigen Arschtritt und alles wird mindestens so funky wie bei Prince. Der Rhythmus ist so ansteckend, dass die Kooks sich links und rechts davon einen erstaunlichen musikalischen Wahnsinn erlauben dürfen, zudem beweist Forgive & Forget mal wieder: Es kann gar nicht genug Lieder mit Kuhglocke geben.

Für die Neuerfindung der Kooks war auch eine neue Arbeitsweise ein wichtiger Einfluss, erklärt Luke Pritchard. „Für mich geht es bei dem Album um unverfälschten Ausdruck“ sagt er. „Selbst die Art und Weise, wie es entstanden ist, hat sich frisch angefühlt. Wir waren nicht einfach eine Band in einem Raum, die Gitarre spielt und dann den Gesang drüberlegt, wie wir es vorher immer gemacht hatten. Wir haben wirklich auf das gehört, was um uns rum passierte und so sind neue Ideen entstanden. Das Ganze war viel natürlicher.“

Bad Habit ist vielleicht der Song, dem man das am deutlichsten anmerkt. Das Stück hat viel Kraft und mächtig Drive, die Kooks haben tatsächlich Spaß daran, ihre Muskeln spielen zu lassen – dabei hatte man bisher nicht einmal geahnt, dass sie überhaupt Muskeln haben. Are We Electric klingt, als wollten sie den nachgeborenen und geistesverwandten Bombay Bicycle Club oder Everything Everything noch mal genau erklären, wie die Sache mit dem ausgeklügelten, gutgelaunten Indie-Pop wirklich geht. Das tropisch angehauchte Sunrise dürfte sogar Tote zum Tanzen bringen.

Wie man das von früheren Alben kennt, gibt es auf Listen aber – bei aller Freude an R&B und Disco – ein ordentliches Maß an Abwechslung. Dreams sorgt für eine Prise Psychedelik. Westside hat genug Retro-Coolness, um Zeilen nicht peinlich erscheinen zu lassen wie diese: „We could settle down / and start a family / ’cause you’re my best friend / and you’re so good to me.“ Tatsächlich hat ein derart spießiges Angebot selten so verführerisch gewirkt wie hier. Von den London Riots ist It Was In London inspiriert, natürlich erreicht es nicht die Bedrohlichkeit von Street Fighting Man, aber es enthält eine Anarchie, die man nicht erwartet hätte von den Kooks.

Und dann ist da ja noch See Me Now, von Luke Pritchard ganz offensichtlich an seinen verstorbenen Vater adressiert. Es ist ein Lied mit einer kleinen Dosis Stolz und einer großen Dosis Sehnsucht, so echt, dass sogar der Gospelchor gegen Ende nicht übertrieben wirkt. Und es ist der besondere Moment auf einem ohnehin schon überzeugenden Album.

Den Schlusspunkt von Listen bildet ein Lied, das ein wenig klingt, als würden The Cribs einen Song von Justin Timberlake covern und dann versehentlich in einer Jazz-Spelunke landen. Die letzten Töne, die man auf Sweet Emotion hört, erinnern zudem ein bisschen an den gleichnamigen Aerosmith-Track. Und gespielt werden sie natürlich: vom Schlagzeug.

Gleich acht Tiwggys tanzen durchs Video von Forgive & Forget.

Homepage der Kooks.

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